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Reifen zerstochen und Auto zerkratzt: Ukrainerin fühlt sich nicht mehr sicher

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Von: Johannes Opfermann

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Die Ukrainerin Svitlana sorgt sich um die Sicherheit ihrer Familie nach der Attacke auf ihr Auto und pro-russische Schmierereien in der Nachbarschaft.
Die Ukrainerin Svitlana sorgt sich um die Sicherheit ihrer Familie nach der Attacke auf ihr Auto und pro-russische Schmierereien in der Nachbarschaft. © Opfermann, Johannes

Auf der Flucht vor dem russischen Angriffskrieg suchten viele Ukrainer Schutz in Deutschland, auch in Plettenberg. Doch eine Familie fühlt sich nicht mehr sicher, nachdem ihr Auto mit ukrainischem Kennzeichen stark zerkratzt und sämtliche Reifen zerstochen wurden – offenbar eine gezielte antiukrainische Attacke.

Plettenberg – Svitlana – ihren Nachnamen möchte sie aus Angst um die Sicherheit ihrer Familie nicht veröffentlichen – verließ im März ihr Zuhause in der Nähe von Kiew, floh mit ihren zwei kleinen Kindern sowie ihrer Mutter nach Westen. „Wenn die Kinder nicht wären, wäre ich dort geblieben, aber wir sind hierher gekommen, um die Kinder zu beschützen.“ Auch für Svitlanas Ehemann, der in der Ukraine geblieben ist, war es beruhigend, seine Familie in Sicherheit zu wissen. Die Familie kam erst bei Verwandten in Plettenberg unter, konnte im Mai dann in eine Wohnung ziehen. Für die Hilfe und Unterstützung in Deutschland und in Plettenberg ist die Ukrainerin äußerst dankbar.

Reifen zerstochen und Z-Symbol auf Spielplatz

Ihre Kinder fanden rasch Spielkameraden, Svitlana freundete sich mit deren Eltern an. Die machten sie am vorigen Sonntag auch auf die Beschädigungen an ihrem Auto aufmerksam. „Ich dachte erst, es sei ein Scherz, aber dann sah ich, wie schlimm es war“, berichtet sie. Mit einem scharfen Gegenstand wurde das Auto von allen Seiten stark zerkratzt. Wohl mehrfach sind die Täter rund ums Auto gegangen. „Alle vier Räder sind mehrmals durchlöchert, sodass sie nicht mehr repariert werden können. Es sind fünf bis sechs Einstiche in jedem Rad“, sagt Svitlana. Ebenfalls übers Wochenende – vermutlich einen Tag vor der Attacke auf das Auto – wurde auf dem Spielplatz in der Nachbarschaft, auf dem auch ihre Kinder spielen, ein Gerät mit dem Buchstaben „Z“ verunstaltet. Das Z-Symbol, mit dem auch viele an der Invasion beteiligte russische Militärfahrzeuge markiert waren, gilt als Ausdruck der Unterstützung für den von Wladimir Putin befohlenen Angriffskrieg.

Für Svitlana ist das Z-Graffiti ebenso ein Neonazi-Symbol wie ein Hakenkreuz. Dass es auf dem Spielplatz um die Ecke angebracht wurde, sei kein Zufall. „Dies wurde absichtlich von Unterstützern des ,Russischen Krieges gegen die Ukraine’ gemacht, denn an den Nummernschildern unseres Autos können sie leicht erkennen, wo wir herkommen.“

Nachdem sie mit ihrer Familie vor dem Krieg und den Verbrechen der russischen Armee geflohen war, kann die Ukrainerin nicht fassen, dass sie nun auch hier zur Zielscheibe wird.

„Ich betrachte das nicht nur als Akt von Vandalismus und vorsätzlichem Sachschaden, sondern auch als Verfolgung aufgrund nationaler Zugehörigkeit und Ausdruck nationaler Feindschaft“, sagt sie. Die Polizei nimmt die Sache ernst; der Staatsschutz überprüft den Fall (siehe unten).

Der Vorfall hat Svitlana sehr aufgewühlt. „Ich bemühe mich ruhig zu bleiben und nicht zu weinen“, sagt sie, auch wegen der Kinder, um deren Sicherheit sie jetzt fürchtet. Auch ihr Mann – in der Ukraine in viel größerer Gefahr – mache sich nun Sorgen. „Deutschland hat den Ukrainern Sicherheit versprochen, aber jetzt bin ich mir nicht sicher, ob ich, meine Kinder oder andere in Plettenberg lebende Ukrainer oder Polen oder Deutsche sicher sind. Gestern haben sie ein Auto beschädigt, und morgen können sie einer Person oder, Gott bewahre, einem Kind schaden“, beschreibt Svitlana ihre Ängste, gibt sich aber trotzig: „Sie versuchen uns einzuschüchtern, dass wir uns wie ein Nichts fühlen, aber ich sage nein: Ich will keine Angst haben.“

Ihre Gefühle seien im Moment sehr gemischt. Schmerz, Enttäuschung und Furcht auf der einen Seite, auf der anderen Dankbarkeit, Glauben und die Entschlossenheit, nicht still zu sein. „Meine Freunde unterstützen mich und helfen mir, das weiß ich sehr zu schätzen. Die Kratzer an meinem Auto sind wie Narben auf meinem Herzen, aber die tollen Menschen in meinem Leben wirken da wie eine Medizin”, sagt Svitlana.

Sie ruft zu einem proaktiven Handeln auf, fordert Informationskampagnen, um die Bevölkerung mehr über die Verbrechen Russlands in der Ukraine aufzuklären. „Viele verstehen nicht, dass das, was in Butscha oder Mariupol passiert ist, kein Film ist, sondern das echte Leben“, so Svitlana. Sie fordert ein Verbot des Z-Symbols in der Öffentlichkeit, wie es in Bremen, Bayern und Niedersachsen gilt und in weiteren Bundesländern diskutiert wird.

Große Bestürzung im Rathaus über Vorfall

Matthias Steinhoff, Fachgebietsleiter Interne Serviceleistungen, zeigt sich erschüttert: „Die Übergriffe sehe ich mit großer Bestürzung, da ich in Plettenberg eigentlich eine andere Willkommenskultur gewohnt bin.“ Die überwältigende Mehrheit verhalte sich gegenüber den Geflüchteten aus der Ukraine freundlich und hilfsbereit.

Der Vorfall zeige aber, dass die Auswirkungen des Krieges „zum einen durch die hohen Energie- und Lebensmittelpreise, zum anderen aber auch durch solche widerlichen Taten bis vor unsere Haustür zu spüren sind“.

Die Z-Symbole am Spielplatz sollen kurzfristig entfernt werden, zeitgleich wird Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. „Weitere Anfeindungen und Straftaten im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg sind derzeit nicht bekannt“, so Steinhoff. „Die Mitarbeitenden der Stadtverwaltung insbesondere des Baubetriebshofes sind sensibilisiert, im Stadtgebiet Augen und Ohren aufzuhalten. Die Bevölkerung wird ebenfalls gebeten, etwaige Vorfälle umgehend zu melden.“

Pro-russisches Z-Symbol: Wann ermittelt der Staatsschutz?

Der Staatsschutz hat in dem Fall die Ermittlungen übernommen. Für den Märkischen Kreis ist die Polizeihauptstelle Hagen zuständig.„Bei dem ,Z’-Symbol liegt der Verdacht einer politisch motivierten Straftat vor, wenn mit einem weiteren Hinweis ein Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg hergestellt werden kann (z.B. mit weiteren Graffitis, die den Ukraine-Krieg thematisieren oder wenn z.B. das „Z“ im Zusammenhang mit Demonstrationen im Themenzusammenhang gezeigt wird)“, erklärt Pressesprecher Tim Sendler zu den Ermittlungen. Ein „Z“-Graffiti allein werde üblicherweise als Sachbeschädigung bearbeitet. Eine alleinstehende Sachbeschädigung (z.B. wie hier Graffiti-Schmiererei oder zerstochene Reifen) werde bei Verdacht auf einen Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg auf politisch motivierte Kriminalität geprüft. „Ohne weitere Hinweise auf einen Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg wird sie aber nicht beim Staatsschutz bearbeitet“, so Sendler. Die Prüfung, ob es sich um eine Sachbeschädigung oder eine politische Straftat handelt, läuft derzeit noch.

Im Zusammenhang mit dem Thema Ukraine-Krieg wurden 49 Straftaten bei der Kriminalinspektion Staatsschutz bearbeitet. Diese verteilen sich gleichmäßig über das Gebiet der Kriminalhauptstelle Hagen (Hagen, Ennepe-Ruhr-Kreis, MK, Kreis Olpe, Kreis Siegen-Wittgenstein), wobei die größeren Städte (Iserlohn, Lüdenscheid, Siegen und Hagen) mit 6 bis 9 Fällen etwas höher betroffen sind als kleinere Gemeinden. Die Erfolgsaussichten seien laut Sendler einzelfallabhängig: „Die Chance, Straftaten im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg klären zu können, ist nicht besser oder schlechter, als bei anderen Straftaten.“

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