Interview mit Elke Krämer aus Plettenberg

„Kein übernatürliches Wesen“: Warum die stellvertretende Vorsitzende des Humanistischen Verbandes NRW nicht an Gott glaubt

Elke Krämer ist Vizepräsidentin des Humanistischen Verbandes NRW.
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Seit Februar ist Elke Krämer die Vizepräsidentin des Humanistischen Verbandes NRW. Mit ihr im Vorstand sind Männer und Frauen zum Beispiel aus Lünen, Bochum, Bielefeld oder Düsseldorf.

Elke Krämers halbes Leben war mit dem christlichen Glauben verbunden. Doch im Alter von Anfang 30 Jahren begann sie, die Religion zu hinterfragen. Sie wandte sich ab von der Kirche und viele Jahre später stieß sie auf eine andere Organisation, deren Überzeugungen sie teilte: dem Humanistischen Verband.

Plettenberg – Im Alter von 59 Jahren trat die Plettenbergerin als Mitglied ein, im letzten Monat ist sie im Alter von 68 Jahren zur Vizepräsidentin für den Verband in Nordrhein-Westfalen gewählt worden. Unser Mitarbeiter Sebastian Schulz sprach nun im Interview mit Elke Krämer über die Gründe für den Austritt aus der Kirche, ihre Überzeugungen und eine zwischenzeitliche innere Zerrissenheit.

Frau Krämer, sind Sie getauft?

Ja, ich bin getauft, konfirmiert, habe das volle Programm mitgemacht. Ich war viele Jahre eng an die Kirche angebunden und habe auch meine Erzieher-Ausbildung bei einem kirchlichen Träger absolviert. Ich habe nie überhaupt die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass Kirche und Religion nicht das Nonplusultra sein könnten.

Wie kam es dann, dass Sie sich von der Kirche abgewandt haben?

Es gab dafür kein entscheidendes Ereignis. Mit knapp über 30 Jahren habe ich irgendwie angefangen, den Glauben, Gott und die Religion zu hinterfragen. Ich habe mich mit Strängen der Psychologie und mit philosophischen Fragen beschäftigt und bin in diesem Rahmen auf die Frage gekommen: Ist die Religion das Richtige für mich? Für mich hat es sich angefühlt wie ein Kampf mit mir selbst, dass ich mir diese Gedanken erlaubt habe.

Warum ein Kampf?

Ich war ja überzeugt von der religiösen Schiene. Davon abzuweichen, ein Stück weit aufzugeben von dem, was bisher meine Überzeugung war – das war ein Prozess, der Jahre, sogar Jahrzehnte gebraucht hat.

Das heißt, Sie haben sich im Laufe der Zeit von der Überzeugung verabschiedet, dass es einen Schöpfer gibt?

Das habe ich tatsächlich. Ich glaube nicht, dass ein übernatürliches Wesen ein Weltenlenker ist. Ich gehe da eher dem Gedanken der Evolution nach.

Für viele Menschen ist gerade der Glaube ein wichtiger Anker im Leben. Fehlte Ihnen diese Stütze nicht?

Nein, denn ich hatte mich ja bewusst dafür entschieden, mich nicht irgendwo zu verankern und ohne diese Anbindung zu leben. Wissen Sie, die Texte der Bibel sind ja nicht die Worte eines höheren Wesens, sondern sind Aussagen von Menschen, die dem Wissensstand der Zeit und des Zeitgeistes entsprechen. Ich bin heute der Meinung, dass zu viel religiöse Bindung eher schadet als nutzt.

Wie sind Sie dann zum Humanistischen Verband gekommen?

Ich war froh, dass ich im Laufe der Jahre festgestellt habe, dass ich nicht die einzige bin, die so denkt und dass es säkuläre Organisationen gibt. Die Humanisten werden ja spaßeshalber die „Kirche der Atheisten“ genannt, in der Menschen ohne Glauben ankommen können. Sie sind nicht die einzige säkuläre Organisation, aber ich habe mich für sie entschieden, weil mich die Themen, mit denen sie in Verbindung stehen, interessieren, und weil sie viel praktische Arbeit durchführen.

Mit praktischer Arbeit meinen Sie die sogenannten „Lebensfeiern“, die der Verband als Pendantzu Taufen, Kommunionen/ Konfirmationen, Hochzeiten oder Trauerfeiern durchführt, richtig?

Ja, die Menschen wünschen sich Rituale, aber diese müssen nicht kirchlich verbunden sein. Mir ist vor allem der Umgang mit dem Lebensende wichtig, angefangen von einer Patientenverfügung bis hin zu Trauerfeiern.

Sie selbst sind als Sprecherin und freie Rednerin auf solchen Feiern unterwegs. Wie reagieren Sie darauf, wenn Ihre Kunden auf solchen Festen eine Mischung aus freier Feier und Religion wünschen?

Dann bin ich nicht die Richtige. Wenn zum Beispiel das Vaterunser gebetet oder kirchliche Lieder gesungen werden sollen – so ein durchgezogener christlicher Grundton ist einfach nicht meins.

Wie groß ist die Nachfrage nach solchen Lebensfeiern im Sauerland?

Hier wird es bisher weniger nachgefragt, weil im Sauerland eingesessene Redner unterwegs sind, die das teilweise schon jahrzehntelang machen.

Wie werden Ihre Überzeugungen in einer christlich geprägten Stadt wie Plettenberg von den Bürgern aufgenommen?

Ich bin gar nicht viel in Plettenberg unterwegs, daher kennen mich die Leute in diesem Rahmen nicht. Generell erlebe ich oft ein sehr ausweichendes Verhalten. Das Thema wird von vielen möglichst umgangen. 

Und wie sieht das Ihre Familie?

Meine Tochter ist zum Beispiel auch aus der Kirche ausgetreten und sieht es genau so wie ich. Die sonstige Familie weiß es, wünscht aber keine Diskussionen.

Sie sind bei der Landesversammlung im Februar zur Vizepräsidentin des Humanistischen Verbandes NRW gewählt worden. Was möchten Sie nun in dieser neuen Rolle verändern?

Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass den Kindern statt eines Religions- lieber ein Ethik- oder Lebenskundeunterricht vermittelt wird, denn nicht-religiöse Angebote in Schulen und Kitas sind kaum vorhanden; Kinder, die dann keinen Religionsunterricht möchten, werden in dieser Zeit irgendwo zwischengeparkt. Und ich möchte dabei helfen, den Humanistischen Verband noch bekannter zu machen. Ich bin überzeugt, dass es auch in Plettenberg und im ganzen Märkischen Kreis Menschen gibt, die so denken, aber bisher nicht untereinander vernetzt sind. Ein solches Netzwerk zu bilden, gehört auch zu meinen Plänen, die wegen Corona aber zurzeit auf Eis liegen.

Warum sind Ihre jetzigen Überzeugungen aus Ihrer Sicht die richtigen?

Es gibt nicht mehr diese eine, ultimative Wahrheit und keine festgelegten Dogmen, die jeden Fortschritt abwürgen. Wenn alles veränderbar ist, dann ist das aus meiner Sicht ein viel flexibleres, fließenderes Leben.

Über Elke Krämer

Elke Krämer ist 68 Jahre alt und kommt gebürtig aus Hagen. Sie ist ausgebildete Erzieherin, war zwischenzeitlich auch Leiterin einer Kindertagesstätte, bevor sie in Elternzeit ging. Danach schwenkte sie um, arbeitete in der Ambulanten Pflege, begleitete Menschen auch im privaten Rahmen bis zu deren Tod. Wegen eines neuen Jobangebots als Kurierfahrerin zog die Besitzerin eines großen LKW-Führerscheins im Jahr 1998 nach Eiringhausen, später in das Wohngebiet Eschen in Plettenberg, arbeitete für einen Einzelunternehmer, eine Spedition und später in der Abfallwirtschaft. Vor neun Jahren trat sie privat dem Humanistischen Verband bei, absolvierte hier eine Ausbildung zur freien Sprecherin und rutschte so ins Präsidium, in dem sie drei Jahre lang Beisitzerin war. Weil der Präsident für dieses Jahr seinen Abschied angekündigt hatte, wurde sie angesprochen, ob sie Lust habe, unter neuer Führung das Amt der Vizepräsidentin zu übernehmen. „Ich war erst ein bisschen erstaunt, bin dann aber zu dem Entschluss gekommen, dass das sinnvoll ist, um meine Vorstellungen mehr einbringen zu können“, sagt Elke Krämer.

Über die Humanisten

Der Humanistische Verband Deutschlands ist ein 1993 gegründeter eingetragener Verein zur Förderung und Verbreitung einer humanistischen Weltanschauung und zur Interessenvertretung konfessionsloser Menschen in Deutschland. Er ist ein Zusammenschluss mehrerer Freidenker-Bewegungen, die es schon lange vorher gab. Der Humanistische Verband in Nordrhein-Westfalen ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Er ist als Weltanschauungsgemeinschaft staatlich anerkannt. Formal ist er damit den Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften gleichgestellt. „Wir Humanisten des Humanistischen Verbandes Deutschlands bejahen das menschliche Leben. Eine humanere Welt ist möglich“, heißt es im Selbstverständnis des Verbandes. Zu ethischen Fragen wie Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Biotechnologien, Wertevermittlung, Asylpolitik oder zur Verteilung des Reichtums vertreten die Humanisten eigene Positionen. Man versteht sich dabei als Teil einer globalen humanistischen Bewegung für Emanzipation, Solidarität und Freiheitsrechte. 

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