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„Region leidet wie ein Hund“: Unternehmer übt heftige Kritik wegen A45-Sperrung

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Von: Georg Dickopf

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Friedrich W. Krummenerl, Geschäftsführender Gesellschafter der WS-Gruppe, legte den Finger in die Wunde.
Friedrich W. Krummenerl, Geschäftsführender Gesellschafter der WS-Gruppe, legte den Finger in die Wunde. © Dickopf

Mit 77 Jahren ist Friedrich-W. Krummenerl der älteste der vier Geschäftsführer der Firmengruppe Westfälische Stahlgesellschaft.  Doch altersmilde ist der Grandseigneur der heimischen Industrielandschaft nicht geworden – im Gegenteil.

Plettenberg - Er legte bei seiner Rede zur Einweihung des Logistikzentrums der Westfälischen Stahlgesellschaft den Finger in die Wunde.

„Als wir mit dem Bau dieses Logistikzentrums vor anderthalb Jahren begonnen haben, konnte noch niemand ahnen, in welcher außergewöhnlichen Situation wir uns bei Fertigstellung dieses Projektes befinden würden.“

„Made in Germany“ auf dem Prüfstand

Neben den massiven Auswirkungen, die der Ukrainekrieg mit sich gebracht habe, müsse man in der heimischen Region auch noch für einen längeren Zeitraum mit der Sperrung der Rahmedetalbrücke auf der A 45 leben. „Diese Sperrung ist für den südlichen Märkischen Kreis der absolute Supergau“, betonte Krummenerl. Zudem stehe das jahrzehntelange Erfolgsmodell „Made in Germany“ mit seiner Top-Qualität und dem hervorragenden Lieferservice auf dem Prüfstand.

„Warum? Es basierte über viele Jahre auch auf günstiger Energie aus Russland. Das ist nun aber vorbei! Selbst wenn uns der Gashahn nicht völlig zugedreht wird, müssen wir in Zukunft für unsere Energieversorgung erheblich mehr bezahlen. Und die billige Energie aus Russland erhält nun unser größter Wettbewerber auf dem Weltmarkt und das ist China“, stellet der Geschäftsführende Gesellschafter fest.

Dennoch bekunde man mit der 10-Millionen-Euro-Investition „unsere enge Verbundenheit zum Standort Plettenberg. Wir sind nach wie vor von den großen Entwicklungsmöglichkeiten dieser Region und den hier arbeitenden Menschen überzeugt und werden weiter am Standort Plettenberg auch in Zukunft investieren.“

Allerdings werde es Unternehmen seitens des Gesetzgebers und der Genehmigungsbehörden nicht immer ganz leicht gemacht, solche Investitionen zu planen und ohne zusätzliche Auflagen und Kosten auch durchzuführen.

Der beabsichtigte Neubau der Rahmetalbrücke ist laut Krummenerl das beste Beispiel. „Die ganze Region leidet wie ein Hund, mit eklatanten Auswirkungen auf viele Bereiche. Jüngere Mitarbeiter verlassen zunehmend den Märkischen Kreis. Investitionen werden verschoben oder nach Osteuropa verlagert. Die Verkehrssituation ist für alle Betroffenen unerträglich und die sogenannten Kollateralschäden werden sich erst viel später zeigen“, listete der Seniorchef auf.

Kritik auch an Straßen.NRW

„Seit acht Monaten ist die Rahmetalbrücke nun bereits gesperrt. Was ist bisher geschehen? Wir wissen es offiziell nicht. Es heißt, vieles würde parallel laufen. Was wir erlebt haben, ist die übliche Diskussion über Planfeststellungsverfahren, Umweltverträglichkeitsprüfung und die Umsiedlung von Fleder- und Haselmaus. Man wird einfach das Gefühl nicht los, dass auch hier die zuständigen Behörden einfach ,Business as usual‘ betreiben“, so Krummenerl, der aber auch noch auf ein weiteres Problem hinwies: „Straßen.NRW betriebt durch diverse Maßnahmen eine weitere Verschlechterung der Verkehrssituation in unserer Region. Auf der B 236, der Lebensader des Lennetals, wird der Verkehr seit Monaten durch mehrere Baustellen massiv beeinträchtigt. Hier sind teilweise über Wochen keine Aktivitäten zu erkennen. Bester Beweis hierfür: Es sind keine Dixi-Klos vorhanden.“ Hinzu komme noch eine Reduzierung der Geschwindigkeit auf der Verseuferstraße auf Grund fragwürdiger Bauwerksschäden.

Verweis auf Tesla-Werk und Genua-Brücke

Krummenerl hinterfragte, wie die längere Brücke in Genua und das Tesla-Werk in Berlin innerhalb von zwei Jahren fertiggestellt werden konnten. Und in Berlin habe man vorab große Wälder roden müssen. „Und hier gab es keine Fleder- oder Haselmäuse? Ich denke, dass die zuständige Landesregierung ihren Behörden signalisiert hat: Haltet die Füße still, denn sonst ist der Ami weg.“

Noch dazu habe Tesla die endgültige Genehmigung erst kurz vor der ersten Produktion erhalten. „Ich denke, uns hätte man die Baustelle hier in Osterloh bereits viel früher stillgelegt.“

Aber dem steht sehr oft entgegen, dass wir ein Volk von Bedenkenträgern und Verbotsfanatikern geworden sind. Und dieses Bürokratiemonster zieht sich durch alle Lebensbereiche unserer Gesellschaft. 

