„Notstand an Fachkräften nicht mehr zu verleugnen“

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Besonders der Mangel an Fachkräften macht den stationären, aber auch den ambulanten Pflegediensten in Plettenberg derzeit zu schaffen. Doch auch gesetzliche Rahmenbedingungen müssten verändert werden.

„Wir müssen nichts schön reden“, sagt Heike Biedermann, Leiterin des Altenzentrums St. Josef. Die Probleme in der Pflege hätten schon längst Plettenberg erreicht – die Gründe dafür seien verschieden, würden aber vor allem in gesetzlichen Vorlagen liegen.

„Die Pflegedienste vor Ort sind mittlerweile aus- oder sogar überlastet“, erklärte Jonas Borgmann vom Fachgebiet Soziales im Rahmen der Sitzung des Gesundheitsausschusses. Einer steigenden Zahl an Pflegebedürftigen in Plettenberg würde ein zunehmender Mangel vor allem an Pflege-Fachkräften gegenüberstehen. „Der Notstand an Fachkräften ist nicht mehr zu verleugnen“, bestätigte auch Manuela Ahlert, Leiterin des Ev. Pflegedienstes.

Zuvor hatten Torsten Sauer und Stefan Egger von der Gesundheits- und Pflegeberatung des Kreises Zahlen verkündet, die zumindest aufhorchen lassen: Bis 2035 würde die Zahl der Pflegebedürftigen in Plettenberg, im Vergleich zu 2015, um knapp 16 Prozent steigen, die Zahl der Über-80-Jährigen um etwas mehr als 23 Prozent.

Die beiden Vertreter des Märkischen Kreises sahen sich im Ratssaal jedoch auch mit den alltäglichen Problemen der Pflegenden – fernab der „kalten“ Zahlen – konfrontiert. So würde die kreiseigene WTG-Behörde (ehemals Heimaufsicht) festlegen, dass keine Überbelegung der Pflegeplätze stattfinden dürfe; allerdings dürfe auch kein Pflegebedürftiger abgewiesen werden. „Wie soll man dann reagieren?“, fragte sich Biedermann. Oft müssten Menschen dann an Pflegedienste in andere Städte verwiesen werden.

„Der Märkische Kreis ist anscheinend darauf aus, die Akteure der Pflege in das Ehrenamt zu drängen“, sagte Barbara Teichmann, Geschäftsführerin des Krankenhauses. Denn auch außerhalb der Dienstzeit müssten Notfälle bearbeitet werden, oft würden Krankenhaus und Pflegedienste zahllose Telefonate führen müssen, um die pflegebedürftigen Menschen kurzfristig unterbringen zu können. Muss der Pflegende beispielsweise mitten in der Nacht in das Krankenhaus gebracht werden, müssten die Pflegedienste zusehen, wie sie dessen pflegebedürftige Frau unterbringen können.

Eine praktische Lösung für dieses Problem konnten die Kreis-Vertreter nicht vortragen, sie versicherten aber: „Weder die Pflegedienstler, noch die Ärzte oder andere sollen in das Ehrenamt gedrängt werden.“

Die Situation sei in Plettenberg mittlerweile so angespannt, dass die Pflegedienste fast täglich Absagen erteilen müssten. „Oder wir müssen den Menschen sagen, dass sie sich in den Städten im Umland umsehen müssen“, erklärte Biedermann. Dadurch würden aber Ältere aus ihrem gewohnten Umfeld heraus gerissen werden.

Man fühle sich zwar nicht vom Kreis alleine gelassen – Verbesserungen in der Vernetzung seien allerdings durchaus möglich. „Letztendlich sind auch die Mitarbeiter des Kreises an herrschende Gesetze gebunden“, erklärte Biedermann auf ST-Nachfrage. Auch eine Anpassung des Bedarfsplans sei nötig – schließlich empfehle auch der Kreis eine „weitere Stärkung des ambulanten Sektors“, wie Egger sagte.

Auf die Bundespolitik oder den Kreis alleine möchte man dabei in Plettenberg aber nicht warten: Hier findet bereits seit einiger Zeit eine Vernetzung der Pflegedienste statt, um die angespannte Pflege-Situation zumindest ein wenig zu entspannen.

Kritik kam auch aus dem politischen Lager. Burkhard Pestka (SPD) kritisierte beispielsweise, dass selbst für Tätigkeiten der Nachbarschaftshilfe wie Fensterputzen in der Wohnung einer pflegebedürftigen Person zuvor ein Pflegekurs absolviert werden müsse. „Das vergrault doch die Leute!“

Auch Borgmann sieht Verbesserungsmöglichkeiten: Vorschriften müssten geändert werden, damit eben Ungelernte mehr Aufgaben übernehmen könnten. Natürlich müsse auch die Ausbildung weiterer Fachkräfte forciert werden.

In St. Josef würden derzeit zwölf Auszubildende arbeiten, erklärte Biedermann. „Doch heutzutage herrscht eine kürzere Verweildauer, viele verlassen die Pflege nach einigen Jahren“, sagte Biedermann. Die meisten würden anschließend in ganz anderen Berufsfeldern tätig. Die Gründe dafür seien unterschiedlich – schön geredet werden können sie jedoch nicht.

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