Zwischenfall wegen des Kinder-Spitznamens:

Richter muss im Pflegekind-Prozess schlichten, als leibliche Mutter Zeugin unterbricht

Da ein Schöffe des 2. Schwurgerichtes gestern coronabedingt in Quarantäne musste, wurde
der 2. Verhandlungstag kurzerhand abgesagt.
+
Da ein Schöffe des 2. Schwurgerichtes gestern coronabedingt in Quarantäne musste, wurde der 2. Verhandlungstag kurzerhand abgesagt. Möglicherweise geht es nun am 23. Februar weiter. Ein Termin für Plädoyers und das Urteil muss dann noch gefunden werden.

Hagen/Plettenberg – Eigentlich sollte die Revisionsverhandlung im Pflegekind-Prozess am Dienstag am Landgericht in Hagen fortgesetzt werden.

Psychotherapeut Dr. Nikolaus Grünherz wollte dabei in seinem Gutachten die Psyche des im Sommer 2019 zu zwölf Jahren Haft verurteilten Pflegevaters aus Plettenberg beleuchten. Doch der zweite Verhandlungstag fiel kurzerhand aus, weil sich ein Schöffe coronabedingt in Quarantäne begeben musste. Wann der Termin nachgeholt wird, soll nach entsprechenden Tests festgelegt werden.

Am ersten Prozesstag gaben sich die aufgerufenen Zeugen die Klinke in die Hand. Neben einem Nachbarn, einer Mitarbeiterin der Lebenshilfe, die das Pflegekind vermittelte, saß auch der Plettenberger Kinderarzt Michael Achenbach auf der Zeugenbank. Er sprach über seine Erfahrungen mit dem Pflegekind, das wenige Monate vor seinem gewaltsamen Tod bei ihm in Behandlung war. An Verletzungen sei ihm nichts aufgefallen und auch die Pflegeeltern hätten einen umsorgten Eindruck gemacht.

An Veilchendienstag funkt es

Auch die mittlerweile vom Angeklagten geschiedene Ehefrau trat am ersten Verhandlungstag in den Zeugenstand. Dabei wollte sie zunächst vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen und auf eine Aussage verzichten, ließ sich dann aber doch auf eine Befragung ein. Die 37-jährige Kinderpflegerin, die mittlerweile in Bergneustadt lebt, berichtete, wie sie ihren Mann kennenlernte. Das sei vor fast exakt acht Jahren am 13. Februar 2013 (Veilchendienstag) gewesen.

„Die Chemie stimmte bei uns“, sagte die Pflegemutter und ergänzte: „Wir waren von Anfang an hin und weg, sind schnell zusammengezogen und waren dann praktische keine Nacht mehr getrennt voneinander.“ Es folgten zwei Fehlgeburten, der Umzug in das Haus der Mutter und die Anschaffung von Labrador Timo. Im Juni 2017 habe man schließlich geheiratet.

Eskalation beim Weihnachtsfest

Ein Pflegekind sei nach den zwei Fehlgeburten der große Wunsch des Paares gewesen. Während sich ihr gesamtes Umfeld gefreut habe über das Pflegekind, habe die Mutter des Angeklagten das Pflegekind „als größten Fehler“ bezeichnet. Im folgenden ließ die Zeugin häufiger durchblicken, dass das Verhältnis zur Mutter des Angeklagten von vielen Spannungen bestimmt gewesen sei und die Situation am Weihnachtfest 2018 fast eskaliert sei. Was die vom Angeklagten geschilderte Überforderung in dieser Zeit angeht, hatte seine Ehefrau eine andere Wahrnehmung. Ihr Mann habe gerne gekocht. „Und er hat auch mal den Staubsauger in die Hand genommen.“ Die übrigen häuslichen Arbeiten habe sie übernommen, schilderte die Pflegemutter.

Der Angeklagte, der seine geschiedene Ehefrau im Zeugenstand nicht ansah, schüttelte den Kopf, als die 37-Jährige sagte, sie habe sich um den Haushalt gekümmert. Bestätigen konnte sie jedoch, dass sich der Angeklagte gut um das Pflegekind gekümmert habe. „Eddie hat sich gefreut, wenn Papa nach Hause kam.“ Auch habe er ihm vorgelesen oder mit ihm herumgetobt. „Er war ein Mann, der froh und stolz war, endlich Papa zu sein“, sagte sie. Dass sie Hilfsangebote von außen abgelehnt habe, sei einvernehmlich gewesen. Ihr Mann habe gesagt, dass er keine Hilfe benötige.

Ermahnung nach Ausruf der leiblichen Mutter

Zu einem Zwischenfall kam es am ersten Verhandlungstag, als die Pflegemutter vom Umgang mit „Eddie“ sprach. „Er heißt Ayden, nicht Eddie“, fiel die leibliche Mutter des gewaltsam getöteten Pflegekindes der Pflegemutter ins Wort, was ihr eine Ermahnung des Vorsitzenden Richters Potthast einbrachte. Bei einer solchen Befragung wolle er die Zeugin nicht zu einem anderen Sprachgebrauch zwingen. „Wenn es der Spitzname des Kindes war, habe ich keine Bedenken, dass er hier so genannt wird“, stellte der Richter klar.

Abschließend wollte er von der Pflegemutter wissen, wie der Kontakt des Angeklagten zu seinem leiblichen Kind sei, das im Juni 2019 und damit fünf Monate nach dem gewaltsamen Tod des Pflegekindes zur Welt kam. Der Plettenberger, der bereits am 3. Januar 2019 in Haft genommen wurde, saß zu diesem Zeitpunkt seit mehren Monaten in Untersuchungshaft in der JVA Hagen Sein eigenes Kind habe er bislang noch nicht gesehen.

„Er kann ziemlich schnell an die Decke gehen“

„Er hat gesagt, dass er es nicht sehen will und ihm ein Bild reicht“, sagte die Pflegemutter. Zudem habe er seine Vaterschaft angezweifelt, die aber zweifelsfrei festgestellt worden sei. Abschließend charakterisierte sie den Vater ihres Kindes wie folgt: „Er kann ziemlich schnell an die Decke gehen, aber kommt auch schnell wieder runter. Und er redet nicht großartig über Gefühle“, so die 37-Jährige, die auch kurz vor der verhängnisvollen Tat nie von ihm gehört habe, dass ihm die Situation über den Kopf steige.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare