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Während der Beisetzung ausgeraubt: Schock und Unverständnis bei trauernder Familie

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Von: Sabrina Jeide

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Nach Einbruch und zweitägiger Suche wurde Hündin Nelly wiedergefunden
Die Hündin Nelly darf auf dem Foto natürlich nicht fehlen: Nach einer großen Suchaktion konnten Julia Tabaktas, Kerstin Lang, Nastasja Symanzick (von links) und die Kinder Romy und Julian den Mischling wieder unversehrt in die Arme schließen. © Sabrina Jeide

Es ist einfach unglaublich: Während Ulla Henke ihren Mann Fritz, der nach kurzer schwerer Krankheit verstorben war, auf dem Ohler Waldfriedhof beisetzt, nutzen Diebe ihre Abwesenheit aus, brechen in das am Waldrand gelegene Haus ein; stehlen Bargeld, das aus Kondolenzbriefen stammt, und erschrecken die Familienhündin Nelly derart, dass sie wegläuft.

Plettenberg – Es ist ein schwerer Gang für Ulla Henke und ihre Familie: Vor einer Woche wird ihr Mann Fritz Henke beigesetzt. Während die Familie um einen geliebten Menschen trauert, haben andere Zeitgenossen keinen Funken Anstand und nutzen die Abwesenheit der Familie schamlos aus. Zum Schock über den Einbruch gesellt sich die Sorge um Nelly: Zwei Tage sucht die Familie verzweifelt nach dem Tier und zeigt sich gerührt von der Solidarität und Unterstützung der Plettenberger Bevölkerung.

Und genau das ist der Hauptgrund, warum die Familie noch mitten in der Trauerphase ihre Geschichte öffentlich erzählt. Ulla Henke, ihre Tochter Kerstin Lang sowie die Enkeltöchter Julia Tabaktas und Nastasja Symanzick sind noch merklich mitgenommen, als sie vom letzten Wochenende berichten.

Nach der Trauerfeier und einem gemeinsamen Kaffeetrinken kehren sie mit weiteren Verwandten ins Haus an der Ohler Straße zurück, wo auch Enkeltochter Nastasja mit ihrer Familie lebt. Sofort stellen sie fest, dass hier etwas nicht stimmen kann, denn ungewöhnlicherweise steht die Korridortür offen. Dann sehen sie das ganze Drama: Im Wohnzimmer sind Schränke aufgerissen, Schubladen rausgezogen, im Schlafzimmer der Kleiderschrank malträtiert, Matratzen angehoben – alles ist durchwühlt, ein Albtraum. Offenbar haben sich unbekannte Täter Zutritt zum Gebäude verschafft, indem sie auf der Gebäuderückseite eine Terrassentür aufhebeln, wie auch die Polizei bestätigt. Zur Spurensicherung kommt die Kriminalpolizei und nimmt die Ermittlungen auf.

„Natürlich war da erst mal dieser Schock“, erinnert sich Nastasja Symanzick, wie sie zunächst in die eigene Wohnung in der mittleren Etage des Hauses rennt, um festzustellen, dass sich die Einbrecher dort nicht vergangen haben. Vielleicht werden sie an diesem Morgen auf der mittleren Etage gestört, weil sie Geräusche vom ausgebauten Dachboden hören, wo sich während der Trauerfeier die Urenkelkinder Romy und Julian mit einer Freundin von Nastasja Symanzick aufhalten. Doch weil man weder „oben von unten“, noch „unten von oben“ etwas höre, haben sie von dem Einbruch nichts mitbekommen. Nur eines haben sie vernommen: Ein lautes Bellen der Familienhündin Nelly, die an diesem Vormittag im Erdgeschoss ist. Doch man denkt sich nichts dabei, die Kinder schauen auch nicht nach: „Zum Glück“, sagt Nastasja Symanzick, „die Kinder wären den Einbrechern möglicherweise direkt in die Arme gelaufen“. Da schlucken einmal alle am Tisch.

Blindlings gesucht

Doch mittags ist Nelly nicht mehr da – ganz offensichtlich ist sie über die geöffnete Terrassentür während des Einbruchs weggelaufen. Doch das ist zunächst gar nicht klar, weiß die Familie nicht, ob das Tier vielleicht betäubt oder einfach mitgenommen wurde. Nastasja Symanzick liest im Internet die wildesten Schauergeschichten, was mit Haustieren bei Einbrüchen passiert.

Suchaufruf über Facebook
Nastasja Symanzick und ihre Schwester Julia Tabaktas teilten Aufrufe über Facebook und sind überwältigt, wieviele Menschen sich an der Suche beteiligt haben. © Screenshot Jeide

Die beiden Schwestern starten schließlich einen emotionalen Facebook-Aufruf, der binnen kürzester Zeit fast 1 000 Mal geteilt wird. Völlig fremde Menschen beteiligen sich an der Suche nach der kleinen Nelly. Und so ist auch relativ schnell klar, dass Nelly noch lebt und tatsächlich weggelaufen ist, denn schon gegen 10 Uhr wird sie am Samstag am Drosselweg gesichtet.

„Wir haben uns blindlings auf die Suche gemacht“, beschreiben die Schwestern und bedauern zutiefst, dass die Trauer um den geliebten Großvater so schnell erst vom Albtraum des Einbruchs und dann von der Sorge um den Familienhund abgelöst wird. Die ganze Familie beteiligt sich an der Suche, die dritte Schwester, die Tante – alle sind an diesem Tag unterwegs. Immer wieder versprechen Menschen in Böddinghausen und Ohle, die von dem Vorfall gehört haben, die Augen aufzuhalten. Doch der Samstag verstreicht, ohne dass Nelly gefunden werden kann. Am Sonntagmorgen geht die Suche bereits um 7 Uhr weiter – hat sie sich vielleicht in einem Tierbau versteckt? Ob querfeldein, mit Erlaubnis über private Grundstücke – die Suche lässt die Familie beinahe verzweifeln. Und als ein Teil der Familie schließlich, schon fast mut- und hoffnungslos auf dem Waldboden sitzt, kommt kurz vor Einbruch der Dunkelheit dieses Erlebnis: „Da guckt sie uns einfach auf der Bergkuppe an – das war so ein epischer Moment“, freut sich Nastasja Symanzick. Völlig unversehrt und ohne eine Schramme können sie Nelly wieder in die Arme schließen.

Dank an Plettenberger Bevölkerung

Besonders beeindruckt aber hat die Familie die Solidarität der Plettenberger. Ein Ehepaar aus der Immecke habe fast den kompletten Sonntag bei der Suche geholfen, die Schwestern sind sich sicher: „Sie haben uns Nelly quasi in der Arme getrieben.“ Nastasja Symanzick und Julia Tabaktas vermuten, dass etwa 300 Menschen Augen und Ohren offengehalten haben, sogar beim TuS Plettenberg im Lennestadion wird eine Durchsage gemacht. „Gefühlt die halbe Stadt hat nach dem Hund gesucht“. Zahlreiche glückliche Kommentare gehen auf Facebook nach dem Happyend ein.

„Es ist schlimm um den Tag“, kann die Familie die Dreistigkeit der Einbrecher immer noch nicht nachvollziehen. Doch die Solidarität der Menschen in Plettenberg hat sie nachhaltig bewegt. „Dafür möchten wir einfach Danke sagen!“

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