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„Schaden historischen Ausmaßes“: Situation im Wald katastrophal

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Von: Johannes Opfermann

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Unterhalb des abgeholzten Hangs nahe dem Springbrunnen erklärt Thomas Kroll-Bothe (Dritter von rechts, daneben Jörn Hevendehl) die unterschiedlichen Baumbestände rund um den Hestenberg.
Unterhalb des abgeholzten Hangs nahe dem Springbrunnen erklärt Thomas Kroll-Bothe (Dritter von rechts, daneben Jörn Hevendehl) die unterschiedlichen Baumbestände rund um den Hestenberg. © Opfermann, Johannes

Der Bau- und Liegenschaftsausschuss besuchte am Mittwoch (15. Juni) gemeinsam mit Revierförster Thomas Kroll-Bothe den Hestenberg. Neben dem Zustand des Stadtwaldes ging es um die Herausforderungen bei der Bekämpfung des Borkenkäfers und die Schaffung eines gesunden Waldes für die Zukunft.

Plettenberg – Dazu traf sich der Ausschuss zu einer Forstbereisung am PSG-Schießstand. Neben Kroll-Bothe begleiteten auch Jörn Hevendehl, Forstamtsleiter Regionalforstamt Märkisches Sauerland, und Forstreferendar Jonas Knipping die Ausschussmitglieder.

Mit deutlich über 50 Prozent der Stadtfläche, die von Wald bedeckt sind – überdurchschnittlich im Märkischen Kreis – sei Plettenberg eine „Waldstadt“, stellte Hevendehl fest. Das sei für die Stadt ein Faustpfand. „Der Wald liefert nicht nur Holz, sondern wir merken, wie gut er den Menschen tut.“

Zum Teil noch „heile Waldwelt“

Was einen gesunden Wald ausmache, das veranschaulichten die Förster an Schraders Höhe. „Hier haben wir noch eine heile Waldwelt mit hohen Bäume und einer geschlossenen Krone“, sagte Hevendehl. Der dortige Mischwald sei noch intakt. Dass die Mischbestände stabiler und gesünder seien, bestätigte auch Thomas Kroll-Bothe. Dort seien selbst die Fichten noch in guter Verfassung, weil sie nicht dicht an dicht stehen. Doch auf vielen Waldflächen in Plettenberg und im Kreis ist genau das der Fall.

Die Wälder im Kreis beständen je zur Hälfte aus Lauf- und Nadelwald. 60 Prozent der Nadelbaumbestände seien vom Borkenkäfer geschädigt. „Das ist ein Schaden landschaftshistorischen Ausmaßes“, so Hevendehl. „Um die Folgen des Klimawandels zu sehen, müssen wir nicht an die Polkappen fahren, wir müssen nur aus dem Fenster schauen. Wir sehen den Klimawandel hier live, und auch scharf.“

Im Mischwald an Schraders Höhe fanden die Teilnehmer der Forstbereisung noch eine „heile Waldwelt“ vor.
Im Mischwald an Schraders Höhe fanden die Teilnehmer der Forstbereisung noch eine „heile Waldwelt“ vor. © Opfermann, Johannes

So bestehe das Westwind-System nicht mehr wie früher, stattdessen wehe der Wind von Süden oder Norden und bringe heißere oder kältere Luft in unsere Breiten. „Wir haben nun die Aufgabe, den Wald der Zukunft so zu gestalten, dass wir ihn genießen können.“

Dass in der Vergangenheit so stark auf die Fichte gesetzt wurde – in der Forstbetriebsgemeinschaft Plettenberg sind 65 Prozent der Waldfläche Fichte – begründeten sowohl Hevendehl als auch Kroll-Bothe mit der Holznot in der Nachkriegszeit, als man auf den Kahlflächen die schnell wachsende Fichte anbaute, die das Dreifache der Wachstumsleistung der Eiche habe. Es sei auch darum gegangen, auf der begrenzten Fläche möglichst viel anzubauen. Aus wissenschaftlicher Sicht sei dies damals auch richtig gewesen, so Hevendehl: „Es gab genug Wasser, die Fichte wuchs gut – es passte alles.“

Künftiger Wald muss Extreme aushalten

Spätestens 2010 war es damit vorbei, doch die Probleme hätten bereits in den 1990ern eingesetzt. Doch da nicht frühzeitig gegengesteuert wurde – Hevendehl verglich es mit einem Glas, das immer weiter an eine Tischkante rutscht – sei der Punkt erreicht worden, an dem dieses Glas, also der Wald, heruntergestürzt und zerschellt sei.

„Von den alten und mittelalten Fichtenbeständen werden nur kleine Reste übrig bleiben“, sagte Kroll-Bothe. Mit der Fichte gehe auch ein großer Teil des CO2-Speichers verloren, den die schnell wachsenden Bäume darstellen.

Mit ihrem früheren Wissen kämen die Förster angesichts des Klimawandels nicht mehr weiter, gab Hevendehl zu. Man sei auf die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Prognosen angewiesen, um auf dieser Grundlage einen neuen Wald zu entwickeln: „Der künftige Wald muss Witterungsextreme aushalten, damit weiter hohe grüne Bäume wachsen.“ Starkregen etwa könne die Trockenheit dabei nicht ausgleichen, weder beim Nadel- noch beim Mischwald. „Das Wasser muss zum richtigen Zeitpunkt im Boden sein“, so Hevendehl.

Fressfeinde züchten und per Drohne abwerfen

Auf die Frage von Reinhard Panzer (FDP), wann denn der Borkenkäfer in den heimischen Wäldern Einzug gehalten habe, antwortete Kroll-Bothe, dass der Borkenkäfer schon immer da gewesen sei. Auch früher habe es sogenannte Käferkalamitäten gegeben, aber nicht in dem Ausmaß der vergangenen Jahre. „Man hatte es im Griff. Durch die extreme Hitze ist es aber aus dem Ruder gelaufen.“ Gab es früher in einer Brutsaison zwei Generationen von Borkenkäfern, schlüpften inzwischen drei oder sogar vier. „Die natürlichen Gegenspieler kommen nicht dagegen an“, so Kroll-Bothe.

Bürgermeister Ulrich Schulte fragte daher auch nach Gegenmitteln gegen den Borkenkäfer. In Kanada bekämpfe man in stark betroffenen Waldgebieten – hier ist eine andere Borkenkäferart für die Schäden verantwortlich – den Käfer vom Hubschrauber aus, so Hevendehl. In Deutschland sei der Grundsatz, so wenig Chemie einzusetzen wie möglich, zumal nur ein Mittel noch zugelassen ist. Außerdem müsste der Borkenkäfer in großer Höhe bekämpft werden.

Die massenhafte Züchtung von Gegenspielern – wie dem Ameisenbuntkäfer –, die dann per Drohne abgeworfen werden, sei durchaus denkbar. Aber für entsprechende Investitionen in den Waldschutz sei das Thema zu wenig im Fokus der Politik und der großen Pharmakonzerne. Immerhin: Für Spechte als weitere Fressfeinde des Borkenkäfers werden einzelne alte Bäume stehengelassen, um als Bruthöhlen zu dienen, bemerkte Kroll-Bothe.

Bei der nächsten Station am Springbrunnen, wo man „vor drei Jahren noch im Schatten stehen konnte“ , so Kroll-Bothe, zeigte sich den Teilnehmern der Waldbereisung dann ein völlig freigeschlagener Hang. Anfang 2018 standen dort noch auf zwei Hektar 87 Jahre alte Fichten. Glücklicherweise sei der städtische Wald am Hestenberg aber mit Baumarten wie Lärche, Fichte, Eiche, Eberesche, Rotbuche und Buche „recht bunt“ und gut aufgestellt. Vor allem die Lärche sei recht stark vertreten und Kroll-Bothe hofft, dass sie auch erhalten bleibt. Noch seien die Lärchenbestände in Plettenberg – anders als im Norden des Kreises – nicht stark vom Borkenkäfer befallen. „Die Lärchen tragen viel zur Verjüngung des Waldes bei.“ Die Lärche lasse als sogenannte Lichtbaum auch anderer Vegetation im Wald Platz zum Wachsen und da sie im Herbst ihre Nadeln abwerfe, biete sie Stürmen auch weniger Angriffsfläche.

Thomas Kroll-Bothe mit einem Douglasien-Setzling, der vom Rüsselkäfer zerfressenen wurde.
Thomas Kroll-Bothe mit einem Douglasien-Setzling, der vom Rüsselkäfer zerfressenen wurde. © Opfermann, Johannes

Naturverjüngung und Neuanpflanzungen

Wenn die Aufarbeitung des Käferholzes in Plettenberg – aktuell werde unter anderem an der Kersmecke und am Kroppe eingeschlagen – abgeschlossen sei, möchte der Revierförster auch im Stadtwald, etwa im Hestenberg, beginnen, am Wald der Zukunft zu arbeiten. Die Naturverjüngung durch die Lärche und Laubbäume möchte er begünstigen, auch vorhandene Fichten wolle er mitnehmen, aber keine neuen pflanzen. Welche Bäume gepflanzt werden sollen und an welchen Stellen, müsse man genau schauen. „Mischwald bedeutet nicht durcheinander, sondern die Bäume in kleinen Flächen anzubauen.“ Doch auch Baumarten wie die vielfach als Fichten-Alternative propagierte Douglasie könnten Schädlingen zum Opfer fallen, wie Kroll-Bothe anhand eines von Rüsselkäfern zerfressenen Douglasien-Setzlings zeigte.

Dass man nicht nur auf Naturverjüngung setzen kann, lag aber auch für Jörn Hevendehl auf der Hand. Einen dauerhaften Wald werde man ohne das gezielte Pflanzen neuer Bäume nicht erreichen. Von Kommunen allein wäre das in den städtischen Waldflächen aber nicht zu stemmen.

Dirk Thomée (CDU) war der Meinung, dass man trotz der Kosten das Thema in den kommunalen Wäldern angehen sollte. „Wir können als Stadt eher ökologisch handeln als die einzelnen Waldbauern. Zwar nicht auf 200 bis 300 Hektar, aber auf kleinen Flächen.“ Hevendehl regte an, auch die heimische Wirtschaft mit ins Boot zu holen, um Neuanpflanzungen auf den gerodeten Käferflächen zu sponsern.

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