Wie Ilse Steinmann den 8. Mai 1945 erlebt hat

„Fahrt nach Hause, der Krieg ist vorbei“

Flüchtlinge in der Nachkriegszeit
+
In einem Flüchtlingstreck wie diesem flüchtete Ilse Steinmann 1945 vor der immer weiter an Schlesien herannahenden Front.

75 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen – vergessen sind die Schrecken jedoch nicht. Am 8. Mai 1945 unterzeichnete Nazi-Deutschland die bedingungslose Kapitulation. Was für die meisten einfach ein Datum ist, ist für die Plettenbergerin Ilse Steinmann Anlass zur Erinnerung: an Vertreibung, Angst und Erschöpfung.

Ob in der Zeitung, im Radio oder am Fernsehen – der 8. Mai 2020 stand ganz im Zeichen der 75-jährigen Wiederkehr des Kriegesendes in Europa. „Da habe ich überlegt, wo ich am 8. Mai 1945 war“, sagt Ilse Steinmann, die damals elf Jahre alt war.

„Anfang Februar 1945 mussten wir bei eisiger Kälte aus unserer Heimat im Kreis Bunzlau in Schlesien fliehen. Meine Mutter und ich machten uns auf den Weg. Mein Bruder war im Krieg und mein Vater lebte nicht mehr“, erinnert sich Steinmann. Ihre Mutter habe einige Sachen eingepackt, ehe die Heimat verlassen werden musste – denn die Front war schon sehr nahe.

„Bei uns in Schlesien waren viele Soldaten. Sie wollten ein Schwein schlachten und wir hätten das Fleisch gut mitnehmen können. Doch das war bei Strafe verboten, alle Tiere waren gezählt. Meine Mutter hat ein Huhn geschlachtet, das wir in einer Milchkanne mitgenommen haben.“

 Speck, Schinken und Wurst hätte man nicht mehr einpacken können. „Unterwegs war es so kalt, dass alles gefroren war“, erinnert sich Steinmann.

Die Wagen für die Flucht seien von dem Treckleiter vorbereitet und mit Planen versehen worden. „Unser Hab und Gut wurde auf den Wagen verstaut. Ich habe die ganze Strecke das neue Fahrrad von meinem Bruder Fritz geschoben.“

Nach zehn Tagen seien die Flüchtlinge in einem kleinen Dorf bei Zittau an der Neiße angekommen. Dort habe Ilse Steinmann bis zum 7. Mai 1945 gelebt. „An der Neiße waren viele deutsche Soldaten. Da es unserem Treckführer dort zu unsicher war, sind alle zehn Wagen mit Gepäck weiter geflohen. Das war am frühen Abend des 7. Mai 1945.“

Die Flüchtlinge wollten lieber in einem abgelegenen Gebiet bleiben. In der Nacht seien sie von vielen Fahrzeugen und Soldaten überholt worden. „Im Straßengraben blieben immer wieder Fahrzeuge liegen. Nach Mitternacht kamen die ersten Soldaten und sagten: ‘Leute, fahrt nach Hause – der Krieg ist vorbei!’“

Die Steinmanns fuhren weiter und seien frühmorgens auf einem Bauernhof angekommen. „Der Bauer hatte eine große Stube ausgeräumt und Stroh auf dem Boden verteilt. Da konnten wir erst mal schlafen.“

Im Laufe des Tages seien russissche Soldaten für kurze Zeit vorbeigekommen. „Was wir in der Nacht gar nicht bemerkt hatten: Wir waren in der Tschechei angekommen.“

Das Gepäck hätten die Flüchtlinge in der Scheune unterm Stroh verstecken dürfen. „Meine Mutter hatte vorsichtshalber die Räder vom Fahrrad meines Bruders entfernt. Nachts kamen die Plünderer. Sie haben uns um Vieles erleichtert. Die Koffer wurden einfach aufgeschnitten und Brauchbares mitgenommen“, sagt Steinmann.

Nach einer Woche sei alles ruhig gewesen. Daher habe der Treckleiter entschieden, dass die Gruppe wieder in die Heimat zurückkehren sollte. „Der Trecker unseres Bauern war nicht mehr da, die guten Pferde wurden gegen lahme getauscht. Nur das Ochsengespann und zwei Kühe hat man uns gelassen“, erinnert sich Steinmann. Die Tour sei zurück über Reichenbach, Lauban, Bunzlau nach Ober-Thomaswaldau in Schlesien gegangen.

„Das Rad von Fritz habe ich dann wieder nach Hause geschoben. Dort haben es die Plünderer entdeckt und mitgenommen.“

1946 wurde Ilse Steinmann endgültig aus Schlesien vertrieben. Sie lebte bis 1950 in Niedersachsen, ehe eine Arbeitsstelle sie nach Altena verschlug – geplant war der Aufenthalt in der Burgstadt für ein Jahr. Hier lernte Ilse Steinmann jedoch ihren späteren Mann Ernst kennen, mit dem sie 1955 nach Plettenberg übersiedelte und das Zoo- und Samen-Geschäft gründete, das bis heute besteht

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare