Han Kayemba im Gespräch

Ist Rassismus in Plettenberg ein Problem? Ein Interview mit einem potentiell Betroffenen

+

Plettenberg - Black Lives Matter - Schwarze Leben zählen heißt eine Bewegung in den USA, die zurzeit weltweit für Schlagzeilen sorgt. Menschen gehen dort auf die Straße, um gegen Fremdenhass und Polizeigewalt zu protestieren. Das lässt auch Han Kayemba nicht unberührt. Wir haben mit dem Plettenberger, der selbst dunkelhäutig ist, gesprochen.

Überall in den Vereinigten Staaten von Amerika gehen schwarze Bürger seit Monaten auf die Straßen und protestieren gegen Rassismus und Polizeigewalt. Der jüngste Vorfall – Polizisten schossen dem 29-jährigen Familienvater Jacob Blake vor den Augen dessen Kinder mehrfach in den Rücken – heizte die Debatte noch weiter an, selbst Profisportler boykottierten ihre teilweise wichtigsten Spiele des Jahres.

Black Lives Matter (Schwarze Leben zählen) lautet der Titel der Bewegung, die weltweite Beachtung findet. Rassismus ist und bleibt in vielen Ländern ein Thema, auch in Deutschland. Aber wie ist die Situation in Plettenberg und Umgebung? Werden schwarze Mitbürger hier diskriminiert? Wer könnte diese Fragen besser beantworten als Han Kimera Kayemba, gebürtiger Plettenberger mit Wurzeln in Uganda, selbst dunkelhäutig. Sebastian Schulz traf den 33-Jährigen zum Interview.

Herr Kayemba, Sie sind selbst Vater einer einjährigen Tochter und eines fünfjährigen Sohnes. Was haben Sie gefühlt, als Sie die Nachrichten über den niedergeschossenen Jacob Blake in den USA gelesen haben?

Solche Nachrichten bewegen mich wirklich sehr. Man sieht daran leider, dass der Rassismus enorm geworden ist. Ich finde es gut, dass die Menschen in den USA auf die Straßen gehen und Veränderung wollen. Wenn ich selbst vor Ort wäre, würde ich da auch mitwirken.

Glauben Sie, dass es solche Vorfälle auch in Deutschland geben könnte – dass Sie ganz persönlich vielleicht eines Tages Opfer von Polizeigewalt werden könnten?

Eher weniger. Ich fühle mich mit der Polizei sicher. Die Polizisten in Deutschland sind einerseits nicht so gewalttätig und haben andererseits auch vielleicht nicht so viel Macht wie in Ländern wie den USA.

Fühlen Sie sich in Plettenberg sicher und gut aufgehoben?

Ich bin hier geboren und ich kenne viele Plettenberger; ja, hier fühle ich mich wohl und sicher. Woanders ist das dagegen häufig nicht der Fall.

Was meinen Sie mit „woanders“?

Wenn ich als Fußballer auf anderen Plätzen unterwegs bin, dann kommen Beschimpfungen öfter vor. Wenn der Schiedsrichter ein Foul pfeift, rufen Zuschauer gerne rein: „Immer der Neger!“. Noch schlimmer ist es in Großstädten, zum Beispiel, wenn ich als Fan ins Stadion von Borussia Dortmund gehe. Vor allem die Gästefans gucken einen dann an und sagen: „Was willst du denn hier?“

Wurden Sie auch in Plettenberg schon rassistisch beleidigt?

Ja, zum Beispiel vor der Sparkasse, mitten in der Stadt. Ich fuhr zu dieser Zeit einen 320er BMW und wollte gerade einparken, als ein älterer Mann mich angepöbelt hat: „Wie kann ein Schwarzer so ein Auto fahren!?“

Wie haben Sie reagiert?

Ich bin ausgestiegen und habe ihn zur Rede gestellt. Er kannte mich nicht, wie kann er mir dann mit so einer dummen Sache kommen? Ich habe ihm gesagt, dass ich arbeiten gehe – ich bin seit 14 Jahren bei Nedschroef – und dass ich schon lange hier lebe. Normalerweise müsste ich mich dafür gar nicht rechtfertigen. Er meinte dann nur „Das erzählt ihr doch alle“ und ist gegangen.

Haben Sie das Gefühl, dass Rassismus eher von älteren als von jüngeren Menschen ausgeht?

Ja, definitiv. Auch auf dem Sportplatz sind es meist die Älteren, die pöbeln. Die jüngeren Leute sind da deutlich aufgeschlossener. Im Kindergarten meines Sohnes zum Beispiel habe ich noch nie etwas Negatives wegen unserer Hautfarbe gehört.

Und wenn es doch mal so käme?

Dann würde ich sofort reagieren. Wenn nur ich beleidigt werde, dann geht das oft: linkes Ohr rein, rechtes raus. Aber ich möchte nicht, dass meine Familie solche Dinge mitbekommt.

Ihre Lebensgefährtin ist weiß; wie ist für sie der Alltag mit einem dunkelhäutigen Partner und dunkelhäutigen Kindern?

Sie wurde nie darauf angesprochen, aber am Anfang war es schwierig für sie. Sie kam sich beobachtet vor, vor allem, wenn sie mit den Kindern in Bus und Bahn unterwegs war und die Leute geguckt haben. Aber mittlerweile steht sie darüber.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Dass die Leute nicht die Hautfarbe, sondern den Menschen sehen. Egal, ob schwarz oder weiß: Mensch ist Mensch. Das ist das Wichtigste, was es gibt. Und das ist mein größter Wunsch: Dass die Menschen mehr zusammenhalten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare