Roland Bertermann aus Plettenberg: "Das ist nicht mehr mein Sport"

Er war langjähriger Vorsitzender des Bayern-Fanclubs - jetzt rechnet er mit dem Fußball ab

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Plettenberg - Deutscher Meister, Pokalsieger und jetzt vielleicht der Gewinn der Champions League? Der FC Bayern München will den europäischen Fußballthron besteigen. Und Roland Bertermann? Den Plettenberger juckt dieser Erfolgsgeschichte reichlich wenig – und das ist mehr als überraschend.

Denn Bertermann hat fast sein ganzes Leben lang den Bayern die Daumen gedrückt. Von Kindesbeinen an war er fußballverrückt. Der Großteil seiner Familie hielt zu Schalke 04, doch der junge Roland hatte einen Narren gefressen an Spielern wie Paul Breitner, Katsche Schwarzenbeck oder Gerd Müller. Sein Spitzname lautete schon in jungen Jahren Beckenbauer.

Diese Zeiten, in denen das Spiel auf dem Rasen, die Freude am gemeinsamen Zuschauen und der Zusammenhalt im Vordergrund standen, sie sind längst vorbei, bedauert Bertermann. Die Vereine, auch sein FC Bayern, seien zu global agierenden Wirtschaftsunternehmen mutiert. Einzig und allein das Geld stehe im Mittelpunkt, nicht das runde Leder. „Das ist nicht mehr mein Sport“, hat der 50-Jährige dem kompletten Fußballzirkus dem Rücken gekehrt.

Vielleicht, so überlegt der Plettenberg, vielleicht war er über zu viele Jahre zu nah dran am Geschehen. Als Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des Plettenberger Bayern-Fanclubs drehte sich fast 18 Jahre lang ein Großteil seines Privatlebens um den Fußball. In Zeiten, da man noch ohne große Anstrengungen an Tickets zu erschwinglichen Preisen kam, waren Bertermann und seine Truppe regelmäßig in den Stadien der Republik und in Europa unterwegs, scheuten auch vor langen Fahrten nicht zurück und verbrachten manche Stunde beim Fachsimpeln und Austausch mit anderen Fußballfans.

Neben unzähligen schönen Erinnerungen gab es auch früh negative Erfahrungen. Direkt bei der ersten Auswärtsfahrt nach Bremen wurden die Plettenberger beim Aussteigen aus dem Bus mit Bierdosen und Steinen beworfen. Anfeindungen und Pöbeleien waren in den Folgejahren keine Seltenheit, sobald man sich das rot-weiße Trikot übergezogen hatte.

„Die Aggressivität unter den Fans hat mir schon immer widerstrebt“, sagt Bertermann, der kein Verständnis für Auswüchse der sogenannten Ultra-Gruppierungen oder den Einsatz von Pyrotechnik in Stadien zeigt: „Was soll das denn bitte schön mit der Fußballkultur zu tun haben?“

Er erinnere sich nur ungern zurück an das letzte Fußballspiel im Münchner Olympiastadion im Mai 2005, als es zu handfesten Auseinandersetzungen unter Bayern-Anhängern und später zu Protesten des gesamten Fanblocks kam. „Da habe ich mich zum ersten Mal geschämt, ein Bayern-Fan zu sein“, sagt der Plettenberger.

Derlei persönliche Erlebnisse, aber in besonderem Maße die ausufernde Kommerzialisierung des Fußballs im Allgemeinen schmälerten die Freude am einstmals so schönen Hobby. Übertriebene Preise, Einführung von strittigen Neuerungen (zum Beispiel der Video-Beweis), explodierende Spielergehälter – Bertermann vermisst die Bodenhaftung.

Die eingeforderte Sonderrolle des Fußballs sei der Allgemeinheit in der Coronazeit schonungslos vor Augen geführt worden. Auf der einen Seite werde berichtet, dass Vereine vor der Insolvenz stehen, andererseits verhandele der FC Bayern mit seinem Stammtorwart Manuel Neuer einen neuen Vertrag mit Millionen-Bezügen aus. „Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle normalen Bürger“, bricht es aus dem 50-Jährigen heraus.

Während sich einige Clubs stolz damit brüsken, dass ihre überaus gut bezahlten Spieler auf einen Teil ihres Gehalts verzichten, sehe die Realität in den heimischen Firmen gänzlich anders aus. „Da werden die Mitarbeiter doch auch nicht gefragt, ob sie in Kurzarbeit gehen wollen“, winkt Bertermann ab.

Dass zum jetzigen Zeitpunkt, da die Infektionszahlen wieder in die Höhe schnellen, auf Verbandsebene darüber diskutiert werde, in Kürze in gefüllten Stadien zu spielen, sei ein „falsches Zeichen an die Gesellschaft“, kritisiert der Plettenberger. Andere Branchen würden weitaus mehr unter dem Verbot von Großveranstaltungen und dem damit verbundenen Zuschauerausschluss leiden.

Die Gier nach wirtschaftlichem Wachstum seitens des Verbandes, der Liga, der Vereine, der Spieler und Berater – all das schade dem Fußball. „Irgendwann kommt der große Knall“, ist sich Bertermann sicher, dass die derzeitige Entwicklung kein gutes Ende nehmen wird.

Sein Entschluss, sich von diesem Hobby zu distanzieren, den Vorsitz des Fan-Clubs aufzugeben und sich anderen Dingen zu widmen, sei über Monate gereift. Bereut hat er diese Entscheidung nicht, üben TV-Auftritte seiner Bayern keinen Reiz mehr auf den Plettenberger aus. Langeweile fürchtet der 50-Jährige deswegen nicht. So will er sich seinen anderen Leidenschaften wie dem Musizieren und dem Angeln widmen – und auch seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Sargträger. Seine einstmals grenzenlose Freude am Fußball hat er längst beerdigt.

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