Die Setzzeit hat begonnen

Rücksichtloses Verhalten: Hegering appelliert an Waldbesucher

Rehbock Opfer einer Hundattacke
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Der Rehbock verhält sich sehr vorsichtig und ist zur Flucht bereit, sobald sich ein Mensch noch weiter annähert. Er nimmt eine Störung längere Zeit übel und kommt häufig erst am späten Abend wieder aus der Deckung, um weiter zu äsen. Dieser Rehbock wurde wenige Tage nach der Aufnahme in der Hechmecke Opfer einer Hundeattacke.

Da sich der Frühling nun – nach mehreren Kälteeinbrüchen – endgültig durchsetzt, drängen immer mehr Menschen in ihrer Freizeit in die Natur. Doch dabei sollten sie sich rücksichtsvoll verhalten, denn Rehe und andere Waldtiere bekommen nun ihren Nachwuchs und brauchen deswegen vor allem eines: Ruhe.

Plettenberg - „Es geht absolut nicht darum, die Leute zu diffamieren und den Moralapostel zu spielen, aber die Lage hat sich verschlechtert“, sagt Philip Plassmann, der beim Hegering Plettenberg für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Der Respekt für Wild und Wald sei geringer geworden, das beobachten Jäger nicht nur in den Plettenberger Revieren, sondern auch in den Nachbargemeinden. Dass mehr Menschen Erholung in der Natur suchen und gerade auch in Corona-Zeiten Abstand von der Pandemie suchen, dafür habe man Verständnis. Jeder solle in der Natur sein können, wie er es brauche. „Wir sehen aber Handlungsbedarf, weil die Leute sich respekt- und rücksichtlos verhalten, auch wenn sie das teilweise gar nicht realisieren.“

Das gilt insbesondere jetzt zur Setzzeit. „Rehe, Hasen und Wildschweine kriegen jetzt ihre Jungen, die zum Teil auf landwirtschaftlichen Flächen geboren werden“, erklärt Plassmann. Was viele nicht wüssten: Von März bis Juni sei es gesetzlich verboten, landwirtschaftliche Flächen wie Heuwiesen, Getreidefelder oder Maispflanzungen zu betreten.

Freilaufende Hunde Und erst recht sollte man dort seinen Hund nicht frei herumlaufen lassen. Plassmann selbst erlebt es immer wieder, dass herrenlose Hunde im Wald abseits der Wege unterwegs sind – sogar Hasen hinterherjagen – und weit und breit sei kein Halter in Sicht oder folge erst im Abstand von einem halben Kilometer. „Man sieht auch immer wieder, dass mal eben ein Stöckchen auf die Wiese geworfen wird“, sagt Plassmann. Wenn die Hunde dabei ein Kitz oder einen Junghasen, bei denen der Fluchtreflex sich noch nicht ausgebildet habe, folgten Hunde dann manchmal ihrem Instinkt: „Das ist eine Beute, die schnapp ich mir jetzt.“

Übrigens sollten gefundene Jungtiere auf keinen Fall angefasst werden, sondern gegebenenfalls einem Jäger gemeldet werden. Sobald das Tier seinen Eigengeruch verliert – und das passiere, wenn man es anfasst – , werde die Mutter es nicht mehr annehmen und es müsste verhungern.

Auch Kirrungen sollten nicht betreten werden. Dabei handelt es sich um Flächen, die zur Wildschweinjagd genutzt werden und wo etwas Mais unter Baumscheiben liegt, um die Tiere anzulocken. „Der Geruch von vielen Menschen und Hunden auf dieser Fläche vertreibt das Wild.“ Das störe die Jagdausübung, was bei den ohnehin schon schwierig zu bejagenden Wildschweinen zu einem unnötigen Problem werde.

