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„Zu viel für einen einzelnen Arzt“: Kinderarzt im MK verkündet Aufnahmestopp

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Von: Johannes Opfermann

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Keine Kapazitäten für neue Patienten: In der Praxis von Michael Achenbach – hier mit Mitarbeiterin Kübra Cinar – gibt es einen Aufnahmestopp.
Keine Kapazitäten für neue Patienten: In der Praxis von Michael Achenbach – hier mit Mitarbeiterin Kübra Cinar – gibt es einen Aufnahmestopp. © Dickopf

Da Kornelia Hauswald in Herscheid zum Jahresende in den Ruhestand geht, fällt eine weitere Kinderärztin weg. Viele Eltern versuchen deswegen mit ihren Kindern in anderen Praxen unterzukommen, auch in Plettenberg bei Michael Achenbach. Doch dort werden bereits seit mehreren Wochen keine neuen Patienten aufgenommen.

Plettenberg – „Wir mussten die Reißleine ziehen und einen Aufnahmestopp aussprechen“, erklärt Kinder- und Jugendmediziner Michael Achenbach im Gespräch mit der Redaktion. Die Entscheidung war schon beschlossen worden, bevor die Veränderung bei der Praxis Hauswald bekannt wurde. „Wir haben deswegen schon zwei Dutzend Anfragen zur Übernahme von Patienten erhalten.“ Doch denen muss Achenbach eine Absage erteilen: „Ich kann den Leuten nur sagen: Wir sind voll.“ Er verweise sie dann an die Telefonnummer 116 117, unter der Ärzte vermittelt werden. Indem Achenbach nun, wie schon auf seiner Praxis-Homepage, auch über die Zeitung über den Aufnahmestopp informiert, möchte er weiteren Patienten bzw. deren Eltern einen vergeblichen Anruf ersparen.

Verständnis dafür, dass er keine neuen Patienten aufnehmen kann, hätten nicht alle Anrufer. Es werde dann geschimpft, dass er doch verpflichtet sei, die Patienten zu versorgen. Das gelte aber nur bis zur Kapazitätsgrenze, betont Achenbach. Und die ist bei ihm schon lange erreicht.

„Ich kriege jetzt schon nicht alle versorgt und ich kann nicht die alten Patienten rausschmeißen, um neue aufzunehmen“, sagt Achenbach. „Im letzten Quartal hatten wir Kontakt zu 1 900 Patienten, das ist für einen einzelnen Arzt eigentlich schon jenseits des Machbaren.“

Auch Bestandspatienten müssten unter Umständen lange auf einen Termin warten. „Bis Dezember sind wir mit Vorsorgeterminen ausgebucht. Die einzigen Termine, die wir freihalten, sind für Neugeborene“, erklärt Achenbach. Aufgrund der Terminknappheit können aktuelle auch keine Ersatztermine für nicht in Anspruch genommene Termine der U-Untersuchungen angeboten werden.

Im Einzugsgebiet habe es in der Vergangenheit bis zu fünf Kinder- und Jugendmediziner gegeben, sagt Achenbach. Wenn nun Ende 2022 Kornelia Hauswald in den Ruhestand geht, bliebe er als Einziger übrig. Schon Ende 2020 war in seiner eigenen Praxis seine Kollegin Ingrid Tewes-Holtvoeth in den Ruhestand gegangen und als Fachärztin im Bereich Kinder- und Jugendmedizin weggefallen. Als sie noch zu zweit in der Praxis waren, habe man sich die Versorgung von akuten Fällen und die Vorsorge-Untersuchungen aufgeteilt. Nachdem Tewes-Holtvoeth Ende 2020 in den Ruhestand ging, versuchte Achenbach im Jahr 2021 den Wegfall durch Mehrarbeit vorübergehend auszugleichen. „Aber einer kann nicht so viel leisten wie zwei – das hält man auf Dauer nicht durch.“

Da er noch hoffte, einen Nachfolger zu finden, habe er den Arztsitz im vergangenen Jahr noch in seiner Praxis behalten und erst zwei Tage vor dem Verfall abgegeben, an die Praxis Dr. Böhle in Lüdenscheid, „damit es noch einigermaßen in der Nähe bleibt“.

Die Versorgung mit Kinder- und Jugendärzten werde nämlich nicht wie bei Hausärzten auf lokaler, sondern wie bei anderen Fachärzten auch immer auf Kreisebene betrachtet, erklärt Achenbach. „Wir werden als Fachärzte behandelt, auch wenn wir eher hausärztlich arbeiten.“ Die für die ärztliche Versorgung zuständigen Ausschüsse hielten es folglich für zumutbar, dass sich Patienten im ganzen Landkreis nach einem Kinderarzt umschauen.

Doch nicht nur im Märkischen Kreis, sondern auch darüber hinaus ist die kinderärztliche Versorgung nicht die beste. In Lennestadt habe sich, nachdem der letzte Kinderarzt vor zehn Jahren in den Ruhestand ging, kein Nachfolger gefunden und auch in Attendorn sei eine Doppelpraxis zu einer Einzelpraxis geschrumpft, berichtet Achenbach. „Es sieht insgesamt bitter aus.“

Hinzukommt, dass es schwierig ist, ärztlichen Nachwuchs zu bekommen. „Der Markt ist abgegrast und die Sperrung der A 45 hat den Interessenten für den Märkischen Kreis dann den Rest gegeben“, sagt der Kinder- und Jugendmediziner. Das zeige, dass die Sperrung nicht nur für die heimische Industrie ein massiver Wettbewerbsnachteil sei, sondern auch für Dienstleister.

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