Podiumsdiskussion zum Reformationsjubiläum

Freiheit muss verteidigt werden

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Pfarrer Dietmar Auner und Pfarrer Uwe Brühl leiteten die Diskussionsrunde, die aus den Pfarrern Andreas Hirschberg (links), Patrick Schnell (2.v.li.), Martin Wehn ( Mitte), Bürgermeister Ulrich Schulte (2.v.re.) und Superintendent Klaus Majoress (rechts) bestand.

Plettenberg - „Freiheit und Verantwortung“ war das Thema der Podiumsdiskussion, die am Dienstagvormittag im Anschluss an den Gottesdienst anlässlich des Reformationsjubiläums in der Christuskirche stattfand.

Pfarrer Dietmar Auner und Pfarrer Uwe Brühl leiteten die Diskussionsrunde, die aus den Pfarrern Andreas Hirschberg, Patrick Schnell, Martin Wehn, Bürgermeister Ulrich Schulte und Superintendent Klaus Majoress bestand. Viele Besucher waren nach dem Gottesdienst in der Christuskirche geblieben, um die Podiumsdiskussion zu verfolgen, einige waren extra dafür gekommen, sodass die Reihen ausnahmslos sehr gut gefüllt waren. 

Auner und Brühl stellten nacheinander sieben Fragen zum Thema „Freiheit und Verantwortung“; immer auch Bezug nehmend auf Martin Luther und die Reformation. Die Diskussionsteilnehmer schilderten ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse, ihre privaten wie auch durch den Beruf geprägten Meinungen. Auf die Frage, wann man zum ersten Mal mit dem Thema ‚Reformation’ konfrontiert worden sei, erzählte Schulte beispielsweise eine Geschichte aus seiner Kindheit: „Ich fand die Reformation blöd, weil sie eine Trennlinie zwischen mich und die Nachbarskinder gezogen hat, die ich nicht verstanden habe.“ 

Hirschberg hingegen berichtete, wie er als Siebenjähriger die Wartburg besucht habe; und Schnell, dass er am Reformationstag zum Diakon geweiht worden sei. Welche Freiheit Luther gemeint habe und welche Auswirkungen diese auf die damalige Gesellschaft hatte, war der eigentliche Einstieg ins Thema. Hirschberg sprach von der Befreiung von Zwängen, Wehn von der Freiheit im Umgang mit Autoritäten und Brühl von der freien Meinungsbildung. 

Letzteres war vor allem auch durch Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche möglich. „Wissen ist Macht“ warf Schnell ein und spekulierte, dass Luther sich gar nicht bewusst gewesen sei, was er damit auslöse – und hätte er es gewusst, er es vielleicht gar nicht gemacht hätte. Die evangelischen Kollegen brachten weitere ‚Erfolge’ Luthers zur Sprache, wie die Abschaffung des Zölibats (Majoress) oder die Entstehung von Wohlfahrtsverbänden (Wehn). 

Doch auch die Bedeutung des Freiheitsbegriffs in der heutigen Zeit war Thema. Während Brühl die Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien ansprach, verwies Schulte auf Immanuel Kant, der gesagt hat: „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“ Gleichzeitig machte er deutlich, wie wichtig die Meinungsfreiheit sei; dass jeder Bürger sich beispielsweise frei über die Innenstadtsanierungspläne echauffieren könne. Er als Bürgermeister nehme sich daraufhin die Freiheit, mit diesen Personen durch die Stadt zu ziehen und die einzelnen Bäume zu begehen. 

„Freiheit ist nicht Beliebigkeit“ 

Ebenfalls im Sinne Kants argumentierte Schnell, der sagte: „Freiheit ist nicht Beliebigkeit“, man müsse im Zusammenleben mit anderen zu Kompromissen bereit sein. Hirschberg verglich die Freiheit mit einem Schneepflug, der Ängste und Zwänge beiseite schiebe, um den Kern der eigenen Persönlichkeit freizulegen. Alle machten deutlich, dass eine Gesellschaft, in der jeder absolute Freiheit genießt, so dass er immer das tun kann, was ihm gerade in den Sinn kommt, nicht funktionieren würde. Zum Wohle der Gesellschaft müsse man die eigene Freiheit einschränken, so Schulte.

Allerdings dürfe man die demokratischen Grundrechte, beispielsweise Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, nicht einschränken, wie dies zurzeit in der Türkei gemacht werde. „Freiheit muss verteidigt werden!“ forderte Wehn. Abschließend erläuterte jeder kurz, wie er persönlich zur Freiheit und Bewahrung dieser beitrage oder beitragen wolle. Majoress beschrieb sein Engagement im Dialog zwischen den christlichen und jüdischen Gemeinden; Wehn seine Mitgliedschaft im Rotary Club. Hirschberg erzählte eine kurze Begebenheit, in der es darum ging, andere vor Überforderung zu bewahren und sie aus moralischen Zwängen herauszunehmen. 

Für Schulte war es die bewusste Entscheidung, Kinder in die Welt zu setzten und Schnell sagte, er sehe sich selbst als „kleinen Pontifex“. Die Meinungen der Herren auf dem Podium gingen nicht weit auseinander. Wer von den Zuhörern einen offenen Schlagabtausch erwartet hatte, wurde enttäuscht. 

Die ökumenische Bewegung hat viel erreicht, und 500 Jahre nach der Spaltung der Kirche sind sich Katholiken und Protestanten vielleicht näher als jemals zuvor. Während die meisten Besucher nach der Diskussion ins Gemeindezentrum zogen, wo Chili con Carne serviert wurde, begaben sich die Diskussionsteilnehmer sowie einige Zuschauer auf den Parkplatz am Lindengraben. Dort wurde unter fachmännischer Aufsicht eine Linde gepflanzt, von der Schulte versprach, er werde sie nicht gleich wieder fällen lassen.

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