Rodica Csapó und Ute Hülsmann schließen Praxis in Ohle zum Jahresende: Plettenberg droht Unterversorgung

Zwei Hausärzte gehen in Ruhestand: Diese Praxis im MK steht vor dem Aus

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Die Hausarzt-Praxis von Rodica Csapó und Ute Hülsmann soll zum Jahresende in Ohle schließen – über 3 200 Patienten müssen sich dann einen neuen Arzt suchen.

Plettenberg –Die Sprechzeit in der Praxis von Rodica Csapó und Ute Hülsmann endet freitags eigentlich um 12 Uhr. Es ist 13.30 Uhr und es sind immer noch einige Patienten im Wartezimmer. Über 3000 Patienten werden pro Quartal in der über 220 Quadratmeter großen Praxis der beiden Ärztinnen behandelt. Noch, muss man dabei sagen; denn zum Jahresende soll die Praxis schließen.

„Ich werde im Oktober 65 Jahre alt“, sagt Rodica Csapó, die in den letzten 30 Jahren nicht einen Tag krank gefeiert hat und in dieser Zeit kaum kulturellen Interessen nachgehen konnte.

Ihr Beruf – besser passt der Begriff Berufung – ist der Ärztin, die in Rumänien geboren wurde, fünf Sprachen beherrscht und nach ihrem Lehramtsstudium noch Humanmedizin in Bochum studiert, sehr wichtig.

Private Abstriche gehören dazu

Entsprechende Abstriche musste sie im Privatleben machen, denn die regelmäßigen 60- bis 80-Stunden-Wochen ließen keinen großen Freiraum. „Vielleicht kann ich jetzt noch ein bisschen nachholen“, sagt Csapó, die ohne jegliches Zutun vom Magazin Focus in diesem und dem letzten Jahr in die Liste der 100 besten Hausärzte Deutschlands aufgenommen wurde. Großes Aufhebens macht die Plettenbergerin darum nicht – die Auszeichnungen verstauben in irgendeiner Schublade.

Gemeinsam mit Ute Hülsmann praktiziert sie noch bis Ende Dezember in den Räumen, in denen sich einst das „Haus Husemann“ ein traditionsreiches Restaurant befand.

Plettenberg neu im Förderverzeichnis der Kassenärztlichen Vereinigung

„Ich würde mich freuen, wenn sich ein Nachfolger für die Praxis finden würde“, sagt Csapó, die sowohl im Ausland als auch bei den Krankenhäusern und bei der kassenärztlichen Vereinigung (KV Dortmund) recherchiert hat – bislang ohne Erfolg. Immerhin: Die kassenärztliche Vereinigung, die noch vor vier Jahren einem Bewerber den Kassensitz in Plettenberg verweigerte, hat jetzt eingesehen, dass in Plettenberg medizinischer Notstand herrscht und eine Unterversorgung droht.

Daher wurde Plettenberg vor wenigen Tagen neu in das Förderverzeichnis aufgenommen. Damit will man „alle geeigneten finanziellen und sonstigen Maßnahmen ergreifen, um die Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung zu gewährleisten, zu verbessern und zu fördern.“ Neben Plettenberg finden sich 36 weitere Städte auf der Liste – unter anderem Lüdenscheid, Menden, Neuenrade und Werdohl.

Ute Hülsmann (li.) und Rodica Csapó schließen ihre erfolgreiche Hausarzt-Praxis in Ohle zum Jahresende.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt, denn die 60-jährige Ute Hülsmann könnte sich durchaus vorstellen, noch zwei bis drei halbe Tage in der Woche zu arbeiten, wenn sie damit einen Nachfolger unterstützen könnte. Die Fachärztin für Allgemeinmedizin arbeitet schwerpunktmäßig psychosomatisch orientiert. Sie absolvierte eine Verhaltenstherapie-Ausbildung über zwei Jahre, die in ihre tägliche Arbeit einfließt. Sie will aber in jedem Fall – auch aus persönlichen Gründen – deutlich kürzer treten und trägt die Praxisschließung deshalb zwangsläufig mit. „Auch bei mir steht der Mensch im Mittelpunkt. Bei meinem Arbeitsstil würde ich in einer Einzelpraxis in die Pleite gehen.“.

Ute Hülsmann nimmt sich Zeit für ihre Patienten, schaut nicht auf die Uhr und auch die in vielen Praxen üblichen Individuellen Gesundheitsleistungen – kurz IGeL – gibt es in der Praxis am Rande der Stadt kaum.

„Circa 40 Prozent meiner Zeit gehen für Bürokratie drauf. Ich habe keine Lust, jeden Samstag und Sonntag diesen monotonen Stumpfsinn abzuarbeiten“, spricht Hülsmann deutliche Worte. Wenn sie noch als Ärztin arbeiten könnte, würde ihr vor allem auch die Palliativmedizin am Herzen liegen. Aber das Gesundheitssystem lasse das nicht zu. „Wir sind nicht verantwortlich für die politischen Fehlentscheidungen“, findet Hülsmann.

Ein Abschied ohne schlechtes Gewissen

Ihre Kollegin sieht das ähnlich. „Es gibt viel zu wenig Studienplätze für Medizin. Zum Beispiel muss man mit der Abiturnote „gut“ sechs Jahre auf einen Studienplatz warten. Das kann nicht die Lösung sein“, findet die Plettenbergerin.

„Wir haben alles gegeben und waren für unsere Patienten da – ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich aufhöre “, will sich Ute Hülsmann kein schlechtes Gewissen wegen der Praxisaufgabe einreden lassen.

Rodica Csapó bestätigt das. Sie selbst war es durch die harte Ausbildung gewohnt, schneller zu arbeiten. „Das habe ich gemeinsam mit Dr. Georg Krupp und Ulrich Trompeter, Facharzt für Innere Medizin, in meiner Tätigkeit unter Chefarzt Dr. Jürgen Krautheim im Plettenberger Krankenhaus gelernt“, sagt Csapó, die dort acht Jahre als Internistin arbeitete.

Auf die Stelle im Krankenhaus, auf die sie sich 1993 beworben hatte, gingen über 200 Bewerbungen ein. Csapó war die Nachrückerin, weil der ursprüngliche Kandidat angesichts der Notdienste und der Arbeitsbelastung die Segel strich. Seinerzeit befand sie sich in Ausbildung zur Pathologin und führte im Auftrag der Uniklinik Bochum Obduktionen durch. Dabei lernte sie durch den täglichen Umgang mit den Organen viel über den menschlichen Körper und Krankheitsbilder. Später absolvierte Csapó viele zusätzliche Ausbildungen in Akupunktur, Homöopathie, Geriatrie, Palliativmedizin etc., um die Patienten ganzheitlich behandeln zu können.

Kündigung für Mitarbeiter

Doch damit soll am Jahresende Schluss sein. Den insgesamt neun Mitarbeiterinnen wurde gekündigt, nachdem die Nachfolgersuche bislang erfolglos blieb. Aber noch gibt es Hoffnung durch den Vorstoß der Kassenärztlichen Vereinigung. Und auch Bürgermeister Ulrich Schulte ist über die Praxisaufgabe im Bilde und würde gerne helfen.

Auch Rodica Csapó würde einem Nachfolger unterstützend zur Seite stehen, denn nach fast 20-jähriger Hausarzttätigkeit hängt ihr Herz an der Praxis und den Patienten. Alle Patienten, die sich jetzt hektisch einen neuen Hausarzt suchen müssen, tun ihr leid, zumal viele Ärzte in der Umgebung kaum noch neue Patienten in ihren Praxen aufnehmen können.

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