Poser-, Tuning- und Raserszene in Plettenberg

Die Plettenberger Polizei tritt Raser-Gruppe auf die Füße

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Dem schweren Unfall am Hit-Markt in 2019 war ein Rennen auf der Bahnhofstraße vorausgegangen.

Plettenberg – Die Polizei in Plettenberg macht mobil gegen junge Raser und Straßenkriminelle. „Es gibt eine Gruppe von jungen Wilden, die nicht willens ist, sich an Regeln zu halten“, stellt Wolfgang Klein, Leiter der Polizeiwache, fest. Gemeinsam mit seinen Kollegen tritt Klein den Jugendlichen, die nicht nur durch Straßenrennen, sondern auch durch Straßenkriminalität auffallen würden, auf die Füße. Die Hintergründe der Offensive stellte der Beamte im Haupt- und Finanzausschuss vor. Wir geben einen Überblick.

Das Problem-Potential

Das Problem-Potenzial dieser Gruppe sei in Plettenberg größer als in vergleichbaren Kommunen, daher habe man sich dazu entschlossen, gegen sie tätig zu werden, erklärte Klein. So hätten Kollegen im April 2019 die Saisoneröffnung der Tuning-Szene in Meinerzhagen besucht, um sich auch einen Überblick darüber zu verschaffen, welche Personen aus Plettenberg dieses Event besuchen.

Sondereinsätze

Im April, Juni und September wurden in Plettenberg Sondereinsätze gegen diese Gruppe durchgeführt, mit Unterstützung des Verkehrsdienstes Lüdenscheid. Allein beim ersten Einsatz habe man 47 Fahrzeuge der Zielgruppe zuordnen und sieben Fahrzeuge stilllegen können. In Zusammenarbeit mit dem Ordnungsamt führte die Polizei zudem eine Razzia in einer Shisha-Bar am Offenbornkreisel durch, die von der Klientel frequentiert wird.

Fortbildungen

Um auch im Alltag bei Kontrollen im Straßenverkehr besser gegen die betreffende Gruppe aktiv werden zu können, seien die Kollegen fortgebildet worden. In jeder Dienstgruppe gebe es laut Klein nun Spezialisten, die Fahrzeugkontrollen durchführen und dabei auch anhand von Veränderungen am Fahrzeug feststellen könnten, ob eine Betriebserlaubnis erloschen ist. In Anspielung auf den lange pensionierten Polizisten Wolfgang „Ritzel“ Radtke, der in den 80er und 90er Jahren in Plettenberg viele lärmende Motorräder stillgelegt hatte, sagte Klein: „Es ist nicht mehr dadurch getan, dass man Ritzel zählt, sondern da sind andere Fachkenntnisse gefragt.“ Dabei gehe es darum, Veränderungen wie das sogenannte Chip-Tuning festzustellen. Auch ein Schallpegelmessgerät sei angeschafft worden, mit dem in Plettenberg infolge von Messungen schon in 50 Fällen Fahrzeuge wegen Umbauten stillgelegt werden konnten, sagte Klein.

Kontrolldruck

Bei den für die Gruppe sehr lästigen Kontrollen lege man eine recht niedrige Einschreitquelle zugrunde, erklärte Klein. Neben Verwarngeldern, von denen sich die Zielgruppe häufig nicht beeindrucken ließ, verteile die Polizei bei Kontrollen auch Mängelkarten, die die jungen Männer zu lästigen Behördengängen zwingen.

Doch auch Nötigung im Straßenverkehr, Drängeln und Beleidigungen gingen von der Tuning-Gruppe aus, so Klein: „Es ist extrem rücksichtsloses, aggressives Verhalten.“ Vermehrt wende sich die Polizei deswegen an die Verkehrserlaubnisbehörde und melde die betreffenden Personen als charakterlich nicht geeignet zum Führen eines Fahrzeugs. Das ziehe für diese dann Nachprüfungen oder den Führerscheinverlust nach sich. „Ich würde mir wünschen, auch 2020 so viele wie möglich aus dem Verkehr ziehen zu können“, sagte Klein. „Ich habe noch keine Veränderungsbereitschaft wahrgenommen.“

Wolfgang Klein (2. von rechts) berichtete im Hauptausschuss über "eine Gruppe von jungen Wilden, die nicht willens sind, sich an Regeln zu halten".

