Mit wem der  frühere Bürgermeister gerne mal in die Sauna gegangen wäre   

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Klaus Müller (re. vorne) bei seiner Verabschiedung als Plettenberger Bürgermeister.

Plettenberg – Im zweiten Teil unserer Serie „Was macht eigentlich?“ haben wir den Vorgänger von Bürgermeister Ulrich Schulte, Klaus Müller, befragt, den es mit seiner Familie in den Norden von Deutschland gezogen hat. Elf Jahre lang war er Bürgermeister in Plettenberg.

Was verbinden Sie mit Plettenberg? 

In Plettenberg habe ich fast 40 Jahre meines Lebens verbracht. Neben dem Schulabschluss, verschiedenen Wohnsitzen im Lenne- und Elsetal und meiner langjährigen Tätigkeit bei der Stadtverwaltung bin ich naturgemäß in Plettenberg heimisch geworden. Das kleinstädtische Leben mitten in der Natur mit den zumeist aufgeschlossenen Menschen habe ich immer genossen. 

Was vermissen Sie aus Plettenberg? 

Das Leben und Arbeiten quasi mitten in der abwechslungsreichen Natur! Über 80 Prozent des Stadtgebietes sind entweder Wald oder sonstige Grünflächen mit hohem Gewässeranteil. Oft genügen ein paar Meter, um die Erholung alleine oder fast alleine direkt vor der Haustür zu finden. Das wusste ich stets zu schätzen, denn in meiner Jugend im Ruhrgebiet traf man bei schönerem Wetter nicht viele Mitbürger, sondern gefühlt alle aus der Stadt!

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Stadt Plettenberg?

Erschreckend ist die Landflucht der letzten beiden Jahrzehnte in der gesamten Region, vor allem der Wegzug der jüngeren Leute in die Städte und Ballungsräume. Ebenso befürchte ich, dass die Entscheidung zu einer fast reinen E-Mobiltät im Individualverkehr gerade für die Industrieregionen, die für die „klassische“ Automobilbranche arbeiten, zu erheblichen Einschnitten bei der Anzahl der Arbeitsplätze und der steuerlichen Entwicklung führen wird. Dies ist kein hausgemachtes Plettenberger Problem, aber Plettenberg wird sich den Herausforderungen eines industriellen Strukturwandels stellen müssen. 

Was würden Sie als Bürgermeister in Plettenberg anders machen? 

Durch meine nicht mehr vorhandene örtliche Nähe und der damit fehlenden Kenntnis der entscheidungsrelevanten Einzelheiten verbietet sich eine Beurteilung und Einmischung. Und deshalb gehört es sich auch nicht, sich als Besserwisser gegenüber den jeweiligen neuen Amtsinhabern hinzustellen. 

Was sind die besten Erinnerungen bis jetzt im Berufsleben? 

Mir war es immer wichtig, das Agieren zwischen der Bürgerschaft, der Verwaltung und dem Stadtrat zu moderieren und das Verständnis für die unterschiedlichen Ansichten untereinander transparent zu machen. Dies war in den konfliktträchtigen Bereichen, die ich in meinem Berufsleben zu verantworten hatte, nicht immer einfach. Aber das gegenseitige Zuhören, das Bewerten und Abwägen der Handlungsalternativen zum Wohle aller hat mir immer besonderen Spaß gemacht und entsprechend sind damit auch meine guten Erinnerungen verbunden. 

Was war das Schlimmste, was Sie erlebt haben?

 Ich habe mir bewusst meine Ausbildung und meinen Beruf ausgesucht und wusste, was auf mich zukommen kann. Dies galt auch und insbesondere für meine Entscheidung, als ich mich für die Kandidatur als Bürgermeister in Plettenberg entschieden habe. Insofern konnte ich immer gut mit persönlichen Anfeindungen, Diffamierungen und auch Strafanzeigen umgehen. Die Zeiten des Trägerwechsels beim Krankenhaus 2005 waren da sicher das prägendste Ereignis meiner Amtszeit. Viel schlimmer wog da für mich die Einbeziehung meiner Familie in Drohszenarien und Diffamierungen, vor allem mit dem Aufkommen der anonymen sozialen Medien. 

