Auftakt vor dem Schwurgericht

Tod von Kleinkind (1): Pflegevater schweigt, leiblicher Vater zeigt "Todesstrafe"-Pullover - der ausführliche Bericht

+
Der Angeklagte. 

[Update] Plettenberg/Hagen - Am Freitag begann vor dem Landgericht Hagen der mit Spannung erwartete Prozess gegen einen 30-jährigen Plettenberger, dem vorgeworfen wird, ein ihm anvertrautes Pflegekind so schwer verletzt zu haben, dass es an den Folgen starb. Hier der ausführliche Bericht vom ersten Verhandlungstag:

Schon bevor der seit über einem halben Jahr in Untersuchungshaft sitzende Pflegevater auf die Anklagebank geführt wurde, passierte im Gerichtssaal etwas Ungewöhnliches.

Marcel Assmann, leiblicher Vater des am 3. Januar verstorbenen Pflegekindes, hatte das Gerichtsgebäude am Morgen mit einem Pullover betreten, auf dem auf der Vorderseite zu lesen war: „Todesstrafe für Kindermörder“. Auf der Rückseite prangte der Schriftzug „Keine Gnade“. Beim Betreten des Gerichtssaals zog der Gelsenkirchener den Pullover aus und nahm gemeinsam mit seiner Ex-Frau und der leiblichen Mutter Angelique Braschi als Nebenkläger seinen Platz ein.

Schriftzug den Kameras präsentiert

Den Schriftzug präsentierte Marcel Assmann den fünf Kamerateams und zahlreichen Medienvertretern dabei ohne Scheu, bis ihn sein Anwalt Arndt Kempgens um Zurückhaltung bat – wohl auch, um beim Eintreten von Richter Teich ein Beleidigungsverfahren zu verhindern.

Hielt einen Pullover mit der Aufschrift "Todesstrafe für Kindermörder" in die Kamera. 

Den leiblichen Eltern des Kindes war im Juli 2018 vom Familiengericht die elterliche Sorge entzogen worden, woraufhin das erheblich erkrankte und in seiner Entwicklung zurückgebliebene Kind bei dem Angeklagten und seiner – inzwischen getrennt lebenden – Ehefrau, einer staatlich geprüften Kinderpflegerin, untergebracht wurde. Missstände in der Pflegefamilie sollen bei den regelmäßigen Kontrollen und Hausbesuchen nicht festgestellt worden sein.

Das sagt der Anwalt des leiblichen Vaters über den Pullover:

Angeklagter bedeckt Gesicht mit Aktenordner

Der Angeklagte aus Plettenberg betrat den Gerichtssaal im Beisein seiner beiden Anwälte und bedeckte sein Gesicht dabei mit einer Aktenmappe. Seine Hände zitterten dabei vernehmlich.

Die Anklage gegen den Plettenberger lautet auf Totschlag und Misshandlung Schutzbefohlener. Dem Pflegevater wird vorgeworfen, am 2. Januar in seiner Wohnung in Plettenberg seinen etwa eineinhalb Jahre alten Pflegesohn so heftig geschlagen und geschüttelt zu haben, dass dieser am folgenden Tag im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag. Der 30-Jährige soll dem Kind zumindest einen wuchtigen Schlag gegen den Kopf versetzt und mit dem Endstück eines Staubsaugerrohrs auf den Kopf geschlagen haben. Außerdem soll er das Kind so massiv geschüttelt haben, dass es zu Einblutungen in der Netzhaut und Verletzungen im Gehirn kam.

Lesen Sie auch:  Misshandelt und geschüttelt: Mann muss sich jetzt für Tod des Pflegekindes verantworten

Bei der Obduktion des mit 18 Monaten an den Folgen der Verletzungen verstorbenen Kleinkindes wurden ältere Verletzungen festgestellt, die ebenfalls in die Anklage einflossen. Konkret ging es dabei um Frakturen des rechten Ellbogen und des linken Schienbein.

Angeklagter will keine Angaben machen

Der Angeklagte ließ durch seinen Anwalt ausrichten, dass er erst einmal keine Angaben machen werde. „Mein Mandant ist sehr aufgeregt und will keine Angaben zum Lebenslauf machen.“ Nach einer kurzen Pause wurde als erste Zeugin die Ehefrau des Plettenbergers in den Zeugenstand gerufen.

