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Robert und Dobby: Warum Roboter wie Haustiere behandelt werden

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Von: Nina Scholle

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Manch ein Saugroboter ist für die Besitzer mehr als nur reine Technik. Namen wie Robert und Dobby sind für solche Geräte keine Seltenheit.
Manch ein Saugroboter ist für die Besitzer mehr als nur reine Technik. Namen wie Robert und Dobby sind für solche Geräte keine Seltenheit. © Scholle

Immer häufiger legen sich Leute einen Saugroboter zu, um die eigenen vier Wände sauber zu halten, und meistens geben sie diesen kleinen Helferlein auch einen Namen, wie etwa „Fluffy“ oder „Robby“. Was steckt hinter dem Wunsch, Maschinen – nicht nur Saugroboter – auf diese Weise zu vermenschlichen?

Plettenberg – Ende Januar machte eine kuriose Nachricht die Runde: Im österreichischen Wieselburg hatte sich ein Saugroboter aus dem sprichwörtlichen Staub gemacht. „Fluffy“ hieß der Ausreißer, der schnell mediale Bekanntheit erlangte und zum guten Schluss seiner Besitzerin wohlbehalten zurückgebracht wurde.

Wie die meisten fand ich die Geschichte äußerst unterhaltsam, doch ließ mich eine Frage nicht los: Warum hatte das Ding einen Namen?

Es scheint ein verbreitetes Phänomen zu sein, seinem Saugroboter einen Namen zu geben. So saugt bei meinen Eltern „Robert“ seit einigen Monaten das Haus, bei einer Bekannten ist es „Elfriede“. Doch warum ist das so? Warum geben Leute ihren Saugrobotern einen Namen, ihren Töpfen, Lampen und Gießkannen aber nicht? Oder machen sie das vielleicht doch, es ist nur nicht so präsent? Ich habe mich mal umgehört und dabei einige interessante Dinge erfahren.

„Wir haben den gesehen und dann war es recht schnell klar, dass das ein Hauself ist“, sagt meine Freundin Michelle über ihren Saugroboter, der den Namen „Dobby“ trägt, benannt nach dem Hauself aus den „Harry Potter“-Büchern. „Dobby ist Teil des Teams bei uns zuhause“, erklärt sie und wenn man sie so reden hört, hat man wirklich den Eindruck, Dobby sei ein lebendiges Wesen. „Der macht, was er will“, erzählt Michelle lachend. Scheinbar planlos fahre er in der Wohnung umher und lasse Ecken auch schon mal aus. Will man ein Zimmer richtig sauber haben, müsse man Dobby darin einsperren, damit er nicht wegkönne. Michelle und ihr Freund sehen Dobby die Macken nach: „Das ist nicht die Technik, das ist halt Dobby.“

Roboter wie Haustiere

Ich finde diese Sichtweise sehr charmant; sie lässt mich unwillkürlich an „Schlupp vom grünen Stern“ denken – ein Kinderbuch von Ellis Kaut, das 1974 erschien und in den 80er Jahren von der Augsburger Puppenkiste als Marionettenstück verfilmt wurde. Darin geht es um einen kleinen Roboter vom Planeten Baldasiebenstrichdrei, der anders ist, als all die anderen Roboter: Er hat eine Seele. Wegen dieses Konstruktionsfehlers soll er auf den Müllplaneten geschossen werden, doch stattdessen landet er aus Versehen auf der Erde.

„Roboter werden quasi als Haustiere verhätschelt“, drückt es Tanja Pankow vom Saturn in Lüdenscheid etwas überspitzt aus. Ich will wissen, ob Saugroboter ihren Namen erst zuhause erhalten oder ob sich dieser Trend bereits im Geschäft abzeichnet, und habe deshalb bei einigen Fachhändlern in der Umgebung nachgefragt. Während sich die meisten in Schweigen hüllten, war man beim Saturn sehr offen für meine Fragen und hat mir bestätigt, dass vor allem die neuen Roboter „fast immer Namen“ haben. Auch passiere es hin und wieder, dass Kunden kommen und klagen: „Der Robby ist kaputt gegangen!“

„Robby“ sollte übrigens auch der Saugroboter meiner Eltern heißen – laut Pankow ein beliebter Name, ähnlich wie Abkürzungen und Abwandlungen des Herstellernamens. Aber Mama meinte: „Es ist besser, wenn ich erzählen kann, Robert putzt bei uns. Bei Robby weiß jeder, dass es kein Mensch ist.“

Saugroboter sind für ihre Besitzer fast so etwas wie Haustiere.
Saugroboter sind für ihre Besitzer fast so etwas wie Haustiere. © Scholle

Doch Saugroboter sind bei weitem nicht die einzigen Gegenstände, die einen Namen erhalten. Pankow erzählt, wie sie einmal einer Familie eine Waschmaschine verkauft habe. „So, das ist jetzt unsere Tanja“, haben die Kunden gesagt und erklärt, dass sie allen Maschinen den Namen der Person geben würden, die sie ihnen verkauft hat.

