Beutekunst und Nazigold 

Der Plettenberger, der Leipzigs Bürgermeisterkette wiederbringt

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Die Königinnenfahne hat Wilmink bisher nicht wiedergefunden, aber gestickte Wappen, die bisher nicht zugeordnet werden konnten – und die Nazi-Bürgermeisterkette aus Leipzig fand er bei seinen Recherchen auch.

Plettenberg -  Rolf G. Wilmink ist seit 20 Jahren auf der Suche nach den Fahnen der Plettenberger Schützengesellschaft, die 1945 beim Einmarsch der Amerikaner „abhanden“ kamen. Jetzt hat er - als Beifang - die seit seit 1945 verschollene Bürgermeisterkette  aus Leipzig entdeckt.

In der Fischereiwirtschaft würde man wohl von Beifang reden. Es wäre hier aber maßlos untertrieben: Rolf G. Wilmink hat für eine Sensation gesorgt: Bei seiner Suche nach den beim Einmarsch der Amerikaner verschwundenen Fahnen der Plettenberger Schützengesellschaft hat er zwar die drei Flaggen nicht gefunden, aber die seit 1945 verschollene Bürgermeisterkette der Stadt Leipzig wiederentdeckt. Schon seit über 20 Jahren spürt der Plettenberger Detektiv und Geschäftsführer des Securityunternehmens MK Wirtschaftsdienst den Fahnen nach. 

Die amerikanischen Besatzer nahmen 1945 die von der preußischen Königin 1843 gestiftete Fahne, eine Flagge von 1866 und die Jungschützenfahne mit. „Einkassiert“, sagt Rolf Wilmink und ist sich sicher, dass die Traditionsfahnen der PSG Plettenberg als Feldpostpaket verließen, um als Devotionalie in den Staaten präsentiert zu werden. Auch die Bürgermeisterkette des Plettenberger Stadtoberhaupts kam damals abhanden. Gefertigt hatte sie die Staatliche Bernsteinmanufaktur SBM; die Kette fehlt bis auf den heutigen Tag und ist spurlos verschwunden. 

Kette wie Fahnen in die Vier-Täler-Stadt zurückzuholen, das ist der große Antrieb von Wilmink seit über 20 Jahren. Der Detektiv ist nicht nur von Berufs wegen neugierig, er ist quasi auch erblich vorbelastet. Sein Opa Emil war Fahnenoffizier. Ein Foto, das einen Festzug abbildet, zeigt Emil Wilmink mit der Königinnenfahne. Wilminks Vater Gerhard war Oberst der Schützengesellschaft und Sohn Rolf hat ihm in diesem Amt nachgeeifert. Man könnte auch sagen, dass die Wilminks eine echte PSG-Familie sind. Da schmerzt es umso mehr, dass sich die Traditionsfahnen der Gesellschaft in Übersee befinden müssen – und insoweit ist es eine Art heimatpatriotischer Pflicht, sich mit diesem Zustand nicht zufriedenzugeben.

Schon nach PSG-Fahnen und Plettenbergs Kette gesucht, als die Welt noch analog war 

Schon in Vor-Internetzeiten begab sich Wilmink auf die Spurensuche. Man weiß aus Überlieferungen, dass es eine graue Vorzeit gegeben haben muss, in der er kein Internet und kein Handy gegeben haben soll. Selbst ein Telefax hat nicht immer existiert – die gelbe Post und ein Wählscheibentelefon waren die Kommunikationsmittel der Wahl. In dieser Zeit begann Wilmink seine Suche nach den drei PSG-Fahnen und der Plettenberger Bürgermeisterkette. Eine Erkundungsreise, gesponsort von Plettenberger Schützen und Unternehmern, führte ihn über den großen Teich und auf die Spuren der 75. US-Infanteriedivision. Doch diese Nachsuche blieb erfolglos. Immerhin – Wilminks Forschungsdrang blieb nicht unbeobachtet. Mehr oder weniger anonym schickte ein Amerikaner eine Zeichnung der Plettenberger Bürgermeisterkette. Offenbar war sie bei einem Devotionalienhändler aufgetaucht. „Da war sogar etwas von Fahnen bekannt.“ 

Doch der Detektiv kam nicht voran. Immerhin brachte ihn der Kontakt, der sich durch zähe Ermittlungen rekonstruieren ließ, auf die Spur von amerikanischen Militariahändlern. Man mag es glauben oder auch nicht: Wilmink weiß seitdem, dass es in den Staaten Experten für „Nazi-Hirschfänger“ gibt; das sind besonders große Messer mit verfassungsfeindlichen Symbolen am Griff und am Schaft. Hier wiederum besteht eine Querverbindung zu einem Auktionshaus, in dem sich auf 200 und manchmal mehr Seiten die skurrilsten Ausprägungen von Klaubeute, Beutekunst und -kitsch findet. Rolf Wilmink muss selbst lachen, wenn er den Inhalt der Verkaufslisten beschreibt: Da gibt es Hitlers rotes Telefon (jawohl, vom Führer mit seiner eigenen Hand betatscht), es gibt Adolfs Schlüpfer mit AH-Monogramm bestickt. „Auch ein Nachtpolter von Hitler ist zu haben und sogar Emmi Görings Unterbuxe ist im Angebot – der Film „Schtonk!“, in dem es um die Hitler-Tagebücher und den seltsamen Schauder, sich mit NSDAP-Krempel zu umgeben geht, führt nahtlos in die Wirklichkeit über. 

„Ich habe Geschichte zum Anfassen mitgebracht“, sagt Rolf G. Wilmink und zeigt das „E“ von Königin Elisabeth von Preußen und die Krone – beides fand sich so auf der Königinnenfahne der PSG, die 1945 von Amerikanern mitgenommen wurde.

In diesem Panoptikum des Dritten Reiches tut sich Wilmink immer wieder um, weil er die Hoffnung nicht aufgeben hat, die PSG-Fahnen und die Plettenberger Bürgermeisterkette zu finden. „Da sitzt man dann nachts über der endlosen Verkaufsliste und scrollt und scrollt. Nach 200 PDF-Seiten rollt das ganze Zimmer.“ Doch beim letzten Durchsuchen rollte weniger der Raum, vielmehr rollte Wilmink mit den Augen. „Da fand ich plötzlich die Kette des Leipziger Bürgermeisters.“ 1937 hatte die NSDAP in ihrer Allmacht die alte Leipziger Bürgermeisterkette in den Tresor verbannt und drei neue Bürgermeisterketten anfertigen lassen, eine davon für den Stadtkämmerer. Diese neue Kette zeigte auf der Medaille das Stadtwappen (in den Leipziger wie auch Plettenberger Farben blau und gelb) auf einem monumentalen Hakenkreuz; die Kette besteht aus Gliedern, die die Leipziger Stadtteile symbolisieren.

 Diese Kette, aus Silber gefertigt und gut 600 Gramm schwer, wurde von einem Soldaten der 69. US-Infanteriedivision „mitgenommen“ und in einem Feldpostpäckchen nach Hause geschickt. Zeitungsausschnitte zeigen die Eltern des Soldaten, die in den USA stolz mit der NS-Beutekunst des Sohnes posieren. Sieben Jahrzehnte später aber gelangte die Kette in die Auktionsliste. Erst Rolf G. Wilmink erkannte bei seiner nächtlichen Pirsch den historischen Wert und meldete seinen Fund den Leipziger Lokalzeitungskollegen. Wilmink: „Die Generation der jungen Soldaten von damals liegt auf dem Sterbebett – manche plagt das schlechte Gewissen und sie geben die geklauten Werke zurück. Oder ihre Nachkommen finden die Sachen auf dem Dachboden und wollen sie versilbern.“  Das war offenbar hier der Fall. Sowohl in der Leipziger Volkszeitung als auch in einem großen Boulevardblatt wurde die Sensation des Wiederauftauchens gemeldet, was auch im Leipziger Rathaus hohe Wellen schlug.

Fachanwalt der Stadt Leipzig soll PSG bei Fahnensuche unterstützen

 Anders nämlich als bei schlichten Nazi-Devotionalien kommt der Bürgermeisterkette ein kunstgeschichtlicher und historischer Wert zu; die Handelsstadt Leipzig macht jetzt ihre Besitzansprüche geltend. Ein Fachanwalt beschäftigt sich mit der Sache und betreibt die Heimholung. Der Advokat hat sich bei der Wiederbeschaffung von Beutekunst einen Namen gemacht und käme auch bei der Suche nach den unverändert verschollenen PSG-Fahnen in Frage.

Die Amtskette des Stadtkämmerers der Handelsstadt Leipzig, 1937 gefertigt, tauchte bei einem Auktionshaus wieder auf.

 Rolf G. Wilmink hat ihn bereits informiert. Die Sache mit den Fahnen lässt ihn eben nicht ruhen. „Diesen Fall knack’ ich; da lässt mich der detektivische Ehrgeiz nicht los.“ So setzt er sich weiter nachts an den Rechner, wenn eine neue Liste im digitalen Schaufenster des Auktionshauses eingestellt wurde. Und sage niemand, die Erfolge lägen nicht auf der Hand: Mit seinem Spürsinn stöberte er die Plettenberg-Fotos der Kriegsberichterstatters Joseph D. Carr von 1945 auf, fand immerhin alle Details der PSG-Königinnenfahne von 1843 heraus, sodass sie nachgestickt werden konnte und führte nun Leipzig auf den Pfad der verschollenen Bürgermeisterkette. Wilmink sagt nur: „Wenn man helfen kann und es funktioniert, dann hat man einfach das Gefühl, es tun zu müssen.“ - von Camilla und Stefan Aschauer-Hundt

Info-Telegramm

  • Der Zweite Weltkrieg ging in Herscheid und Plettenberg am 12. / 13. April 1945 zu Ende. Nachdem die Amerikaner bei Remagen den Rhein überschritten hatten, begannen der Marsch nach Nordosten und die große Zangenbewegung, die zum Kessel an der Ruhr führte.
  • In diesem Kessel lag das Sauerland mittendrin; der Gürtel wurde immer enger gezogen, bis die Amerikaner über das Ebbegebirge vorrückten. Der Vormarsch geschah in breiter Front von Meinerzhagen, Valbert und Attendorn aus; die amerikanischen Truppen nahmen nach und nach Herscheid, das Oestertal und Pletenberg ein.
  • Den Amerikanern wurde zunächst noch deutscher Widerstand entgegengestellt, der aber rasch zusammenbrach. Mehrere Tote waren zu beklagen. Ein fanatisierter Junge stellte sich den Amis in der Dermcke mit einem Maschinengewehr entgegen. Die sinnlose Tat wurde mit MG-Salven beantwortet. Vom Sonneborn aus schossen amerikanische Geschütze in die Innenstadt.
  • Eine Plettenbergerin erinnerte sich 1985 an einen tragischen Vorfall im Kreuzungsbereich Kaiserstraße/Herscheider Straße. Hier versuchte ein etwa 14jähriger Junge einen der vorbeirasselnden Sherman-Panzer mit einem Sprengsatz anzugreifen. Dies mußte der fanatisierte Jugendliche mit dem Leben bezahlen, denn eine Gewehrkugel traf ihn und verletzte ihn tödlich.
  • Nach und nach nahmen die Kampftruppen Straße um Straße, Haus um Haus ein. Die Häuser wurden durchsucht, die Bewohner einzeln abgetastet. Zunächst galt jeder als verdächtig und als Feind.

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