Straßenkriminalität

Das Problem sei vielschichtig, denn die Gruppe falle nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch durch einfache Straßenkriminalität, also etwa Diebstahl und Sachbeschädigungen auf. „Gerade im Bereich Autorennen und anderen Grenzüberschreitungen im Straßenverkehr bereitet uns diese kleine Gruppe Sorgen, dass etwas Schlimmeres passiert.“

Raser und Poser

Bei dieser Gruppe – man spreche hier allgemein von der Poser-, Tuning- und Raserszene – drehe sich die gesamte Freizeit ums Auto, mit dem man sich untereinander messen wolle. Die Gruppe sei von der Nationalität her bunt gemischt, bestehe allerdings nur aus jungen männlichen Fahrern. „Sobald aber eine Bindung da ist und eine Partnerin, die sie zur Vernunft bringt, wachsen sie da wieder raus“, so Klein.

Wenn die jungen Männer mit ihren häufig getunten Fahrzeugen – vor allem auf dem Innenstadtring – unterwegs seien, erzeugten sie quasi als „Abfallprodukt“ jede Menge Lärm.

Autorennen

Klein verwies auf einen Unfall vom 13. August 2019, bei dem infolge eines Autorennens auf der Bahnhofstraße ein Audi-Fahrer am Hit-Markt beim Überholen in eine Straßenlaterne krachte und sich dabei glücklicherweise nur das Becken gebrochen habe.

Auch 2018 sei die Gruppe mehrfach aufgefallen, beispielsweise bei einem Autokorso mit getunten Fahrzeugen während der Fußball-WM und bei spektakulären Verfolgungsjagden. Eine führte von der Hochbrücke aus durch Böddinghausen, Papenkuhle, Ohle und Eiringhausen; am Ende versuchte der unter Drogen stehende Fahrer noch zu Fuß über die Bahnstrecke zu fliehen. Hier wie auch beim Rennen auf der Bahnhofstraße seien die Verfahren noch nicht abgeschlossen, sagte Klein. Im Gegensatz zur Trunkenheitsfahrt, die inzwischen selten geworden sei, hätten im Übrigen Fahrten unter Drogeneinfluss zugenommen, auch bei der Zielgruppe der jungen Tuner und Raser falle dies immer wieder auf.

Auf Martina Reinholds (SPD) Frage, ob durch diese Gruppe, die sich an keine Regeln halte, noch mehr Probleme entstehen könnten, versuchte Klein zu beruhigen. Zu größerer Sorge böten die Zahlen keinen Anlass, der Personenkreis sei identifiziert und im Blick. „Die Kollegen wühlen diese Szene permanent auf“, erklärte Klein.

Silent Rider

Hintergrund des Vortrags vor dem Hauptausschuss ist der Beitritt der Stadt Plettenberg zum Projekt Silent Rider, das Motorradlärm bekämpfen soll, wie Bürgermeister Ulrich Schulte erklärte. Klein nutzte die Gelegenheit, um dem Eindruck entgegenzutreten, dass die Polizei hier ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfe. „Das haben die Kollegen nicht verdient, die hier außerordentlich aktiv sind“, sagte er. Dabei sei die Lärmbelästigung nur Teil eines größeren Problems.

Der Bürgermeister dankte der Polizei für ihre starke Kontrolltätigkeit gegen die beschriebene Raser- und Tuning-Gruppe. Dabei kritisierte er noch einmal den medialen Umgang mit einem Polizisten, dem ein „Rückentritt“ gegen einen Mann bei einer Verkehrskontrolle vorgeworfen wurde. Das Video zu dem Vorfall habe nämlich auch gezeigt, mit wieviel Provokationen und mangelndem Respekt Polizisten konfrontiert seien.

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