Störungen entstehen allerdings nicht nur durch Waldbesitzer mit Hunden, sondern auch durch Freizeitsportler, vor allem Mountainbiker. Laut Wald- und Forstgesetz dürfen Mountainbiker nur auf ausgewiesenen Wegen fahren, nicht abseits davon. „Wir drücken auf den Strecken, die Teil des P-Wegs sind, die Augen zu, aber abseits davon sollte nicht gefahren werden.“

Und trotzdem geschieht es. Gerade wenn Mountainbiker auf Singletrails abseits der Wege unterwegs seien, werde das Wild ungemein gestört. Betroffen sei unter anderem eine Singletrail-Strecke oberhalb von Holthausen an der Gartenstraße, die nicht Teil des P-Wegs sei. Obwohl immer wieder angesprochen werde, dass dort nicht gefahren werden dürfe, seien einige Radler trotzdem dort unterwegs. Erst vor wenigen Tagen machten Plassmann und ein Jägerkollege diese Beobachtung beim Ansitz an einer Wiese, auf der zwei trächtige Ricken standen, die wegen der Kitze in ihrem Bauch besonders viel Ruhe benötigten.

„Auf dem Singletrail fuhren dann drei Mountainbiker. Obwohl sie noch mehr als 100 Meter entfernt waren, sind die Ricken sofort panisch geflüchtet. Die Mountainbiker haben das gar nicht bemerkt und sich lautstark unterhalten, das Wild wurde aber nachhaltig dadurch gestört.“

Dabei stehen die Wildtiere auch aus anderen Gründen schon unter Stress. „Wir hatten jetzt zwei heiße Sommer und einen sehr kalten Winter mit heftigem Frost“, sagt Plassmann. „Außerdem können die Tiere nirgendwo Ruhe finden, weil überall das Borkenkäferholz aus dem Wald herausgeholt wird.“

Zusätzlich verschwinden durch die Abholzungen Rückzugs- und Erholungsräume für die Tiere. „Wenn man sich die erschreckenden Ausmaße anguckt, wenn ein Harvester mit einer Waldfläche durch ist: Da gibt es keine Deckung und keine Äsung mehr für die Tiere. Das sind im Moment tote Flächen.“

Ein Vorwurf an Waldbesitzer oder Forstarbeiter sei das selbstverständlich nicht. Die Bäume müssten aus dem Wald raus. Mangels Äsung – also Futter – produzieren die Ricken auch weniger Milch, die Tiere sind weniger gut genährt. „Das Wild nimmt vom Wildbretgewicht her immer mehr ab“, stellt Plassmann fest.

Wenn die einen Flächen zur Nahrungssuche oder als Erholungsräume für das Wild verloren gehen, würden diese sich in andere Flächen zurückziehen, wo sie dann von Menschen, die sich dort ebenfalls aufhalten, mitunter gestört werden. Das müssen diese noch nicht einmal mitbekommen, denn das Wild sieht oder wittert die Menschen viel früher als umgekehrt. „Man sieht dann als Waldbesucher kein einziges Stück Wild im Wald, obwohl man vorher schon 20 Stück verschreckt hat“, so Plassmann.

Ein weiteres Thema, das den Hegering in wenigen Wochen beschäftigen wird, ist die Kitzrettung vor dem ersten Grasschnitt Ende Mai, Anfang Juni. Die gesamte Jägerschaft werde dann zu Fuß mit jagdlich geführten Hunden – die zeigen ein Kitz nur an, berühren es aber nicht – und Drohnenunterstützung verstärkt nach Kitzen suchen, bevor eine Wiese gemäht wird.

Wie viele Kitze man finde, sei sehr unterschiedlich und hänge auch davon ab, wann ein Landwirt die Jäger informiert. „Wenn ein Bauer rechtzeitig Bescheid gibt, stellen wir am Abend vor der Mahd Plastikfolien auf, die unangenehme Geräusche machen, sodass die Ricken mit dem Nachwuchs aus der Wiese rausgehen“, erklärt Plassmann. Beim Nachschauen am Morgen finden wir dann kaum noch Kitze.

Wird die Mahd kurzfristiger mitgeteilt, sodass das Vergrämen mit den Folien nicht möglich ist, werden entsprechend mehr Kitze entdeckt. „Letztes Jahr haben wir ein sehr großes Areal mit mehreren Jägern und einer Drohne abgesucht und vier Kitze gefunden“, so Plassmann. „Es ist schön, wenn man die Kitze rechtzeitig vor der Mahd retten kann.“ 

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