Friedrich W. Krummenerl

Das Berliner Beispiel zeige, dass es mit gutem Willen und viel Engagement auch anders gehen könne. „Aber dem steht sehr oft entgegen, dass wir ein Volk von Bedenkenträgern und Verbotsfanatikern geworden sind. Und dieses Bürokratiemonster zieht sich durch alle Lebensbereiche unserer Gesellschaft“, so Krummenerl.

Abschließend richtet der 77-Jährige sein Wort in Richtung von Bürgermeister Ulrich Schulte: „Bitte achten Sie darauf, dass die Genehmigungsbehörden der Stadt den Bauherren nicht immer wieder das Gefühl vermitteln, sie müssten bei dieser oder jener Vorschrift noch einen drauf setzen.

10 Millionen Euro in neuen Standort investiert

Dr. Markus Krummenerl hatte vor der Rede seines Vaters als Geschäftsführender Gesellschafter der WS-Gruppe das neue Logistikcenter im Industriegebiet Osterloh-West vorgestellt. Mit einem Investitionsvolumen von rund zehn Millionen Euro und einer Bauzeit von anderthalb Jahren habe die Westfälische Stahlgesellschaft an ihrem neuen Standort massiv in moderne Lager- und Logistikmöglichkeiten investiert und Arbeitsplätze für gewerbliche und kaufmännische Mitarbeiter geschaffen.

Hochregallager ist das Herzstück

Herzstück des Neubaus ist das vollautomatische Wabenlager mit insgesamt 2 844 Kassettenplätzen mit einer nutzbaren Länge von jeweils sieben Metern und einer Gesamtlagerkapazität von über 10 000 Tonnen Stahl. Sämtliche Handelsware der Firma – Blankstahlbunde, warmgewalzte Stabstähle, Rohre oder rostfreies Material – werde man dort lagern. Das 50 Meter lange, 25 Meter breite und 16 Meter hohe Lager sei nunmehr das vierte automatisierte Lager der Firmengruppe.

Dr. Markus Krummenerl, Thomas W. Schaumann, Friedrich W. Krummenerl und Friedrich W. Krummenerl jun. vor dem Hochregallager am neuen Firmensitz der Westfälische Stahlgesellschaft.
Dr. Markus Krummenerl, Thomas W. Schaumann, Friedrich W. Krummenerl und Friedrich W. Krummenerl jun. vor dem Hochregallager am neuen Firmensitz der Westfälische Stahlgesellschaft. © Dickopf

Dem Hochregal vorgelagert sei eine große Logistikhalle mit 1250 Quadratmetern Grundfläche, die im Wesentlichen als Lkw-Umschlagplatz diene. Das Be- und Entladen erfolge über leistungsfähige Hallenkräne. Zudem installiere man noch drei Sägeanlagen zum vollautomatischen Ablängen von Stäben, die in der angrenzenden Stückguthalle (300 Quadratmeter) auf Paletten gelagert und bedarfsgerecht versandt würden.

Abgerundet werde der Neubau durch den Büro- und Sozialbereich, der über zwei Etagen Arbeitsplätze für bis zu 20 kaufmännische Mitarbeiter vorsehe und bis zu 20 gewerblichen Mitarbeitern die erforderlichen Räumlichkeiten biete. Insgesamt habe man für den neuen WS-Standort gut 3 000 Quadratmeter Gebäudefläche geschaffen und knapp zwei Drittel der Grundstücksfläche genutzt.

Das klimaneutrale Unternehmen habe auch das Thema CO2-Einsparung ernst genommen: Eine intensive Wärmedämmung, LED-Beleuchtung und die Installation einer Wärmepumpe werde gekoppelt mit einer Photovoltaikanlage. Die Anlage, die im September installiert werden soll, hat eine Leistung von 252 Kilowatt-Peak.

Argument gegen Entlastungsstraße

Durch den neuen Standort entstehe kein zusätzlicher Lkw-Verkehr zwischen der Herscheider Straße 93 und Osterloh. „Ganz im Gegenteil, unser neuer Standort hier wird die Herscheider Straße im unteren Bereich um einige Lkws entlasten, da viele Lastwagen nicht mehr bis zum alten Standort fahren müssen, sondern bereits am Kreisel Osterloh abbiegen. Insofern verstehen wir unseren neuen Standort auch als kleines Argument unsererseits, warum wir in Plettenberg keine Elsetalentlastungsstraße benötigen“, bemerkte Krummenerl mit Blick auf den ebenfalls anwesenden Bürgermeister Ulrich Schulte.

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