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Haare als Ölfilter: Wie Friseure die Meere retten können

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Von: Georg Dickopf

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Friseurmeisterin Stefanie Gärtner (hinten) und Gesellin Sarah Günther mit einem Büschel Haare, die jeden Tag im Friseursalon anfallen und neuerdings für einen guten Zweck gesammelt werden.
Friseurmeisterin Stefanie Gärtner (hinten) und Gesellin Sarah Günther mit einem Büschel Haare, die jeden Tag im Friseursalon anfallen und neuerdings für einen guten Zweck gesammelt werden. © Dickopf, Georg

Täglich entsorgen Friseursalons weltweit tonnenweise Haare im Restmüll. Eine Verschwendung, findet Friseurmeisterin Stefanie Gärtner. Denn die abgeschnittene Haarpracht ist unschätzbar wertvoll für die Rettung der Meere.

Plettenberg - Schnipp-schnapp – und die Haare sind ab. Genau das passiert jeden Tag in Friseursalons auf der ganzen Welt. Falls dort jemand auftaucht, der eine sehr lange Haarpracht trägt und gute 30 Zentimeter davon abschneiden will, können die Haare für Perückenmacher gespendet werden. „Aber dass jemand so viel abschneidet, kommt höchstens einmal im Jahr vor“, sagt Friseurmeisterin Stefanie Gärtner aus Plettenberg.

In der Regel fallen nur wenige Zentimeter lange Haarbüschel dem Haarschnitt zum Opfer. „Und die haben wir bisher immer in der Restmülltonne entsorgt“, erklärt die Inhaberin des Friseursalons am Alten Markt. Doch das ist jetzt vorbei. Seit Anfang August unterstützt Gärtner mit ihrer Mitarbeiterin Sarah Günther die Initiative Hair for the ocean.

„Wir sammeln sämtliche abgeschnittenen Haare neuerdings in Pappbeuteln, die dann mehrmals im Jahr von der Initiative abgeholt werden“, sagt Gärtner. Pro Arbeitstag spende sie zudem einen Euro an die Organisation, die ihren Sitz in Bückeburg hat und die das Geld für Säuberungsaktionen verwendet.

„Auf der ganzen Welt fallen jedes Jahr 86 000 Tonnen abgeschnittene Haare an, die alle weggeworfen werden. Es gibt einem ein gutes Gefühl, wenn damit etwas Sinnvolles getan und zugleich weniger Müll produziert wird“, findet Gärtner. Dass mit einem Kilogramm Haar acht Kilo Öl und Fette aufgesaugt werden können, sei erstaunlich. Das Haar wird dabei in eine Art Nylonstrumpf gesteckt und als Filter in verunreinigten Meeren, Seen oder auch Flüssen verwendet.

„Es ist schön, wenn mit so abgeschnittenen Fusseln noch etwas für die Umwelt getan wird“, sagt die Friseurmeisterin, bei deren Kunden die Initiative gut ankommt.

„Wir haben dadurch sogar schon drei neue Kunden gewonnen, die es gut finden, dass ihre Haare für das Projekt Hair for the ocean gesammelt werden“.

Gärtner, die kurz vor dem Beginn der Corona-Pandemie ihr zehnjähriges Bestehen am Alten Markt feiern konnte, hofft, dass noch weitere Friseursalons in Plettenberg und der Umgebung sich der Initiative anschließen werden und die Resthaare in ihren Salons sammeln – bei Fragen zu dem Projekt steht sie interessierten Friseuren gerne zur Verfügung.

Haare können Fett aufsaugen und werden in Ozeanen bei Öl-Havarien verwendet

Haare besitzen die besondere Eigenschaft, viel Fett aufzusaugen und diese Funktion auch nach dem Schneiden nicht zu verlieren. Daher eignen sie sich hervorragend dazu, als natürliches Reinigungsmittel gegen Verschmutzungen wie Öl, Benzin und Sonnenmilchreste in Gewässern wie Meeren, Flüssen und Seen eingesetzt zu werden.

Bisher werden jährlich Tonnen an Haarresten von rund 83 000 Friseursalons in Deutschland im Restmüll entsorgt, da nur wenige Haare für Perücken geeignet sind. Die Frage, ob die abgeschnitten Haare noch für etwas zu nutzen sind, war jedoch immer präsent.

Auf der Website von Hair for the Ocean heißt es dazu: „Wir suchten gemeinsam nach einem Weg, mit den abgeschnittenen Haaren etwas Gutes zu tun und entdeckten die ,Haarfilter‘. Vorbildfunktion hat für uns der französische Verein Coiffeure Justes (faire Friseure) aus Südfrankreich, der die Haare in alte Nylonstrümpfe füllt, diese zu Rollen bindet und dann als Filter in verschmutzten Gewässern einsetzt. Die Saugfunktion des Haarfilters zieht das Öl aus dem Wasser, der wird anschließend gereinigt und kann bis zu achtmal wiederverwendet werden. Ein Kilogramm Haar kann bis zu acht Kilogramm Öl aus dem Wasser filtern“.

Diese Haarfilter werden weltweit eingesetzt. In Seen und Gewässern, vor Industriegebieten und an Küsten, um Öle, Treibstoffreste und Sonnenmilch aus dem Wasser zu filtern. Im Sommer 2019 kamen die Haarfilter auch vor Mauritius zum Einsatz, als dort ein Frachter auf Grund lief und mehrere Tausend Tonnen Öl verlor.

Aus der Idee wurde eine Unternehmung in Form einer Unternehmensgesellschaft mit Sitz in Bückeburg, die für Nachhaltigkeit und Logistik sorgen soll. „Wir sind dabei, mit deutschen Unternehmen zusammenzuarbeiten, um diese Logistik auch in Deutschland und den angrenzenden Ländern zu etablieren und mit abgeschnittenen Haarresten natürlich und nachhaltig die Reinigung unserer Meere, Flüsse und Seen durchzuführen.

Die Haarfilter können dann auch überall da zum Einsatz kommen, wo Benzin oder Motoröl ausgelaufen ist, wo Motorboote ankern und tanken, an Badestränden und da, wo es zu verschmutzenden Unfällen in Gewässern gekommen ist“, schreiben die beiden Gründer Emidio Gaudioso und Thomas Keitel.

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