Gastronomen sehen starke Umsatzeinbußen aufgrund der Sperrstunde auf sie zukommen

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Dimitrios Koutsovitis findet als Inhaber des Stadtlebens, dass die Sperrstunde um 23 Uhr die Gäste woanders hin treibe.

Ende der vergangenen Woche wurde auch im Märkischen Kreis die kritische Inzidenz-Marke von 50 Neuinfektionen pro 100000 Einwohner überschritten. Mittlerweile liegt der Wert bei weit über 80. Damit gehen neuerliche Beschränkungen einher, wie beispielsweise die Sperrstunde ab 23Uhr. Das bedeutet: ab dieser Uhrzeit müssen Bars, Kneipen und Restaurants schließen. Die Heimatzeitung hat sich umgehört, was die Plettenberger Barbetreiber von dieser Maßnahme halten.

Plettenberg - „Sinnvoll finde ich es nicht“, sagt Dimitrios Koutsovitis, Inhaber des Stadtlebens. „In der Woche ist es kein Problem, aber am Wochenende geht es erst um 23Uhr los.“ 23Uhr sei zu früh, Mitternacht oder ein Uhr sei „noch nachvollziehbar“, aber nicht früher. „Dann sammeln sich die Leute bestimmt woanders“, prophezeit er. Dieses Phänomen kennt man bereits aus dem Sommer aus anderen Städten: öffentliche Plätze werden zu beliebten Treffpunkten. Abstand, Maske? – Fehlanzeige. Zurückverfolgbarkeit von Kontakten? – Nicht im Ansatz möglich. Die Bars hingegen hatten sich auf all dies eingestellt.

 „Alle Voraussetzungen wären erfüllt“, meint Koutsovitis, der angibt, viel in Schutzmaßnahmen investiert zu haben. Hygiene, Abstand, Lüften: im Stadtleben keim Problem. Zudem haben die Gäste ohnehin die Möglichkeit, es sich direkt ‚an der frischen Luft’ bequem zu machen, schließlich stehen einige Tische im Außenbereich bereit. „Man kann nur hoffen, dass sich jetzt auch die letzten dran halten“, sagt Koutsovitis. Denn auch wenn er nichts von der Sperrstunde hält, eine völlige Schließung wie im Frühjahr wäre deutlich fataler: „Lockdown ist Knockout!“ Entsprechend werde er sich selbstverständlich an die Sperrstunde halten: „Da gibt es keine Diskussion.“

 Doch in Schockstarre und Untätigkeit zu verfallen, das sieht Koutsovitis nicht ähnlich. Der bereits im Frühjahr eingeführte Cocktail-Lieferdienst läuft weiter, zudem sei geplant, ab der kommenden Woche die Öffnungszeiten zu verändern und das Speiseangebot zu erweitern. So soll das Stadtleben bereits mittags, statt wie bisher erst ab dem späten Nachmittag, geöffnet werden. Inwiefern die Leute das Angebot annehmen, bleibt abzuwarten.

 In der Shisha-Bar Huqqa war man am frühen Freitagabend überrascht zu hören, dass sie Sperrstunde ab sofort gelte. „Das ist Schwachsinn“, empört sich ein Kunde. Bei 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern sei die Maßnahme „übertrieben“. Bei 100 oder 150 Neuinfektionen sehe das schon anders aus. Stoßzeit im Huqqa sei zwischen 21Uhr und Mitternacht, erklärt der junge Mann hinter dem Tresen, vorher sei nichts los. Geöffnet hat die Shisha-Bar im Normalfall bis 1Uhr, wenn noch Gäste da sind, auch länger. Die Sperrstunde fällt also genau in die Hauptumsatzzeit, Umsatzeinbußen sind demnach vorprogrammiert. Dennoch will man sich im Huqqa konsequent an die Sperrstunde halten: „Die Leute sind eh schon gereizt und Strafen vom Ordnungsamt können sie nicht gebrauchen“, meint der Kunde. Dass es zu Problemen bei der Durchsetzung der Sperrstunde kommt, glaube er nicht. „Für Leute in Plettenberg geht Gesundheit vor.“ 

Im Holzwurm steigt die Party meist erst ab 23 Uhr...

Deutlicher als Birgul und Musa Akdogan vom Holzwurm bringt es keiner auf den Punkt: „Scheiße“ finden sie die neuen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise. „Bei uns kommen die Leute erst ab 11Uhr!“ Tatsächlich trifft es womöglich keine Bar in Plettenberg so hart wie den Holzwurm. „Die können dichtmachen“, hieß es von einem Gastronomiekollegen am Freitagabend. Im Gegensatz zu den Überlegungen des Stadtlebens, einfach früher zu öffnen, sei dies für den Holzwurm jedoch keine Option. Da komme sowieso keiner, sagten die beiden. Für das Überleben des Holzwurms sei entscheidend, wie lange die Situation anhalte. „Schwer zu sagen, wie lange das gut geht“, so Birgul Akdogan. Unter normalen Umständen wird am Wochenende bis 5 oder gar 6 Uhr in der Früh gefeiert; ab jetzt ist bereits um 23Uhr Schicht im Schacht. „Wir machen pünktlich Schluss“, sagt Musa Akdogan schweren Herzens. „So sind die Vorschriften. Da haben wir uns dran zu halten.“ 

Bordelle dürfen länger öffnen

Trotz des Namens, eine typische ‚Bar’ ist The Sportsbar am Alten Markt eher nicht. Dennoch ist auch sie von den neuen Maßnahmen betroffen. Für Inhaber Raman Bozgelov „eine Katastrophe“. „Das ist doch Kappes“, sagt er sichtlich genervt. Bordelle dürfen öffnen, aber er müsse schließen; nachvollziehbar sei das nicht. Genauso wenig wie die Information, die er just in diesem Moment von einem Kumpel erhält, nämlich, dass die Spielbank in Hohensyburg heute bis vier Uhr geöffnet haben werde. Bozgelov schüttelt verständnislos den Kopf. Ihn stört, dass es keine einheitliche Regelung gibt. „Wir haben keinen Diskobetrieb, wir haben keine Partyveranstaltungen hier!“ Abstand halten sei bei dem ohnehin geringen Gästeaufkommen kein Problem. „Wir sind sehr vorsichtig“, sagt er, man müsse schon aufpassen; definitiv. 

Bozgelov hat viel Geld in den Laden gesteckt, nun steht seine ganze Existenz auf der Kippe. Eine Zeitlang lasse sich die Situation überbrücken; zum Dauerzustand könne es jedoch nicht werden. Wie das sprichwörtliche Damoklesschwert hängt die Unsicherheit derzeit über den Bars der Stadt. Auf der einen Seite empfinden die Betreiber die neuen Maßnahmen als übertrieben und unverhältnismäßig, auf der anderen Seiten sind sie natürlich froh, überhaupt öffnen dürfen. Niemand weiß, wie lange dieser Zustand anhält, ob es nicht schon in wenigen Wochen wieder zum totalen Lockdown kommen wird. Im Moment ist ‚durchhalten’ die Devise, in der Hoffnung, nicht auf der Strecke zu bleiben.

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