Publikum amüsiert sich köstlich bei "Eine Woche ohne Erika auf" von der Theatergruppe Stichlinge

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Nachbar Heinz versuchte zu hören, was im Garten nebenan gesprochen wird. 

Plettenberg - Mit „Eine Woche ohne Erika“ von Steffen Vogel brachte die Theatergruppe Stichlinge am Samstag- und Sonntagabend ein kurzweiliges Stück auf die Bühne der Böddinghauser Aula, mit dem das Publikum auf’s Köstlichste unterhalten wurde.

Der Vorhang ist noch geschlossen, doch an den Rändern der Bühne stehen bereits zwei Zaunelemente. Als sich der Vorhang hebt, gibt er den Blick frei auf zwei benachbarte Grundstücke, voneinander getrennt durch einen mittig verlaufenden Zaun, der im hinteren Bühnendrittel mehr als mannshoch ist. Unter den Klängen von Bob Marley’s „No woman no cry“ kommt Heinz Hinzmann, leidenschaftlich gespielt von Stefan Koschate, aus dem linken Haus und macht es sich im Garten bequem. Im knöpfestrapazierendem Hawaiihemd und Schlabbershorts ist dem Publikum auf den ersten Blick klar, dass Heinz nicht im Traum die Absicht hat, die Aufgaben, die ihm seine Frau aufgetragen hatte, auszuführen. Daran ändert auch nichts der gouvernantenhafte Auftritt von Erikas Freundin Leonora von Bock (Christiane Schelper), die dem Strohwitwer Feuer unter’m Hintern machen soll. Das Stück entwickelt sich zu einem munteren Schlagabtausch der Beiden, bis Leonore schließlich abzieht und auch Heinz kurzzeitig im Haus verschwindet.

So verpasst er, anders als das Publikum, was sich nebenan tut: Nachbarstochter Lisa Brandt (Yasmin Baroth) bringt den Schriftsteller Bruno Hülsentreter in das leerstehende Haus ihrer Eltern, damit er seinen neuen Krimimalroman fertig stellt. Bruno ist der Prototyp eines arroganten, snobistischen und egozentrischen Großstadtautors. Yannick Richter verkörpert die Rolle so ätzend gut, dass man nur begeistert sein kann. Das unterhaltsame Unheil nimmt seinen Lauf, als Lisa Bruno als ihren Verlobten vorstellt und Heinz glaubt, einem Mordkomplott an Brunos vermeintlicher Ehefrau Sylvia auf der Schliche zu sein.

Das Publikum amüsierte sich köstlich.

Komisch wird es, als Heinz mit selbst gebasteltem Abhörgerät versucht, über den hohen Gartenzaun die Gespräche zwischen Bruno und Lisa, beziehungsweise Sylvia zu belauschen. Das stumme Spiel von Koschate ist sehr gut, lenkt aber auch etwas von der Unterhaltung auf der anderen Gartenseite ab, sodass unter Lachsalven des Publikums manche Gesprächsfetzen untergehen.

Um den Mord zu vereiteln, ruft Heinz umgehend bei der Polizei an. Nicht zum ersten Mal, wie sich bald herausstellt, denn Kommissarin Charlotte Dreyer (gespielt von Heike Meiritz) kommt mit einem dicken Aktenordner, um Heinz seine an den Haaren herbeigezogenen Vermutungen und Anschuldigungen darzulegen. Doch als ein Schuss vom Nachbargrundstück zu hören ist und Bruno erst mit einer rotfleckigen Schürze nach einer Scheuerbürste fragt und anschließend einen eingerollten Teppich wegschafft, regen sich auch bei Charlotte Zweifel, ob nicht wirklich ein Mord geschehen ist. Die patente Kommissarin im Columbo-Gedächtnis-Trenchcoat wandelt sich zur Hobbyermittlerin, die ebenso wie Heinz verstohlen über den Gartenzaun linst. Während letzterer aber am liebsten im Stile seiner Lieblingsromanermittlerin ‚Samantha Tucker’ auf das Nachbargrundstück stürzen würde, bewahrt sich Charlotte einen Funken Professionalität und besteht auf Beweisen.

Wandlungsfähigkeit beweist auch Christiane Schelper: Trat sie gegenüber Heinz noch emanzipiert und durchgreifend auf, wird sie in Gegenwart von Bruno zum sanften Hausmütterchen, die in lila Putzkittel gekleidet hinter dem verdatterten Autor her wischt, weil das doch keine Aufgabe für einen Mann sei, ihn dabei offensichtlich anhimmelnd.

Die Handlung verdichtet sich, als Heinz Charlotte als seine Schwester ausgibt, Leonore durch Bruno davon erfährt und sich prompt auf die Suche nach dieser vermeintlichen Schwester macht. Zunächst wieder ganz die Gouvernante, bröckelt Leonores Selbstsicherheit allmählich, da Heinz nichts unversucht lässt, sie aus dem Konzept zu bringen und gleichzeitig Charlotte unter dem Gartenstuhl zu verbergen, auf dem Leonore gerade sitzt.

Das große Finale steht bevor: Bruno und Lisa wollen den Teppich wieder ins Haus schaffen. Im Glauben, eine Leiche befinde sich darin, richtet Charlotte ihre Pistole auf die beiden. Urkomisch der Moment, als Lisa bemerkt, dass Bruno sie als menschliches Schutzschild benutzen will und auf ihn einschlägt. Als plötzlich die vermeintliche Tote auftaucht, ist das Chaos zunächst perfekt.

Der Nachbar vermutete im Teppich eine Leiche.

Während das Publikum längst im Bilde ist, brauchen die Figuren auf der Bühne etwas Zeit, um die Fäden zu entwirren; im Fall des dümmlichnaiven Heinz auch noch ein bisschen mehr. Sylvia von Bernstein (Hiltrud Steuble-Deigmöller) ist nicht wie angenommen Brunos ermordete Ehefrau, sondern seine Verlegerin, die das fertige Manuskript abholen will. Bruno entpuppt sich als Autor der von Heinz geliebten ‚Samantha Tucker’-Romane. Zwar schmiedete er tatsächlich einen Mordkomplott, allerdings nur an der Romanfigur. ‚Ende gut, alles gut’ könnte man denken, wäre da nicht die plötzlich erklingende harsche Stimme aus dem Off: Erika ist zurück!

An einigen Stellen hatten die Stichlinge das Stück umgeschrieben und mit lokalen Bezügen versehen. So war Schauplatz der Handlung beispielsweise Hilfringhausen, Kommissarin Charlotte Dreyer arbeitete für die Kripo Märkischer Kreis und die Ohler Kita war bereits ins Visier von Heinz und seiner Anzeigenmanie geraten.

Kleines Manko der ansonsten sehr gelungenen Vorstellung war die immer mal wiederkehrende Textunsicherheit. Zwar fielen die Schauspieler nicht aus ihren Rollen und Souffleur Wolfram Krautheim hatte schnell das passende Stichwort parat, die kurzen Unterbrechungen waren jedoch bemerkbar.

Insgesamt erlebte das Publikum jedoch einen ausgesprochen unterhaltsamen Abend. Komik und Witz waren nicht allein auf den Text des Autors zurückzuführen, sondern auch auf die überzeugende Leistung der Schauspieler, insbesondere von Stefan Koschate, Christiane Schelper und Yannick Richter.

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