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Im Frieden gestartet, wegen des Krieges gestrandet: Russische Musiker sitzen in Europa fest

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Von: Christos Christogeros

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Sitzen derzeit in Europa fest: Die Musiker der russischen Gruppe Exprompt. Auf Nachfrage bestätigte Sprecher Alexey Kleshchenko (rechts), dass derzeit ungewiss sei, ob und wann die Musiker nach Russland zurückkehren können.
Sitzen derzeit in Europa fest: Die Musiker der russischen Gruppe Exprompt. Auf Nachfrage bestätigte Sprecher Alexey Kleshchenko (rechts), dass derzeit ungewiss sei, ob und wann die Musiker nach Russland zurückkehren können. © Nikolaev

Eigentlich geht es „nur“ um eine der schönsten Nebensachen der Welt: Musik. Doch wenn russische Musiker dieser Tage durch Europa touren und in Plettenberg ein Konzert geben, dann spielt vor dem Hintergrund des russischen Überfalls auf die Ukraine eben auch Politik eine große Rolle. Dabei trifft Putins Invasion auch die Musiker der Gruppe Exprompt hart: Denn sie wissen derzeit nicht, wie sie nach Hause kommen sollen.

Plettenberg - Seit mehreren Wochen befindet sich die Gruppe auf Tournee in Europa. Als Putin seine Truppen nur an der Grenze hatte aufmarschieren lassen und die westliche Welt dachte, Diplomatie könne einen Krieg noch verhindern, waren die vier Musiker in der Schweiz und Süddeutschland unterwegs. Anfang März war die Gruppe im äußersten Südwesten Baden-Württembergs, in Grenzach-Wyhlen, zu Gast, auf Einladung des Vereins für Heimatgeschichte.

Dessen Vorsitzender, Helmut Bauckner, erklärte gegenüber der Oberbadischen, dass die vier Berufsmusiker nicht wüssten, wie sie derzeit wieder nach Hause kommen sollten – nahezu alle Flugverbindungen nach Russland seien gekappt. Laut offizieller Internetseite ist die Gruppe noch den gesamten März über und dann wieder im Juni und im Juli in Deutschland auf Tournee.

Alexey Kleshchenko, Sprecher der Gruppe Exprompt, bestätigte auf Nachfrage: „Wir sind noch bis Anfang April auf Tour. Wie es dann weitergeht, das wissen wir noch nicht.“

Exprompt: Keine Angst vor Repressalien

Kleshchenko bekräftigt, dass die Musiker ganz fest auf der Seite der zivilisierten Welt stünden. „In der Ukraine sterben Menschen und das ist gar nicht gut“, sagt Kleshchenko. Natürlich würden weder er noch seine Kollegen den Angriffskrieg auf die Ukraine gutheißen.

Ob solche Aussagen, die Kleshchenko auch in anderen Medien getätigt hat – die unter anderem auch im Internet ihre Artikel verbreiten – der Gruppe bei einer möglichen Rückkehr nach Russland Probleme einbringen könnten, wüsste Kleshchenko nicht. „Große Angst vor Repressalien haben wir aber nicht. Was passiert, das passiert“, sagt Kleshchenko.

In den vergangenen Tagen waren unzählige Menschen, die für Frieden demonstrierten, in Russland verhaftet worden. Aufgrund neuer Gesetze drohen ihnen bis zu 15 Jahre Haft.

Natürlich wäre aufgrund der aktuellen Ereignisse auch eine Absage der Konzerte denkbar gewesen. Das Bachforum möchte an dem bereits vor zwei Jahren geplanten Konzert in Plettenberg jedoch festhalten. Vorsitzender Dr. Peter Schmidtsiefer erklärt die Entscheidung des Bachforums so: „Da wir die Musiker schon lange kennen, stand eine Absage nicht zur Debatte – außerdem besitzen die Künstler schließlich einen gültigen Vertrag.“ Schmidtsiefer halte die Invasion Russlands in der Ukraine in der Tat für einen Krieg Putins.

„Sippenhaft ist keine Lösung“

„Zweitens glaube ich, dass wir in der Tat nicht aufhören sollten, uns miteinander zu beschäftigen. Alleine schon deswegen, weil die Beziehungen Deutschlands zu Russland – wie zu den Ländern der ehemaligen Sowjetunion insgesamt – kompliziert sind und wir nicht wieder in alte Muster verfallen sollten“, erklärt Schmidtsiefer.

Der russische Staat sei ein Aggressor und verantworte unerhörte Gewalt, deren Opfer die „Ukraine und ihre Bürger sind. Daran gibt es nichts zu rütteln“, sagt der Bachforums-Vorsitzende. „Aber bei aller notwendigen Abgrenzung ist die Kunst eine Möglichkeit, sich auf einer ganz anderen Ebene zu begegnen.“

Auch in Grenzach-Wyhlen hielt der Verein für Heimatgeschichte am geplanten Konzert von Exprompt fest. Vorsitzender Bauckner gegenüber der Oberbadischen: „Kollektivschuld gibt es nicht und Sippenhaft ist keine Lösung.“ Der Vereinsvorsitzende berichtete gegenüber der Zeitung jedoch auch, dass es im Vorfeld des Konzerts Beschimpfungen gegeben habe.

Das Konzert der Gruppe Exprompt findet am Samstag, 19. März, um 18 Uhr im Ratssaal statt. Der Eintritt beträgt 10 Euro (ermäßigt 5 Euro). Der Vorverkauf startet am Freitag, 11. März, im Büro der Kultour GmbH (Wilhelmstraße). Das Ensemble war schon drei Mal in Plettenberg zu Gast waren, zuletzt 2019.

Exprompt: Virtuose Klangkunst aus Russland

Die Musiker der Gruppe Exprompt – Olga Kleshchenko (Domra), Alexey Kleshchenko (Balalaika), Nikolay Istomin (Bajan) und Evgeny Tarasenko (Bass-Balalaika) – stammen aus dem im russischen Karelien gelegenen Petrosavodsk. „Mit ihren traditionellen russischen Instrumenten sorgen sie für ein virtuoses, feinsinniges und begeisterndes Ensemblespiel voller solistischer Glanzlichter“, heißt es in der Ankündigung des Bachforums.

Die Mitglieder des 1995 gegründeten Quartetts – allesamt Absolventen des Petrosavodsker Konservatoriums – bieten in ihren Konzerten eine erstaunliche Repertoire-Bandbreite, die weit über die große Tradition russischer Volksmusik hinausgeht. So kommt Neo-Klassisches des russischen Komponisten Alfred Schnittke genauso zu Gehör, wie Tangos von Astor Piazzolla, Swing von Django Reinhardt oder Stücke von Mozart, Rossini, Gawrilin, auch Filmmusik.

Die Gruppe wurde mit prestigeträchtigen Preisen bei internationalen Musikwettbewerben ausgezeichnet, so unter anderem mit dem ersten Preis der italienischen „Citta di Castelfidardo“ und dem „Eisernen Eversteiner“ des 17. Folk-Herbstes Plauen.

Die faszinierende Mischung von Musik unterschiedlichster Herkunft, gepaart mit der Fähigkeit der vier Akteure Gefühle wie Lebensfreude, Trauer, Liebe, Melancholie musikalisch auszudrücken und den Zuhörer daran teilhaben zu lassen, versprechen einen unvergesslichen Abend, heißt es vom Bachfourm.

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