Wie sieht Ihr Lebensalltag aus? 

Die Betreuung unserer drei Kinder und das „mir den Rücken freihalten“ während meiner Zeit als Bürgermeister machte meiner Frau eine eigene berufliche Tätigkeit nahezu unmöglich und entsprechend musste sie zurückstecken. Seit den letzten Jahren haben wir dann die Rollen getauscht, so dass sie jetzt wieder ihrer freiberuflichen Tätigkeit nachgehen kann und ich mich mehr um die familiären Aufgaben um Haus und Hof kümmere. Ein kleines kommunalpolitisches Engagement in unserer neuen Heimat sowie ein ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe und im Tierschutz spielen für mich ebenfalls noch eine Rolle für ein ausgeglichenes Leben. 

Was genießen Sie am meisten in Ihrer jetzigen Lebenssituation?

Meine Zeit als Bürgermeister war in der Woche geprägt mit vorbestimmten Terminen von morgens 8.00 Uhr bis oft in den späteren Abend hinein. Termine am Wochenende ließen eine Planung von privaten Ausflügen, Feiern, Hobbies und dergleichen bis auf die Ferienzeit auch oftmals nicht zu. Insofern genieße ich nunmehr die freie Selbstbestimmung über meine Zeit und die Entscheidung darüber, worauf ich in diesem Moment Lust und Laune habe.

 Wie meistern Sie die Corona-Krise? 

Das Leben „auf dem Land“ ohne die Dichte der zusammenkommenden Menschen wie in der Stadt und das sich frei Bewegen können im Haus und auf dem Grundstück macht die Einschränkungen schon erträglicher gegenüber denjenigen, die im Familienverbund in Mehrfamilienhäusern auf kleinem Raum ausharren müssen und auf die Betreuung ihrer Kinder in der Kita oder in der Schule verzichten müssen. Verwirrend ist natürlich der Umgang mit den sich abwechselnden Bedrohungsszenarien seit dem März diesen Jahres, was naturgemäß zu Verunsicherungen nicht nur bei mir führt. 

Wie aufgeschlossen sind Sie gegenüber Smartphones, Netflix und Co.? 

Die digitalen Medien gehören ja sicherlich schon seit gut 15 Jahren zum beruflichen Alltag, um Termine, die Post etc. zu koordinieren. Insofern bin ich da auch hineingewachsen und es gehört zum Alltag hinzu, obwohl ich noch von der alten Schreibmaschine, der Matritze und dem Plattendiktiergerät der Fa. Assmann aus Lüdenscheid komme. 

Was halten Sie von Elektromobilität?

Ohne auf die sehr komplexe umweltpolitische Betrachtung insbesondere bei der Batterieproduktion einzugehen und unter Auslassung der Problematik um die Gefährdung von vielen Arbeitsplätzen bei den heutigen Zulieferern macht für mich ein E-Auto nur für kürzere Strecken Sinn, und dann auch nur als Zweitwagen. Das Lademanagement ist noch zu gering ausgebaut und zu wenig vereinheitlicht, so dass längere Fahrten noch zum Abenteuer werden können. 

Mit wem würden Sie gerne mal einen Kaffee trinken oder in die Sauna gehen?

Das wäre eindeutig Helmut Schmidt! 

Wenn Sie eine Sache auf der Welt verändern dürftest: Was wäre das?

Ich würde die Eitelkeiten der Menschen abschaffen. Sie ist mitunter der Grund für die Darstellungssucht und den Machthunger mancher Menschen, die sich trotz hoher Intelligenz und guter Ausbildung egoistisch verhalten und nur für sich und ihre eigene Vorteile wirtschaften. Für mich zählt deshalb nur eins, dass die Menschen – egal ob reich oder arm, ober hoch- oder niedrig begabt, ob dick oder dünn, ob Frau oder Mann – ein gutes Herz haben! 

Was ist Ihr nächstes Projekt? 

Ein solches lässt sich für mich durch die Corona-Zeit noch nicht fixieren, da die Umstände und Einschränkungen noch nicht absehbar sind. In jedem Fall steht aber das Reisen mit oben auf der Liste, wobei Nordeuropa, die baltischen Staaten und der Balkan ganz oben auf meiner Wunschliste stehen.

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