Antrag auf Nicht-Öffentlichkeit

Das Noch-Ehepaar – die 35-jährige Plettenbergerin hat die Scheidung eingereicht – stellte über ihren Zeugenbeistand den Antrag, die Öffentlichkeit auszuschließen, doch laut Richter Teich „gibt es dafür keine gesetzlichen Voraussetzungen“.

In Folge des abgelehnten Antrags machte die staatlich geprüfte Kinderpflegerin, die sich aktuell im Mutterschutz befindet, vom Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch – auch vor dem Hintergrund des gegen sie noch laufenden Ermittlungsverfahrens. Ihre 62-jährige Mutter lehnte ebenfalls eine Aussage ab.

Anschließend wurde eine 46-jährige Bürokauffrau aus Bergneustadt in den Zeugenstand gerufen, die mit dem Bruder der Pflegemutter liiert ist. Sie schilderte, wie sie vor dem Uniklinikum Essen auf das Ehepaar traf, während die Ärzte auf der Intensivstation letztlich vergeblich um das Leben des Pflegekindes kämpften.

Die Pflegemutter habe ihr gegenüber geäußert, dass sie sich nicht vorstellen könne, was da passiert sein könnte. Sie hätten am Nachmittag noch Besuch gehabt und da sei alles in Ordnung gewesen. Die Zeugin habe den Eindruck gehabt, dass sich die Pflegeltern sehr gut um das Kind gekümmert hätten und auch dafür gesorgt hätten, dass der zuvor vorhandene Hund nicht eifersüchtig wurde.

„Wenn das Kind ein Plüschtier bekam, gab es für den Hund auch eins“, so die Zeugin, der frühere Verletzungen bei dem Kind nicht aufgefallen waren. Um die Weihnachtszeit herum habe das Kind dann bei der Nahrungsaufnahme angefangen, bockig zu werden, was sie selbst einmal erlebt habe.

Vor der Uniklinik habe die Pflegemutter ihr erzählt, dass sie selbst versucht habe, das Kind zu füttern, doch es habe „herumgebockt“. Sie habe es dann ihrem Mann gegeben, der mit dem Kind nach oben gegangen wäre.

Kind wirkte apathisch und übergab sich

Als er gegen 17 Uhr heruntergekommen sei, habe das Kind apathisch gewirkt und sich kurz darauf übergeben. Daraufhin sei man gemeinsam ins Krankenhaus gefahren. Knapp elf Stunden später war das Kleinkind tot.

Den Angeklagten beschrieb die Zeugin in der besagten Nacht als sehr ruhig. „Ich dachte er steht unter Schock.“

So beschreiben drei weitere Zeugen den Angeklagten

Die drei weiteren Zeugen beschrieben den Angeklagten als hilfsbereiten, freundlichen Menschen, der sich allerdings nach seinem im September erlittenen Herzinfarkt etwas zurückgezogen hätte. Dennoch habe er sich nach der Arbeit um den Haushalt gekümmert und mit dem Kind gespielt.

Ein 24-jähriger Zeuge aus Plettenberg, der mit dem Angeklagten in einer Pflegefamilie aufwuchs, beschrieb den Alltag in der Pflegefamilie nach der Zusammenfassung des Richters so: „Er hat gearbeitet und kompensiert, was sie nicht konnte.“

Das konkretisierte der Zeuge selbst noch einmal: „Es hat ihn manchmal genervt, dass sich nichts tut im Haushalt.“ In eine ähnliche Richtung gingen die weiteren Zeugenaussagen. Die schwangere Pflegemutter habe gern und oft auf dem Sofa gelegen und mit ihrem Handy gespielt. Dennoch habe eher sie als der Angeklagte überfordert gewirkt, sagte eine 44-jährige Nachbarin aus. „Deshalb finde ich das, was passiert ist, so unglaublich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so etwas macht“, so die Zeugin gestern.

"Keine starke Frau, sondern ein Weichei"

Die Plettenberger Zeugin bekam auch eine Telefonnachricht der Pflegemutter, die sich darin nach dem Tod des Pflegekindes über ihre Schwiegermutter beschwerte und die der Vorsitzende Richter aus den Vernehmungsprotokollen zitierte: „Sie hat gesagt, dass meine Chefin mir das Pflegekind nie hätte geben dürfen, denn ich sei keine starke Frau, sondern ein Weichei.“ Und wegen des Angeklagten liege das Kind nun im Krankenhaus.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare