Die Kotelette ist malträtiert, aber sonst kann sich das Ergebnis sehen lassen

Der Selbsttest: Wie gut lassen sich Haare nach Videoanleitung schneiden?

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Das unkrautähnliche Gestrüpp, das manch einer inzwischen auf seinem Kopf umherträgt, wuchert weiter. Die Friseure bleiben noch geschlossen. Wir können also nichts tun. Oder? Jein. Im Internet findet man immer mehr Videoanleitungen zum Selbstschneiden. Reporter Maximilian Birke hat es getestet.

Werdohl/Plettenberg – Der Versuchsaufbau ist einfach. Was es braucht: Eine bis zwei Haarschneidemaschinen, ein Spiegel, ein Smartphone oder Tablet um das Video anzusehen – und natürlich Haare. Weil ich von den Videos nur über ein paar Ecken gehört habe, muss ich erstmal suchen.

Auf Youtube, einer Videoplattform im Internet, werde ich fündig. „Tutorial in Coronazeiten: So können sich Männer ihre Haare selber schneiden“, ist es betitelt und hat knapp 260 000 Aufrufe. Es scheint also vielen so zu gehen, dass die wilde Mähne nervt. Der Friseurmeister im Video kommt aus Düsseldorf und heißt Rene Wersig.

Haare hochstecken

Als erstes soll ich meine Haare hochstecken. Das ist schon mal sehr ungewohnt. Sonst mache ich das ja eigentlich nie. Hinzu kommt: Ich habe gar keine passenden Haarspangen. Und auch sonst niemand bei uns im Haus. 1:0 für den Friseur.

Ich muss mir direkt am Anfang schon irgendwie anders behelfen. Also kämme ich meine gewaschenen und noch etwas feuchten Haare auf die Seite und halte sie dort in Position. So kann ich die Kante sehen, bis zu der ich rasieren muss. Zugegeben: Etwas unbequem ist es schon. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen.

Endgegner Spiegel

Als ich quasi schnittbereit vor dem Spiegel stehe, fällt mir auf, dass ich die Haarschneidemaschine noch gar nicht richtig eingestellt habe. 15 Millimeter empfiehlt der Friseur im Video. Damit geht es dann schließlich los. Eigentlich ist es auch nicht besonders schwer.

Die Frisur, die ich habe, ist halbwegs pflegeleicht und die Maschine geht gut durch meine relativ dicken Haare. Natürlich nutze ich den Turbomodus, den das Gerät bietet. Wenn schon, denn schon. Schwierig ist es bis hierher eigentlich nicht. Man muss sich nur etwas Zeit nehmen, um die Haare gleichmäßig und die Kanten halbwegs sauber zu schneiden.

Ein wahres Hexenwerk ist es hingegen, die Maschine zielgerichtet durch die Haare zu manövrieren. Im Spiegel sieht man schließlich alles spiegelverkehrt und daran muss man sich erst mal gewöhnen.

Drei Haarlängen

Insgesamt wird die Frisur in drei Etappen geschnitten. Zuerst 15 Millimeter Grundlänge, dann etwa ab der Hälfte des Schädels auf 9 Millimeter, und dann der untere Bereich auf 6 Millimeter. So soll ein Übergang entstehen.

Ich trage zwar gerne kurze Haare, 6 Millimeter sind mir aber zu kurz. Deshalb passe ich die Längen etwas an. Auch Rene Wersig sagt: Lieber länger lassen, als zu kurz schneiden. 

Schwierige Feinarbeit

Obacht beim Konturieren: Mit der großen Maschine kommt man kaum hinter die Ohren und muss generell sehr achtsam sein.

Zum Schluss versuche ich noch, die Kontur nachzuziehen. Die linke Kotelette malträtiere ich dabei ein wenig. Ein zu vernachlässigender Kollateralschaden. Wächst ja nach... Aber auch insgesamt ist die Kontur eher schwierig zu ziehen.

Hinter die Ohren komme ich mit dem großen Rasierer nur schwer. Eine kleine Maschine für die Details habe ich leider nicht. Auch den Nacken kann man selbst nur schwer treffen. 

Mähne oben bleibt

Die Seiten kurz, die Mähne lang: Das Ergebnis des Selbstschneidens ist als Notbehelf schon ganz in Ordnung. Mit Haarwachs kann man das längere Haupthaar recht gut Form bringen.

Was mich etwas irritiert, ist, dass die längeren Haare oben im Video gar nicht gekürzt werden. Vermutlich will hier niemand die Verantwortung übernehmen. Ich selbst traue mich da auch nicht ran. Das überlasse ich dann doch dem Friseur meines Vertrauens in Herscheid. Mal sehen, was der zu meiner jetzigen Frisur sagen wird, wenn ich ihn bald besuche. Sonst habe ich eine Seite nämlich mit Übergang geschnitten. Das ging jetzt natürlich nicht.

Trotzdem bin ich aber ganz zufrieden. Der Schnitt hat gut eine halbe Stunde gedauert. Etwas luftiger geworden sind die Haare allemal. Einen Friseur ersetzen kann das meiner Meinung nach aber keineswegs. Das wird mir spätestens klar, als ich mir meinen Hinterkopf mit dem Wirbel beschaue, der doch ein wenig unförmig aussieht.

Schlecht zu frisieren sind die Haare am Hinterkopf. Gerade dann, wenn man einen oder mehrere markante Wirbel hat, die einfach machen, was sie wollen...

 

Hier helfen wohl nur die Schere und das beherzte Schnibbeln eines Profis. Ich muss jetzt noch mal duschen gehen, denn die Haare sind mir ins T-Shirt gerieselt. Daran hätte ich vorher denken sollen. Blöd gelaufen...

Friseure raten vom Selbstschneiden ab

„Wir sehen alle momentan nicht so gut aus, deshalb fällt es ja gar nicht so auf. Am besten ist, wenn wir einfach warten“, sagt Maria Klöcker, Leiterin des Salons Magic Hair in Werdohl. Sie antwortet damit auf die Frage, was man am besten tun kann, um die Frisur in Coronazeiten, wo Salons geschlossen bleiben müssen, wieder in Form zu bringen.

Von Haarschnitten nach Videoanleitungen rät sie ab: „Da kommen manchmal Sachen bei raus... Vor kurzem erst habe ich ein Video gesehen, wo es jemand probiert hat und dann mitten auf dem Kopf die Haare weg waren“, erzählt sie. Auch ihre Kollegin Anne Stahl, Inhaberin des Plettenberger Salons Hair-Line, rät dazu, lieber zu warten. Gerade Männer, die jetzt mit längeren Haaren aufs Ungewohnte kommen, könnten sich gut mit Gel oder Wachs behelfen, um die Frisur halbwegs in Form zu halten.

Am problematischsten sieht Klöcker, dass man selbst viele Stellen, zum Beispiel am Hinterkopf, nicht wirklich sehen kann. Im vorderen Bereich oder an den Seiten würde es noch eher gehen, hier warnt die Haar-Fachfrau aber vor „Rallye-Streifen“ in dem Fall, dass man versehentlich den Aufsatz an der Maschine vergisst oder vor „Franziskaner-Haarschnitten“, wenn ein Fehler beim Schneiden des Haupthaars passiert.

Klöcker berichtet, dass sie vor allem aus den Nachbarstätten Werdohls schon mehrere Anfragen erreicht haben, ob sie auch zu den Kunden nach Hause kommen würde, um dort die Haare zu schneiden. „Das kommt gar nicht in Frage“, betont sie, dass sie für so etwas kein Verständnis hat, auch wenn die Lage gerade schwierig ist. Der Friseursalon habe zurzeit keinen Umsatz und bangt um seine Existenz. Finanzielle Rücklagen gebe es kaum, weil „kleine Betriebe die nicht so einfach bilden können wie große Firmen“.

Magic Hair hat die Soforthilfe des Landes und Kurzarbeit für die Mitarbeiter beantragt. Gerade drehe sich viel um Bürokratie. Aber es gebe immer wieder auch Lichtblicke. „Wir erhalten viel Zuspruch von unseren Kunden: Nette Gesten, Gutscheine und Spenden. Das erwärmt einem wirklich das Herz“, sagt Klöcker.

Anne Stahl aus Plettenberg erzählt, dass sie gerade regelmäßig alles ummodeln muss. Zum Beispiel hatte sie alle Termine bis zum 20. Mai abgesagt. Weil sie jetzt aber damit rechnet, dass ihr Salon am 4. Mai wieder öffnen kann, hat sie alle Kunden, deren Termine sie vorsorglich abgesagt hatte, angerufen und ihnen die Termine wieder angeboten. Flexibilität ist gerade gefragt.

Arbeitgeber sehen es gelassen

Wie ist es mit der Haarpracht eigentlich in den Berufen umher, wo viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres gelegt wird? Tomislav Majic, Sprecher der Vereinigten Sparkasse im Märkischen Kreis, zu der unter anderem die Filialen in Werdohl, Plettenberg und Altena gehören, erklärt, dass es bei der Sparkasse dafür keine Regelung gebe.

„Wir werden niemandem vorschreiben wie er sich zu stylen hat. Kleidungsvorschriften gibt es, klar, aber die Frisur ist jedem selbst überlassen.“ Das gelte im Übrigen auch für den Bart, wie Majic sagt. Die Lage sei außerdem noch entspannt: „Noch ist die Haarpracht nicht so lang, dass da jemand aus dem Rahmen fällt.“

Bei VDM Metals, dem größten Arbeitgeber Werdohls, sieht man es genauso wie bei der Sparkasse. Sprecher Philipp Verbnik sagt: "Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in der Wahl ihrer Frisur in der Krise genauso frei wie davor. Von Glatze bis Dauerwelle ist bei uns alles vertreten. Dass jetzt die Haare tendenziell länger werden, ist für uns kein Problem."

Alle Informationen zum Coronavirus und seinen Folgen gibt es in unserem Corona-Ticker für den Märkischen Kreis.

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