Kripo-Frau: "Es war, als würden wir über eine Sachbeschädigung reden"

Pflegevater-Prozess: Angeklagter aus Plettenberg will sein Schweigen brechen

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Der Angeklagte aus Plettenberg sitzt aktuell in der JVA Hagen in Untersuchungshaft-

Plettenberg – Am 24. August 2018 wurde der kleine Ayden vom Jugendamt aus einer Gelsenkirchener Familie genommen. Das entwicklungsverzögerte Kind sollte es bei seinen Pflegeeltern in Plettenberg besser haben. Gut vier Monate später soll der Pflegevater das Kleinkind heftig geschüttelt und ihm massive Schläge gegen den Kopf zugeführt haben. Einen Tag später, am 3. Januar, um 4.44 Uhr morgens, verstarb das Pflegekind im Uniklinikum Essen an den Folgen schwerster Kopfverletzungen.

Am zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Hagen standen am Mittwoch weitere Zeugenvernehmungen auf dem Plan. Neben einer Freundin der Pflegemutter wurde auch eine Polizistin befragt. 

Dabei stellte sich heraus, dass die Pflegefamilie aus Plettenberg im Spätsommer letzten Jahres vor einer großen Belastungsprobe stand. So bekam das bis dahin kinderlose Paar – die Pflegemutter hatte zuvor zwei Fehlgeburten erlitten – am 24. August 2018 das Pflegekind. 

Gut zwei Wochen später erlitt der Angeklagte einen Herzinfarkt und im Oktober wurde die Pflegemutter schwanger.

Verhältnis der Pflegeeltern hatte sich abgekühlt

Das Verhältnis der Pflegeeltern hatte sich nach dem Herzinfarkt und der nachfolgenden Reha abgekühlt und war nach Zeugenaussagen „eher freundschaftlich.“

Zeuge sah Flecken im Gesicht: Wurde getötetes Pflegekind schon früher geschlagen?

Zunächst berichtete eine aus Olpe stammende Freundin der Pflegemutter von ihrem Besuch am 2. Januar 2019. Man habe dabei Weihnachtsgeschenke ausgetauscht. „Ayden kam mir freudestrahlend entgegen gekrabbelt“, erinnerte sich die Zeugin an den Tag, in dessen weiteren Verlauf das Pflegekind zum Tod führende Verletzungen erlitt. 

Ein Kuss, ein Kaffee - und dann wieder weg

Gegen Mittag sei der Angeklagte mit einem Arbeitskollegen erschienen. „Er kam rein, nahm kurz das Kind und gab ihm und seiner Frau einen Kuss, trank einen Kaffee und war dann wieder weg“, so die Zeugin. 

Auf das Verhältnis des Ehepaars angesprochen, wusste sie von einem Satz des 30-Jährigen, der nach seinem Herzinfarkt einmal gesagt habe, „dass er der ganzen Sache noch vier Wochen gibt.“ 

Aber am nächsten Tag sei dann alles wieder gut gewesen. Als ihre Freundin schwanger geworden war, habe nie zur Diskussion gestanden, das Pflegekind abzugeben. Sie habe sich vielmehr auf die größere Familie gefreut.

Kind hochgeworfen und wieder aufgefangen

Aufhorchen ließ die Zeugenaussage einer Kripo-Beamtin, die die Beschuldigtenvernehmung des Angeklagten kurz nach dem Tod des Kindes vorgenommen hatte. 

Dabei habe der Plettenberger zunächst sehr viel von sich, seinem Leben und seinem Herzinfarkt erzählt. Danach habe er den Ablauf am 2. Januar gegen 16.30 Uhr geschildert. 

Er habe – laut eigener Aussage – im besagten Moment mit dem Kind gespielt, wie er es immer getan habe und es dabei hochgeworfen und wieder aufgefangen. Dann habe Ayden jedoch zu schreien angefangen und nach Luft geschnappt, woraufhin er Panik bekommen habe und mit dem Kind runtergegangen sei. 

Erklärungen für Verletzungen geliefert

Dort – so ergaben weitere Zeugenaussagen – erbrach sich das der Pflegemutter übergebene Kind, das einen starren Blick gehabt habe. Der Angeklagte ging währenddessen noch einmal kurz nach oben – warum, blieb offen.

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Es folgte die gemeinsame Fahrt mit der Pflegemutter und dem Kind zum Krankenhaus und schließlich zur Uniklinik Essen, wo das Kind in der folgenden Nacht verstarb. Die Kripobeamtin erklärte dem Plettenberger kurz darauf bei der Vernehmung den Tatvorwurf. 

"Mir hat in jeglicher Hinsicht das Gefühl gefehlt"

Auf die Kopfverletzung angesprochen, habe der Angeklagte angegeben, das Kind könne sich den Kopf auf der Treppe an einem Deckenbalken gestoßen haben. Die blauen Flecken seien durch eine besonderen Blutgruppe und empfindliche Haut zu erklären und möglicherweise beim Pfötchen geben durch den Labrador entstanden. 

Das Schütteltrauma habe er damit begründet, dass das Kind öfter seinen Kopf aus Trotz auf die Tischplatte geschlagen habe.

„Bei der ganzen Vernehmung hat mir in jeglicher Hinsicht das Gefühl für das Kind gefehlt. Es war, als würden wir über eine Sachbeschädigung reden“, sagte die Kripobeamtin. 

Dass die Kopfverletzungen weder durch Hochwerfen noch durch eine Berührung des Deckenbalkens hervorgerufen wurden, erläuterten Prof. Dr. Kathy Keyvani vom Institut für Neuropathologie des Uniklinikums Essen und der Radiologe Dr. Bernd Schweiger am Ende der Verhandlung mehr als deutlich.

Plettenberger wird am Freitag Erklärung abgeben

Nach dem Ende des zweiten Prozesstages folgte der eigentliche Paukenschlag im Rechtsgespräch mit Richter Teich, den Anwälten, dem Nebenkläger und dem Angeklagten. 

Laut Strafverteidiger Nikolai Odebralski will der Plettenberger am Freitag vor Gericht in Gegenwart der Nebenkläger eine Erklärung abgeben, um auch deren offene Fragen zu beantworten. „Dieses Bedürfnis möchte der Angeklagte befriedigen und er wird den Ablauf am Tattag aus seiner Sicht schildern und sagen, was stimmt und was nicht.“

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