Pokemon Go: Der große Hype ist vorbei

+
Der Hype um Pokemon Go hat spürbar nachgelassen.

Plettenberg - Staubwolken bilden sich gestern um kurz nach 11 Uhr über der Arena. Die Pokémon an der Plettenberger Schützenhalle werden angegriffen, Team Blau streicht die Segel, der Spieler ‘Wali 183’ vom Team Rot übernimmt mit seinem Pokémon Heiteira den Platz.

Ja, es gibt sie noch: die Leute, die in Plettenberg das Handyspiel Pokémon Go spielen und die die Einführung der zweiten Pokémon-Generation oder das neue Arena-Kampfsystem miterlebt haben. Aber sie sind selten geworden. Rund ein Jahr, nachdem das Spiel in Deutschland zum kostenlosen Download für das Smartphone zur Verfügung stand, sind nicht mehr viele Pokémon-Sammler übrig geblieben.

Das war Mitte Juli des vergangenen Jahres noch ganz anders. So ziemlich alle Unter-30-Jährigen dürften in dieser Zeit mindestens einmal gefragt worden sein: „Spielst du auch Pokémon?“ Und meistens war die Antwort: „Ja.“ Auch wenn die Großstädte deutlich mehr von dem Hype zu spüren bekamen, so waren auch in Plettenberg etliche junge Leute zu beobachten, die mit ihren Smartphones gezielt durch die Stadt liefen, um in Arenen zu kämpfen oder Pokémon zu sammeln. Eine Chronologie der Ereignisse.

Woche 1: Das Garados und der endlose Ladebalken

Es gibt ein Bild, das sich jedem Pokémon-Spieler in den ersten Tagen eingebrannt haben dürfte. Es zeigt eine Schattenfigur mit einem Smartphone in der Hand, die über eine Brücke marschiert. Vor ihr erhebt sich ein riesiges Garados mit aufgerissenem Maul. So sah am Anfang der Startbildschirm aus, auf dem es noch einen Ladebalken und den Spruch „Bleibe wachsam. Behalte immer deine Umgebung im Auge!“ gab. Das Problem war, dass dieser Ladebalken einfach nicht voran kommen wollte. Es war zum Verzweifeln. Die Server des Spielebetreibers Niantic waren derart ausgelastet, dass nachmittags und abends meistens gar nichts mehr ging.

Wenn es aber doch mal klappte, waren die Erfolgserlebnisse groß. Mein erster Pokémon-Spaziergang durch Eiringhausen förderte unter anderem ein Knofensa zutage. Der Kameramodus des Spiels machte es möglich, das das kleine Pflanzenwesen mitten in der tatsächlichen Umgebung auftauchte. Das erste Foto mit Mensch und Pokémon war im Kasten.

Woche 2: Das Sammelfieber und die Pokémon-Hotspots

Aus dem anfänglichen Daddeln entwickelte sich der Ehrgeiz, immer stärkere Pokémon zu fangen oder zu entwickeln. Um das zu schaffen, half es nicht, zuhause vorm Bildschirm zu sitzen, wie man das bislang von Nintendo-Spielen kannte. Man musste raus. Entweder eine Runde spazieren gehen, so wie auf unserem Foto mit Marie am Alten Markt. Oder sich an einem Pokéstop treffen, in den man ein Lockmodul steckt, sodass so circa alle zwei Minuten ein neues Pokémon auftaucht beziehungsweise „spawnt“, wie der Pokémon-Spieler so schön zu sagen pflegte. Diese Pokéstops waren auch der Grund, warum sich auf der Düsseldorfer Giradet-Brücke oder am Kemnader See Horden von Spielern versammelten, denn hier waren drei, teilweise sogar vier Pokéstops direkt nebeneinander.

Solch ein Glück hatten und haben die Plettenberger nicht: Treffpunkt für alle Sammler war der Böhler Park oder die Schützenhalle. An beiden Orten gab es immerhin zwei Pokestops nebeneinander.

Immer noch Woche 2: Lasst uns die Arenen erobern!

Je höher das Level des Spielers, desto stärker seine Pokémon. Das war wichtig für die Arena-Kämpfe. So ziemlich jeder Spieler dürfte seine ersten Kämpfe mit den Evoli-Entwicklungen Aquana, Blitza oder Flamara bestritten haben. Und der Trick, mit der richtigen Benennung (zum Beispiel „Sparky“ für ein Blitza) kontrolliert zu entwickeln, hatte sich schnell herumgesprochen. Neun Tage nach Spielstart saß auch mein erstes Pokémon in der Arena am Alten Markt: ein Blitza mit 870 Wettkampfpunkten. Andere waren da schon deutlich weiter. Einen Tag später thronte auf der Arena am Busbahnhof Grünestraße ein Garados von Team Gelb mit 1695 Punkten – wohlgemerkt nach zehn Tagen!

Die Wochen danach: Mein erster großer Fang

Es hatte sich eine gewisse Routine eingespielt: Abends nach Feierabend nochmal eine Runde durch die Stadt drehen, vom Busbahnhof über die Schützenhalle bis zum Alten Markt und wieder zurück. Das gleiche galt für die wenigen Arenen, die es in Plettenberg gab, und die meistens Team Blau und Team Rot unter sich ausmachten.

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten großen Fang, nach dem ich Luftsprünge machte. Knapp dreieinhalb Wochen nach Start tauchte auf der Breddestraße in Eiringhausen plötzlich ein Arkani mit 1695 Punkten auf, das sich in meine Sammlung einfügte.

Die Münzen, die man sich durch die Arenen verdienen konnte, machten es möglich, sich Glückseier zu besorgen. Jeder, der in den Leveln ab 20 und aufwärts schnell weiterkommen wollte, nutzte diese Glückseier, um in einer halben Stunde so viele Entwicklungen wie möglich durchzuführen, denn dank des Glückseis gab es doppelte Erfahrungspunkte.

Man konnte sich diese Münzen im Shop auch für echtes Geld kaufen. Ich selbst habe das nie gemacht. Das einzige Geld, das indirekt für Pokémon draufgegangen ist, war für den Kauf einer Powerbank. Die Elektromärkte müssen mit diesen Zusatzakkus ein Riesen-Geschäft gemacht haben, schließlich litt jeder Spieler unter chronischem Akku-Mangel.

Der Herbst und das Ende meiner Pokémon-Karriere

Der Sommer ging ins Land und mit ihm auch die erste Welle der Pokémon-Spieler. Aus der Frage „Spielst du auch Pokémon?“ wurde „Spielst du immer noch Pokémon?“, aber nichtsdestotrotz blieben viele Spieler, auch in Plettenberg, am Ball. Die spontanen Treffen von Spielern im Böhler Park, die es anfangs noch gegeben hatte, gehörten aber schon der Vergangenheit an. In den Großstädten war das noch anders, aber immer mehr Spieler gingen von Bord, weil die großen Innovationen fehlten. Der Wunsch vieler Spieler, gegeneinander kämpfen zu können, oder neue Pokémon wie die legendären Vögel Arktos, Zapdos und Lavados einzuführen, verhallten im Nichts. Der Trott war immer der gleiche. Es ging nur darum, immer stärker zu werden.

Bei Level 32, einem Dragoran mit 3005 und einem Relaxo mit 2837 Punkten endete schließlich meine Spieler-Karriere. Im Januar ging es für zehn Tage in den Urlaub nach Afrika – ohne mobile Daten, ohne WLAN. Zehn Tage ohne Pokémon, ohne Arenakämpfe. Als ich wieder in Deutschland gelandet bin, hatte mich die Pokémon-Begeisterung endgültig verlassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare