1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Plettenberg

Nur selten Tests: Deshalb fällt das gefährliche RS-Virus nicht so oft auf

Erstellt:

Von: Johannes Opfermann

Kommentare

In den Kindertageseinrichtungen haben viele Kinder längere und schwerere Erkältungsverläufe. Die Vermutung, dass ein Zusammenhang mit dem RS-Virus besteht, wird aber nur selten durch Tests nachgewiesen.
In den Kindertageseinrichtungen haben viele Kinder längere und schwerere Erkältungsverläufe. Die Vermutung, dass ein Zusammenhang mit dem RS-Virus besteht, wird aber nur selten durch Tests nachgewiesen (Symbolbild). © Monika Skolimowska

Durch Corona hatten die Kitas monatelang geschlossen. Den Kindern fehlte in dieser Zeit nicht nur das Spielen mit ihren Freunden, auch ihr Immunsystem wurde nicht so gut trainiert. Die Folge ist, dass Erkältungen häufig langwieriger und schwerer sind. In einigen Fällen steckt dahinter auch das RS-Virus, wegen dem auch immer wieder Kinder in Krankenhäusern behandelt werden müssen.

Plettenberg – „Das RS-Virus haben wir auch in Plettenberg“, sagt Kinder- und Jugendarzt Michael Achenbach. „Ich hatte schon einige Kinder, die deswegen stationär behandelt werden mussten.“ Eine genaue Zahl kann er nicht nennen, spricht aber von etwa zehn solchen Fällen seit August, als erstmals bei einem seiner kleinen Patienten eine RSV-Infektion festgestellt wurde. RSV steht für „Respiratorisches Synzytialvirus“, eine Atemwegserkrankung, die vor allem die oberen Schleimhäute befällt.

Geschwächtes Immunsystem

Nach Achenbachs Kenntnisstand war der RSV-Fall im August sogar der früheste, der in diesem Jahr MK-weit aufgetreten ist, sicher weiß er es aber nicht. Klar ist aber, dass die RSV-Saison früher beginnt als sonst, das sei deutschlandweit zu beobachten. „Normalerweise geht es im Oktober, manchmal auch erst im Februar los.“ Wahrscheinlich habe dies mit der durch Corona und Kita-Schließungen entstandenen „Infektionslücke“ zu tun.

„Das Immunsystem der Kinder ist total geschwächt wegen der langen Fehlzeiten in den Kitas“, sagt Ilka Trauzettel, Leiterin des Städtischen Familienzentrums Eschen. „Jetzt, wo wir wieder in großen Gruppen arbeiten, werden Kinder vermehrt krank.“ Im Leitungskreis der Kitas sei auch RSV thematisiert worden, da viele Einrichtungen starke Erkältungen bei den Kindern feststellten, die möglicherweise auf das Virus zurückzuführen seien. Vor drei bis vier Wochen seien unter anderem auch im FZ Eschen nur wenige Kinder in der Einrichtung gewesen. Viele seien krank gewesen, hätten unter starkem Husten und in einzelnen Fällen auch unter einer Lungenentzündung gelitten. Ob dies an dem Virus liege, konnte Trauzettel aber nicht sagen.

Auch in anderen Plettenberger Kitas wird ein RSV-Bezug angesichts der vielen schweren Erkältungen zumindest vermutet. „Wir hatten bisher nur eine Familie, in der bei einem Kind das Virus nachgewiesen wurde und die uns das auch mitgeteilt hat“, sagt Jennifer Brehm, Leiterin des Evangelischen Familienzentrums Eiringhausen. Bei anderen Fällen, in denen Kinder schwere Erkältungsverläufe hatten, sei nicht bekannt, ob dies möglicherweise mit dem Virus zusammenhänge. „Grundsätzlich ist es aber schon so, dass die Kinder mit schwereren Symptomen zu kämpfen haben bei Erkältungen, dass sie länger krank sind und es teilweise auch auf die Bronchien schlägt.“

Manche Kinder würden nach der Rückkehr in die Einrichtung auch rückfällig. Zuhause seien die Symptome teilweise schwächer geworden und die Kinder würden wieder in die Einrichtung gebracht, obwohl sie noch nicht ganz auskuriert sind. „Die Aktivität in einer Kita ist eine andere als zu Hause, die Kinder laufen mehr, spielen aktiver – und dann ist der Husten wieder schlimmer als zu Hause“, sagt Brehm. Das sei aber kein Vorwurf an die Eltern. „Der Heilungsverlauf ist ein anderer als sonst bei Erkältungen – das ist nicht mit zweimal Naseputzen erledigt.“

Das RS-Virus haben wir auch in Plettenberg. Ich hatte schon einige Kinder, die deswegen stationär behandelt werden mussten.

Michael Achenbach, Kinder- und Jugendarzt

In der Katholischen Kindertageseinrichtung St. Johann Baptist ist das RS-Virus ebenfalls Thema. Anita Langhans, Vertretung der Kita-Leitung, berichtet von Kindern mit schwereren Erkältungen. „Es sind Krankheitsverläufe mit extrem langem Husten.“ Dieser falle bei einigen Kindern zudem sehr heftig aus. So gebe es zumindest bei einigen Kindern die Vermutung, dass es mit einer RSV-Infektion zusammenhängen könnte, aber keine Fälle, bei denen es diagnostisch bestätigt wurde.

Die Berichte, dass in mehreren Bundesländern viele Kinder wegen RSV-Infektionen sogar im Krankenhaus liegen, habe man im Hinterkopf und sei froh, dass man so einen Fall noch nicht hatte. „Gottseidank hatten wir noch kein Kind, das stationär aufgenommen werden musste.“

Der Grund, warum die Kitas oft nicht wissen, ob die schweren Erkältungen mit RSV zu tun haben, ist, dass nicht standardmäßig darauf getestet wird. Es gibt Schnelltests, bei denen ähnlich wie bei einem Corona-Schnelltest ein Abstrich gemacht wird. So stellte Michael Achenbach auch die RSV-Infektion eines Kindes im August fest. Doch da die Kosten für die Tests nicht von der Krankenkasse übernommen werden, wird nicht bei jeder Erkältung standardmäßig auf RSV getestet. Das würde auch Kinder- und Jugendarzt Achenbach für eine Zumutung für die Kinder halten, schließlich sind die Abstriche für Kinder sehr unangenehm. „Solange es dem Kind gut geht, behandle ich es wie jede andere Erkältung auch.“ Denn ein Medikament, welches das RS-Virus direkt angreift, gibt es nicht.

Großes Risiko für Frühchen

Nur wenn es dem Kind erheblich schlechter als bei einer normalen Erkältung gehe, sei ein Schnelltest angebracht, sagt der Mediziner, der für solche Fälle auch einen kleinen Vorrat in der Praxis hat. In der Regel würden die RSV-Schnelltests in Klinken durchgeführt, weil dort das Ergebnis auch therapeutische Konsequenzen zur Folge hat – wie eine stationäre Behandlung oder die Isolation von anderen Kindern, für die eine Infektion besonders gefährlich wäre. Deswegen würde in Kliniken häufiger auf RSV getestet und auch mehr Fälle festgestellt.

Gerade Frühgeborene, die in den letzten sechs Monaten zur Welt gekommen sind, möglicherweise beatmet wurden, oder auch Kinder mit Herzfehlern seien gefährdet. „Da kann es passieren, dass es zu schweren Infektionen kommt.“ Auch könne es sein, dass die Bronchien noch ein halbes oder ganzes Jahr nach der Infektion eine gewisse Überempfindlichkeit aufweisen. „Das RS-Virus ist nicht ganz ohne, sowohl im Moment der Erkältung als auch durch dieses Erbe, das es hinterlässt“, erklärt Achenbach. Deswegen würden Experten auch dazu raten, mit den Schutzbehandlungen vor RSV früher zu beginnen als – wie sonst üblich – im Oktober, weil eben auch die Erkrankungen schon früher auftreten.

Was die vielen längeren Erkältungen von Kita-Kindern und die beschriebene Rückfälligkeit angeht, weil das Kind noch nicht ganz auskuriert ist, rät Achenbach zu warten, bis das Kind wirklich keine Symptome zeigt. „Wir empfehlen schon immer ,gesund plus einen Tag’ als Zeitpunkt für eine Rückkehr“, sagt Achenbach, auch wenn dieser Rat – unter anderem aufgrund des Drucks der Arbeitswelt – nicht immer befolgt würde. Ein halbkrankes Kind in die Kita zu schicken, bringe immer die Gefahr mit sich, weitere anzustecken.

„Dadurch, dass sich eine Familie ein bis zwei Tage länger Zeit lässt, wird anderen Kindern eine Ansteckung erspart“, erklärt Michael Achenbach. „Das ist eine Investition des einzelnen für alle und dadurch würde auch die Infekthäufung eingedämmt.“

Auch interessant

Kommentare