Desinfizieren, bis der Arzt kommt

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Heiko Heseler, Reinhardt Strohdeicher, Nicole Kleinwächter und Marzia Bonsignore (v.li.) legen viel Wert auf Händehygiene

Plettenberg – „Es bereitet mir körperliche Schmerzen, wenn Ärzte oder Pflegekräfte sich vor oder nach der Behandlung am Patienten nicht die Hände waschen“, erklärt Barbara Teichmann und schüttelt angeekelt den Kopf. Für die Geschäftsführerin des heimischen Radprax-Krankenhauses ist solch ein Vorgang unvorstellbar.

Als ehemalige Krankenschwester gehöre für sie auch heute im täglichen Alltag – der größtenteils ohne direkten Patienten-Kontakt stattfindet – das Desinfizieren der Hände ständig mit dazu. Durch regelmäßiges Desinfizieren der Hände kann auch eine Übertragung von Noroviren verhindert werden, die aktuell für viele Krankheitsfälle verantwortlich sind. Noroviren verursachen Übelkeit, Erbrechen und Durchfälle, sind hochansteckend und verbreiten sich rasend schnell. Im Moment ist das Virus auch im Kreis wieder auf dem Vormarsch, wie Reinhardt Strohdeicher erklärt (s. Infobox). 

Dass es in Sachen Händehygiene immer noch viele Defizite in den deutschen Krankenhäusern gibt, beweisen Studien. Deshalb wurde der Aktionstag „Saubere Hände“ ins Leben gerufen, um Mitarbeiter von Krankenhäusern, Arztpraxen oder Pflegeheimen daran zu erinnern, wie wichtig Händehygiene und das richtige Desinfizieren sind. Das Radprax-Krankenhaus nimmt seit 2018 an dieser Aktion teil und hat bereits im ersten Anlauf das Bronzezertifikat erhalten. Insgesamt sind derzeit 1870 Einrichtungen angemeldet, davon 970 Krankenhäuser bundesweit. 

Nur 35 Häuser haben das Goldzertifikat im Jahr 2018 erhalten, was nicht nur Barbara Teichmann schockiert. Auch Reinhardt Strohdeicher, Hygienefachkraft des Radprax-Krankenhauses findet die Zahl beunruhigend: „Jährlich gibt es in Deutschland etwa 500 000 Patienten, die von Krankenhaus-Infektionen betroffen sind. Das sind immense Kosten, die eingespart werden könnten, wenn wir mehr auf die Händehygiene achten würden“, erklärt Strohdeicher. Zu zeigen, dass es nicht nur reicht zu desinfizieren, sondern auch richtig zu desinfizieren, demonstriert der Auszubildende Jan-Luca Fiebig im Selbsttest. 

Er desinfiziert sich lange und ausgiebig die Hände, um sie anschließend unter die Speziallampe zu halten (s. Foto). Die Stellen, die nicht hell ausgeleuchtet sind, wurden noch nicht von Bakterien befreit. „Das zeigt, wie gründlich man die Flüssigkeit verteilen muss. Vor allem die Fingerlängen und

Handgelenke müssen ebenfalls beachtet werden. Außerdem braucht es etwa 30 Sekunden, bis das Desinfizierungsmittel vollständig eingezogen ist“, erklärt Nicole Kleinwächter vom Desinfektionsmittelhersteller Schülke und Mayr. Im Plettenberger Krankenhaus gibt es eine Hygiene-Kommission, die aus etwa 12 Mitarbeitern besteht und sich darum kümmert, dass Hygienevorschriften eingehalten werden. Den Hut hat dabei Reinhardt Strohdeicher auf, der die Ärzte und das Pflegepersonal täglich „kontrolliert“, in dem er verschiedene Momente beobachtet und das Personal immer wieder bei Nicht-Beachtung aufklärt. „Um die Mitarbeiter zu belohnen, hat Krankenhaus-Geschäftsführer Andreas Martin einen besonderen Wettbewerb ausgelobt“, berichtet Teichmann. 

Die Station, die am meisten desinfiziert und durch Verbrauch und Beobachtung vorn liegt, bekommt ein gemeinsames Abendessen spendiert. „Das gibt noch einmal einen besonderen Anreiz dazu, in diesem Jahr vielleicht die silberne Medaille zu ergattern“, freut sich Barbara Teichmann. Dass das Krankenhaus richtig Gas geben will in Sachen Händehygiene, zeigt auch eine Werbekampagne, die direkt im Flur im Erdgeschoss angeschaut werden kann. 

Verschiedene Plakate zeigen Krankenhausmitarbeiter mit ihren schmutzigen, privaten Hobbys. So wühlt beispielsweise der Chefarzt für Gastroenterologie, Dr. Georg Krupp, bei der Gartenarbeit in der Erde oder eine weitere Mitarbeiterin kratzt die Hufe eines Pferdes aus. Barbara Teichmann: „Mehr Schmutz geht schon gar nicht mehr!“ und sie ergänzt: „Umso wichtiger, dass die Krankenhausmitarbeiter in ihrem Dienst strengstens die Hygieneregeln befolgen!“ Ziel ist es, etwa 65 Milliliter Desinfektionsmittel pro Patient täglich zu verbrauchen. „Das ist in etwa der Goldstatus“, erklärt der Hygienefachmann Reinhardt Strohdeicher. Ob das Radprax-Krankenhaus in diesem Jahr eine Medaille für das fleißige Desinfizieren bekommt, steht aber erst Anfang 2020 fest. Bis dahin gilt es, fleißig weiterzumachen.

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