Kein Kapitalismus ohne Protestantismus?

Plettenberger CDU-Fraktion besichtigt das Heimathaus am Kirchplatz 

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Volker Hauer (2.v.re.) von der Plettenberger Werkstatt gab interessante Einblicke in die Geschichte des Protestantismus.  

Im Jubiläumsjahr der Reformation ist er allgegenwärtig, auch in Peter Kriegers (CDU) Hosentasche findet er Platz: Martin Luther und die Auswirkungen seiner Lehre auf den Kirchenbau, aber auch auf die Gesellschaft wurden jetzt beim Besuch der heimischen CDU-Fraktion im Heimathaus thematisiert.

Werkstatt-Mitglied Volker Hauer leitete durch die Ausstellung ‘Der protestantische Kirchenbau’, bot aber auch viel Wissenswertes fernab der offiziellen Präsentation. Denn nicht nur im Kirchenbau habe sich nach der Reformation vieles verändert: Die Gesellschaft habe sich in den folgenden Jahrhunderten ebenfalls stark gewandelt – insbesondere was die Lebens- und Arbeitswelt betraf.

„Die These, dass der Protestantismus den Kapitalismus gefördert hat, ist gar nicht so falsch“, erklärte Hauer. Deutlich würde dies alleine an den Arbeitszeiten: In katholischen Gebieten sei einst 265 Sonnenstunden, in protestantisch geprägten Gebieten dagegen 300 Sonnenstunden gearbeitet worden. Damit griff Hauer die Theorie des Soziologen und Nationalökonoms Max Weber (1864-1920) auf: Dieser hatte erklärt, dass eine enge Verbindung zwischen der protestantischen Ethik und dem Beginn des Kapitalismus beziehungsweise der Industrialisierung bestünde. Und auch der Reformator selbst habe dem Kapitalismus Vorschub geleistet, in dem er den Beruf als von Gott gestellte Aufgabe begriffen hatte. Besonders zu erwähnen sind hier die Ideen des Calvinismus: Erfolg im Beruf und die Vermehrung von Geld galten den Calvinisten als Zeichen dafür, von Gott auserwählt zu sein.

Wasser-Qualität wird immer schlechter 

Hauer lieferte den Christdemokraten einen Überblick über den protestantischen Kirchenbau, der erst im Barock seinen Anfang genommen habe. Und auch hier habe es parallel große gesellschaftliche Veränderungen gegeben. Die neue Waffentechnik, während des Dreißigjährigen Krieges perfektioniert, habe ein Umdenken in Sachen Stadtverteidigung gefordert. 

„Hohe Kirchtürme waren zu perfekten Angriffszielen geworden“, sagte Hauer. Daher wuchsen die Städte in die Breite, entwickelten sich jedoch in der Regel nur innerhalb ihrer Stadtmauern. „Die Städte im Barock wuchsen teilweise um bis zu 20 Prozent“, erklärte Hauer. Immer mehr Menschen hätten auf einem immer kleineren Raum gelebt. Die Folge: Die Qualität das Wassers habe in den Städten kontinuierlich abgenommen. Erst mit dem Westfälischen Frieden (1648) hätten die Protestanten ihren Glauben auch wirklich überall ausüben dürfen. 

Kanzel-Paragraph bis 1953 gültig 

Hauer ging auch auf den Kulturkampf zwischen Kirche und Staat ein. Dieser habe im Kanzel-Paragraphen gemündet: 1871 eingeführt, verbot er es Geistlichen aller Religionen, zu politischen Themen Stellung zu beziehen. Bei Zuwiderhandlung drohten bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe. In der BRD besaß der Paragraph noch bis 1953 Gültigkeit. 

Einen weitereren tiefen Einschnitt in die Welt des Glaubens, aber auch der Künste, habe der Erste Weltkrieg gehabt. „Gerade bei den Intellektuellen sorgte der verheerende Krieg für eine Demoralisierung“, erklärte Hauer. Allgemein lasse sich beobachten, dass große gesellschaftliche Umbrüche auch immer eine Veränderung im Kirchenbau nach sich gezogen hätten. Besonders deutlich würde dies unter anderem am Zweiten Weltkrieg. 

Nach dessen Ende seien überall in Deutschland so genannte Notkirchen entstanden. Deren Bau sei von den Alliierten durchaus gefördert worden, sollten sie doch der moralischen Wiederaufrichtung der Deutschen dienen. Besonders die Amerikaner hätten Unmengen an Holz nach Deutschland gebracht, um den Bau der Notkirchen überhaupt erst ermöglichen zu können. „In jeder Notkirche findet sich kanadisches Holz“, erklärte Hauer. Allerdings hätten die Besatzungsmächte den Bau von Kirchtürmen verboten – diese hätten im Falle eines nationalsozialistischen Widerstands als Möglichkeit zum Verschanzen genutzt werden können. 

„An diese Vorgabe hielten sich jedoch nicht alle Gemeinden“, erklärte Hauer. So sei es nicht selten vorgekommen, dass eine Notkirche gleich zweimal geweiht worden sei: Einmal ohne Turm mit offiziellen Vertretern und später ein zweites Mal mit Turm und im engsten Kreis der Gemeinde. Peter Krieger und die heimische CDU dankten Hauer für die umfangreichen Informationen. Und so verschwand auch die Miniaturfigur Martin Luthers wieder in der Hosentasche Kriegers – aber sicher nicht für lange, denn schon bald kann 500 Jahre Reformation gefeiert werden.

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