Rettungsdatenblätter verraten genau, wie und wo etwas im Fahrzeug verbaut wurde und helfen den Rettungskräften

Der Helfer hinter der Sonnenblende

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Die beiden Feuerwehrmänner Henning Fausak und David Langenberg (v.li.) sind vorbildlich und haben ein Unfalldatenblatt hinter der Sonnenblende in ihren Autos verstaut. Im Falle des Notfalls können sie schnellstmöglich gerettet werden.

Plettenberg -  Autohersteller legen beim Fahrzeugbau heutzutage so viel Wert auf Sicherheit wie nie zuvor. Airbags an allen Seiten, Notbremsassistenten und automatische Lenkeingriffe gehören bei neueren Fahrzeugmodellen oft schon mit zur Grundausstattung. Für bestimmte Funktionen muss jedoch nicht selten zusätzlich draufgezahlt werden. Es gibt jedoch auch etwas, das sich jeder leisten und im Falle eines Unfalls viel bewirken kann – das Rettungsdatenblatt. Mit der Weiterentwicklung der Fahrzeugtechnik steigen die Anforderungen für die Einsatzkräfte im Umgang mit Unfallfahrzeugen.

 Die Einführung eines Rettungsdatenblattes soll in diesem Fall Hilfestellung ermöglichen. Ein sogenanntes Rettungsdatenblatt, umgangssprachlich auch schon mal kurz Rettungskarte genannt, kennt auf der heimischen Feuer- und Rettungswache Am Wall fast jeder. Wer aber nicht regelmäßig Leben rettet oder mit Verkehrsunfällen zu tun hat, weiß häufig nicht, was es mit diesem einfachen Blatt Papier auf sich hat – wie eine ST-Umfrage zeigte. Das Rettungsdatenblatt stellt den Einsatzkräften am Unfallort detaillierte Informationen zur Unterstützung bei der patientengerechten Rettung aus Fahrzeugen zur Verfügung. Auf dem Datenblatt sind für jeden einzelnen Fahrzeugtyp alle Informationen in Bezug auf Rettungsarbeiten am Fahrzeug enthalten. Dies betrifft eine Darstellung des Fahrzeugs mit der Markierung verschiedener Bauteile (Tank, Batterie, Airbag, Gurtstraffer, Strukturversteifungen, Hochvoltbauteile und -leitungen) und möglicher Zusatzinformationen. „Jeder sollte so etwas im Auto haben. Es erleichtert den Rettungskräften erheblich die Arbeit, vor allem dann, wenn Personen im Auto eingeklemmt oder eingeschlossen sind“, erklärt Brandoberinspektor Klaus Neugum, an der Hauptwache zuständig für die sogenannte Einsatzvorbereitung.

 Bei einem schweren Unfall entscheiden oftmals Sekunden über den Gesundheitszustand der Unfallopfer. Ist jemand schwer verletzt eingeklemmt, möglicherweise sogar bewusstlos, spielt es dabei eine entscheidende Rolle, wie schnell der Verunfallte mit technischem Gerät aus seinem Fahrzeug befreit und rettungsmedizinisch versorgt werden kann. Hierdurch steigen auch die Chancen, körperliche Folgeschäden zu reduzieren. Jedes Fahrzeug ist jedoch anders und kann auch für die Rettungskräfte selbst während des Einsatzes zusätzliche Gefahren mit sich bringen. Insbesondere bei neueren Fahrzeugmodellen wisse man als Retter oft nicht, wo genau die Airbags verbaut seien. Und im Falle einer Rettung von Personen sei das nicht unwichtig. „Wenn beispielsweise der Fahrer eingeklemmt ist und ich an der falschen Stelle anfange, das Auto per hydraulischer Rettungsschere aufzuschneiden, kann eventuell ein Airbag ausgelöst werden und damit zusätzlich meine Arbeit erschweren oder sogar gefährden“,weiß Neugum. 

Für diesen Fall hilft ein Notfalldatenblatt den Rettern und verschafft ihnen einen Überblick über die Bauweise des Fahrzeugs. Neugum berichtet von einem Vorfall bei einem befreundeten Feuerwehrkollegen: „Nach einem Unfall haben die Kollegen mit der Rettungsschere an einem Auto dort angesetzt, wo ein Gurtstraffer saß, welcher beim Zerschneiden plötzlich explodierte und dadurch einige Einzelteile mit voller Wucht durch die Gegend flogen. Zum Glück ist in diesem Fall keinem etwas passiert.“ Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, zu wissen, wie das jeweilige Fahrzeug gebaut ist. Nur mit entsprechenden Vorkenntnissen über das Fahrzeug können solche Situationen vermieden werden. Den meisten Verkehrsteilnehmern sei gar nicht bewusst, dass ein einfacher Zettel wie das Rettungsdatenblatt so viel bewirken kann. „Hätte jeder ein Rettungsdatenblatt in seinem Fahrzeug, hätten wir als Rettungskräfte oft viel Zeit gespart. Eigentlich müsste so etwas verpflichtend für alle Fahrzeughersteller sein, solch ein Datenblatt dem Käufer eines Fahrzeuges automatisch bei einer Übergabe zur Verfügung zu stellen – so wie eine Rettungsweste und den Erste-Hilfe-Kasten“, findet Thomas Gritschke, Pressesprecher der Feuerwehr Plettenberg. Kennzeichnung gefordert

fest vorgeschriebenes Depot der Rettungskarte, beispielsweise grundsätzlich hinter der Sonnenblende des Fahrers, so Gritschke. Wäre dieses grundsätzlich gesetzlich geregelt, könnten die Einsatzkräfte automatisch die Sonnenblende herunterklappen und die Rettungskarte entnehmen. „Die Erfahrung zeigt aber leider, dass in den wenigsten Fahrzeugen ein solches Rettungsdatenblatt mitgeführt wird“, so Neugum. Generell appelliere die Feuerwehr, sich beim Verband der Automobilindustrie (www.vda.de) ein Rettungsdatenblatt herunterzuladen und entsprechend deponiert im Fahrzeug zu lagern, sodass es im Notfall schnell von den Rettungskräften vorgefunden werden kann. „Irgendwann sollen auch bei den Feuerwehren im Märkischen Kreis ein Teil der Einsatzfahrzeuge mit Tablet-PCs ausgestattet und somit das jeweilige Unfalldatenblatt aufs Tablet geladen werden können, wenn wir am Unfallort ankommen. Das ist aktuell aber noch nicht in Planung“, so Klaus Neugum. Dafür müsste auch gewährleistet sein, dass in Plettenberg und Umgebung – auch in den Außenbezirken – überall eine schnelle Internetverbindung gewährleistet sei. Der Märkische Kreis verspricht einen Breitbandausbau bis 2020 (wir berichteten). Bis dahin gilt: Rettungsdatenblätter ausdrucken und hinter die Sonnenblende des Fahrers klemmen.

Info-Telegramm:

Die Gestaltung der Datenblätter ist mit der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (VFDB) und Rettungsärzten abgestimmt worden. 

Es gibt bisher nahezu von allen Fahrzeugmodellen (Pkw und leichte Nutzfahrzeuge), die in Deutschland verkauft werden, Rettungsdatenblätter. 

Deutschland ist diesbezüglich ein weltweiter Vorreiter in der flächendeckenden Bereitstellung von Informationen zur Unterstützung für Rettungskräfte am Unfallort, so heißt es vom Verband der Automobilindustrie.

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