Wohnungsnot nach dem Krieg: Der Eschen – einst Plettenbergs jüngster Stadtteil

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Der Brockhauser Weg während der Bauphase.

Wohnungsnot in Plettenberg: Durch den Zuzug von über 5 000 Ostvertriebenen, Zonenflüchtlingen und Evakuierten war die Einwohnerzahl Plettenbergs nach dem Zweiten Weltkrieg innerhalb weniger Jahre rapide gestiegen. Wohnraum war Mangelware, viele lebten noch menschenunwürdig in halb verfallenen Baracken. Neubaugebiete mussten erschlossen werden – das erste entstand am Eschen.

Heimatkreis-Mitglied Christa Schneider hat dazu in zahlreichen, verschiedenen Quellen recherchiert. Alleine die von ihr entdeckten, bloßen Zahlen sprechen Bände: So hatte sich die Einwohnerzahl Plettenbergs von 19 800 (1945) auf 26 360 (September 1955) erhöht. „Ende April 1956 lebten in Plettenberg noch über 800 Menschen in Notunterkünften und Baracken“, erklärt Schneider.

Die Anstrengungen zur Beseitigung der Wohnungsnot reichten infolge des verhältnismäßig starken und stetigen Zuzuges nicht. Eine von der Regierung Arnsberg durchgeführte Kontrolle bestätigte die Überbelegung der Stadt Plettenberg. Nachdem im Zeitraum von 1949 bis 1954 bereits über 900 Wohnungen gebaut worden waren, herrschte seit 1953 weiterhin auch am Eschen eine rege Bautätigkeit.

„Man war dabei, einen Zufahrtsweg Unterm Saley zu den 36 hier zu errichtenden Wohnungseinheiten zu erstellen“, sagt Schneider. Von der Westfälischen Heimstätte Dortmund wurde zum gleichen Zeitpunkt mit der Erstellung von zwei Blocks mit sechs Reihenhäusern begonnen.

Für die Versorgung der stetig wachsenden Bevölkerung mit Trink- und Gebrauchswasser wurde bereits 1950 mit dem Bau eines Hochbehälters auf dem Eschen begonnen. Ein oberhalb des Hofes Langemann liegendes Grundstück in über 300 Meter Höhe stand zur Verfügung. „Von der Pumpstation Siesel wurde über den Soen die Leitung von den Stadtwerken hierher geführt“, erklärt Schneider.

Im neu entstehenden Stadtteil konnte im Oktober 1953 ein schnelles Bautempo registriert werden. Das Gemeinnützige Wohnungsunternehmen errichtete insgesamt 146 neue Wohnungen.

Wenn so ein neues Wohngebiet quasi aus dem Nichts aus dem Boden gestampft wird, fehlt es natürlich an allem – auch an der Straßenbeleuchtung: Diese wurde erst im Januar 1954, nach bereits längerer Kritik, angelegt. Die Erstellung von 35 Wohnungen am Brockhauser Weg war in Planung.

Der Eschen – Plettenbergs jüngster Stadtteil im Jahre 1954 – hatte jedoch neben den noch nicht endgültig befestigten Straßen- und Kanalisationsarbeiten noch ein Versorgungsproblem. Denn außer einigen Ladengeschäften am Anfang des Brockhauser Weges hatte für die vielen hundert Familien noch kein einziges Geschäft eröffnet. „Allerdings sah eine Verkaufsstelle des Konsums an der Mündung vom Erlenkamp in den Brockhauser Weg ihrer Fertigstellung entgegen“, sagt Schneider.

An der neuen Omnibusendstation der Plettenberger Kleinbahn wurde ein Milchgeschäft eröffnet und am Treffpunkt von den Straßen Unterm Saley und Derfflingerstraße sollte eine Gaststätte entstehen. Ein Friseur hatte in einem Kellerraum einen Salon eingerichtet. Im Erlenkamp gab es eine Schuhreparatur-Annahme.

Am Rande der alten Eschensiedlung wurde eine neue Poststelle eingerichtet – kombiniert mit einem Lebensmittelgeschäft und einer Leihbücherei.

Die erste Straße, die man 1954 über den neu-asphaltierten Brockhauser Weg erreichte, war der Erlenkamp. Auf diesem rund fünf Hektar großen Gelände, das die Stadt 1950 vom Bauern Rafflenbeul für 1 DM pro Quadratmeter erworben hatte, wurden 45 Wohnungen und 12 Reihenheime fertiggestellt. „Es waren aber zu dem Quadratmeterpreis für die Erschließung des Geländes noch erhebliche Kosten hinzuzurechnen“, erklärt Schneider. Für die Stromversorgung war der Bau eines Transformatorenhauses nötig. Auch die Kosten für Straßenmaterial und das Verlegen der Versorgungsleitungen waren nicht gerade gering.

„Am stärksten ausgebaut war der Teil zwischen Derfflingerstraße und der Straße Unterm Saley. Hier befand sich zuvor ein Kleingartengelände mit 400 Gärten, das die Stadt ebenfalls von Bauer Rafflenbeul erwarb. Ein Teil dieses Landes wurde mit der Firma Graewe & Kaiser getauscht“, erklärt Christa Schneider.

Die ersten Wohnungen sind gebaut, die Infrastruktur zumindest in groben Zügen vorhanden. Was noch fehlte, war eine Schule, die am 18. September 1957 als evangelische Volksschule mit acht Klassenräumen, einer Turnhalle und Schulhof mit Brunnen eröffnet wurde. Die Baukosten betrugen 1,3 Mio. Mark.

Nachdem der Brockhauser Weg fertiggestellt worden war, konnte 1954 der Erlenkamp erreicht werden.


Die Neubürger auf dem Eschen konnten sich nun versorgen und ihre Kinder in die Schule schicken. Das Freizeitangebot musste jedoch noch entwickelt werden: „Bereits im Mai 1955 war der mittlerweile fünfte Plettenberger Fußballverein gegründet worden. Die Sportfreunde Eschen begannen ihr Training auf einem behelfsmäßigen Fußballplatz.“

Im Juni 1955 beschloss die Stadt die Erweiterung des Eschen: 30 Reiheneigenheime mit 48 Wohnungen sollten entstehen. Die Ausführung des Vorhabens übernahm die Westfälisch-Lippische Heimstätte, die diese Häuser „auf Vorrat“ baute und bezugsfertig verkaufte. 6 000 bis 8 250 DM waren vom Erwerber für diese „Häuser von der Stange“ als Eigenkapital aufzubringen.

Der Eschen wuchs und mit ihm auch die berechtigten Ansprüche seiner Bewohner: Im Mai 1958 wurde der Einzelhandel durch die Neueröffnung eines Geschäftes („Haus der Konfektion“) am Brockhauser Weg erweitert. Oberbekleidung, Strickwaren sowie Bett- und Haushaltswäsche wurden hier geboten – immer unter dem Hinweis: „Auch der weiteste Weg zum Brockhauser Weg lohnt sich.“

Es gab jedoch auch mal Negatives vom Eschen zu berichten: So wurden eine Zeit lang nachts Auf dem Loh und Im Erlenkamp Autos und Motorräder auf den Kopf gestellt.

Und auch 1959 ging es noch weiter mit dem Kampf gegen die Wohnungsnot. Weiterhin verwandelte sich am Eschen Bauernland in Wohngelände. Vier Wohnblocks mit 45 neuen Wohnungen waren auf den ehemals Langemannschen Wiesen im Bau.

Im Jahr 1960 wuchs der Eschen weiter den Saley-Hang hinauf. Es entstanden weitere 45 zweistöckige Wohnhäuser auf den ehemaligen Langemannschen Wiesen. Der Arbeitskräftemangel wurde durch italienische Bauarbeiter überbrückt.

Als im August 1961 das Gemeinnützige Wohnungsunternehmen Plettenberg sein 25-jähriges Bestehen feiern konnte, fanden immer noch umfangreiche Bauprojekte am Eschen statt. „Damit dürfte der Eschen das größte geschlossene Siedlungsprojekt sein, das bisher in Plettenberg verwirklicht wurde“, sagt Schneider.

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