Auch bei meiner Freundin Michelle ist Dobby nicht der einzige Gegenstand mit einem Namen: ihr Snowboard heißt Herbert, das Mountainbike Scotty und auch die Pflanzen haben Namen. Bei mir zuhause gab es mal eine Venusfliegenfalle, der ich den Namen Aphrodite gegeben hatte, doch sie ist nach kurzer Zeit eingegangen. Seitdem bekommen bei mir nur Haustiere einen Namen – von den Billys im Wohnzimmer mal abgesehen, doch deren Namen gehen nicht auf mich zurück, sondern auf ihren schwedischen Hersteller.

Wie die alten Skandinavier

Ach, die Skandinavier! Dazu fällt mir gleich etwas ein: In der nordischen Mythologie ist es typisch, dass Gegenstände einen Namen haben. So zum Beispiel die Schwerter „Gram“ und „Tyrfing“ oder der Goldring „Andvaranaut“. Offenbar ist es keine neuartige Erscheinung, Dingen einen Namen zu geben, wie ich ursprünglich angenommen hatte, sondern reicht schon einige Zeit in der Menschheitsgeschichte zurück.

Ich treffe mich mit Martin Boncek, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Von ihm erhoffe ich mir eine Idee, warum es offenbar so menschlich ist, unbelebten Dingen einen Namen zu geben und ihnen gleichzeitig eine Art Autonomie zuzuschreiben.

Apropos „Auto“: auch Autos bekommen gerne einen Namen verpasst. Besonders zum ersten Auto entwickeln wir eine enge Verbindung: „Vom Gefährt zum Gefährten“, nennt Boncek dieses Phänomen. Wenn man viele Kilometer gemeinsam auf der Straße verbringe, kommt es vor, dass „am Ende Schmerz entsteht“.

Wilson, der Volleyball

Wir benennen Dinge, die uns „emotional wichtig sind“, so Boncek; wie zum Beispiel Kuscheltiere, zu denen wir eine „starke emotionale Bindung“ aufbauen. Und wer erinnert sich nicht an „Wilson“, den Volleyball aus dem Film „Cast away“?

Saugroboter im Speziellen sind „irgendwie in die häusliche Gemeinschaft aufgenommen; fast wie ein Familienmitglied“, erklärt Boncek und beschreibt ziemlich genau das, was auch meine Freundin Michelle erzählt hat. „Im Geschäft sehen die alle gleich aus. Man möchte sie gerne individualisieren.“ Es sei ein menschliches Bedürfnis, der Uniformität etwas Individuelles zu geben.

„Sobald ein Gegenstand einen Namen hat, ist er uns vertraut und sticht aus der Menge heraus. Bei bewegten Objekten ist das noch immer etwas anderes, weil wir denen so eine gewisse Eigenständigkeit zuschreiben“, sagt Boncek. Er nennet das Stichwort „Anthropomorphismus“ – die Übertragung menschlicher Eigenschaften auf Nichtmenschliches. So entwickeln wir Gefühle, wenn Gegenstände misshandelt werden. Er zeigt mir ein Video, in dem Leute gegen einen schafgroßen Roboter treten. „Fies“, denke ich. „Warum machen die das?“

Den positiven Gefühlen gegenüber Robotern sind laut Boncek jedoch klare Grenzen gesetzt: „Je menschlicher sie sind, desto unheimlicher werden sie uns.“ Das finde ich spannend: Solange wir die Oberhand haben, ist alles okay. Doch sobald wir drohen, ins Hintertreffen zugeraten, ist Schluss mit der Sympathie. Erst nehmen Roboter uns die Arbeitsplätze weg und dann reißen sie die Weltherrschaft an sich – ein bisschen übertrieben ausgedrückt. Und doch: Eine Alexa käme mir nicht ins Haus. Ich möchte nicht das Gefühl haben, von meinen Gegenständen ausspioniert zu werden.

Robert hat wohl keinerlei solche Absichten. Er gleitet leise surrend durchs Wohnzimmer meiner Eltern und saugt Hundehaare ein. Tüchtiger Robert. So jemanden bräuchte ich in meiner Wohnung auch, kommt es mir in den Sinn. Aber was würden Schüppe und Handfeger wohl dazu sagen, wenn ich sie einfach ersetze?

Je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto klarer wird mir, dass es viel komplexer ist, als ich mir das zu Anfang gedacht hatte. Fest steht jedenfalls: So ein Saugroboter hat schon was Putziges und es kommt einem Haustier relativ nahe, sodass ich es mittlerweile durchaus nachvollziehen kann, warum Leute ihm einen Namen geben. Hätte ich einen, ich würde ihn Schlupp nennen – ganz genau: Nach dem kleinen Roboter mit der Seele.

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