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Nur noch Schwarz und Weiß: Tattoo-Farben-Verbot bereitet Sorgen

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Von: Jona Wiechowski

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Das EU-weite Verbot der bunten Tattoo-Farben trifft unter anderem Stephanie Seegert, Besitzerin des House of Art am Grafweg, schwer.
Das EU-weite Verbot der bunten Tattoo-Farben trifft unter anderem Stephanie Seegert, Besitzerin des House of Art am Grafweg, schwer. © Wiechowski

Erst Corona – und jetzt das! Durch eine neue EU-Verordnung soll bis Anfang 2023 ein Großteil der Tattoo-Farben verboten werden. Richtigen Ersatz gibt es noch nicht. „Mit Tattoo-Farben, so wie wir sie kennen, ist erstmal Feierabend“, sagt Stephanie Seegert. Zusammen mit ihrem Mann Markus betreibt sie die „House of Art“-Studios in Plettenberg und in Neuenrade.

Plettenberg — Hintergrund für das geplante Verbot ist eine mögliche Gesundheitsgefahr. Die sogenannte Reach-Verordnung der EU-Chemikalienagentur soll Menschen und Umwelt vor den Risiken schützen, die durch Chemikalien entstehen könnten. Davon betroffen sind nun Tattoo-Farben. Kommen soll das Verbot in zwei Schritten. Der erste gilt demnach ab dem 4. Januar 2022.

Ab dann gibt die EU vor, dass wichtige Bestandteile wie bestimmte Konservierungs- und Bindemittel nur noch stark begrenzt in Tätowierfarben enthalten sein dürfen. „Dabei sind die Grenzwerte so gering, dass die betroffenen Stoffe quasi komplett wegfallen“, zitiert Seegert aus dem Tattoo-Magazin Feelfarbig. Mit Blick auf Hersteller heißt das Stand jetzt: Fast das komplette Farb-Sortiment fällt weg. „Dann könnten wir nur noch mit wenigen Schwarz- und Weißfarben arbeiten“, sagt sie.

Ein großer Teil der bunten Tattoo-Farben fällt ab 2022 weg. Stand jetzt bleiben erstmal nur einige Schwarz- und Weißfarben.
Ein großer Teil der bunten Tattoo-Farben fällt ab 2022 weg. Stand jetzt bleiben erstmal nur einige Schwarz- und Weißfarben. © Wiechowski

Ab 2023 wird es noch strenger

Welche Farben – abgesehen von Schwarz und Weiß – ab 2022 zur Verfügung stehen, sei noch völlig unklar. Ebenso unklar sei, was diese kosten werden. „Wahrscheinlich wird es teurer“, schätzt Seegert ein.

Lösungen werden auf jeden Fall dringend gebraucht. Denn ab 2023 soll das EU-Verbot in einem zweiten Schritt noch einmal verschärft werden. Dann sollen auch die Pigmente „Green7“ und „Blue15“ verboten werden. Insbesondere für das blaue Pigment gebe es laut Herstellern keinen angemessenen Ersatz, so Seegert. Allein der Ausfall dieser beiden Pigmente würde gut zwei Drittel aller aktuellen Tattoofarben verschwinden lassen.

Keine Panik im Studio

Panik sei in dem 230 Quadratmeter großen „House of Art“ am Grafweg innerhalb des Teams noch nicht ausgebrochen – obwohl es große Nachfragen im Bereich „Color-Tattoos“ gebe. „Wir müssen natürlich aktuell viele Anfragen noch in diesem Jahr vor dem Farbverbot abarbeiten“, sagt Seegert. „Viele Kunden rufen panisch an und fragen, ob es wirklich stimmt.“

Die Tätowiererin: „Wir sehen optimistisch in die Zukunft und hoffen auf unsere Farbhersteller.“ Die hätten schließlich auch ein Interesse daran, entsprechende Produkte auf den Markt zu bringen; das Verbot betreffe die ganze EU. Weitergehen werde es auf jeden Fall – es bedürfe nur Zeit, um alternative Produkte zu finden.

Illegale Tätowierungen werden ansteigen

Doch das würden nicht alle tun. Wie ihre Kollegin Andrea Brodowski geht sie davon aus: „Die Illegalität wird ansteigen.“ In irgendwelchen Kellern werde es auch weiterhin bunte Tattoos geben. „Die, die es ordentlich machen, sind die Gelackmeierten“, so Seegert. Dabei wisse jeder Tätowierer, dass das Verbot kommt. Schon beim Farbenkauf werde darauf hingewiesen.

So richtig nachvollziehen können sie das Verbot nicht. „Jeder kann selbst entscheiden, ob er sich tätowieren lässt“, sagt Brodowski. Niemand werde gezwungen. Rauchen und Alkohol trinken sei auf der anderen Seite ja auch erlaubt.

Jeder Kunde würde auf mögliche Risiken hingewiesen. Seegert: „Wir machen klar, dass Tätowierungen ein Eingriff in das größte Organ des Menschen sind: die Haut.“ Ebenso werde klar gemacht, dass sich die Farben über die Jahre veränderten. Bevor es mit dem Stechen losgehe, müssten Kunden zudem einen Anamnesebogen ausfüllen. „Wer Blutverdünner nimmt, kommt gar nicht erst dran.“ Und überhaupt: Hygiene – dazu gehört natürlich die Desinfektion vor dem dem Start – würde nicht erst seit Corona groß geschrieben.

 Auch die Arbeit der Kosmetikerin Andrea Brodowski aus dem House of Art wird durch das Farben-Verbot erschwert.
Auch die Arbeit der Kosmetikerin Andrea Brodowski aus dem House of Art wird durch das Farben-Verbot erschwert. © Wiechowski

Kosmetiker trifft das Verbot auch

Das Verbot betrifft nicht nur Tätowierer, sondern auch Kosmetiker. Andrea Brodowski bietet im „House of Art“ unter anderem Permanent-Make-Up an. Das sind spezielle kosmetische Tätowierungen. „Es geht um Empfindung und nicht nur um Schönheit“, sagt sie. Unter ihren Kunden sind Menschen, die ohne Augenbrauen geboren sind. Oder Menschen, die nach einer Krankheit ihre Brustwarzen verloren haben. Mit dem Permanent-Make-Up gibt Brodowski Lebensqualität zurück. Das gleiche gelte auch für Kunden, die ihre 30 bis 40 Jahre alten Tattoos auffrischen lassen, weil diese nicht mehr schön aussehen würden.

Auch Brodowski trifft das Verbot hart: „Ich arbeite eigentlich nie mit Schwarz“, erklärt sie. Beispiel Augenbrauen: Die Farben hierfür basierten zumeist auf Braun. Auch sie hoffe sehr, dass es neue Farben geben wird, die den neuen Anforderungen entsprechen. Doch ganz einfach sei auch das nicht. „Mit den neuen Farben muss ich mich komplett neu einarbeiten.“

Relativ entspannt sieht man die bevorstehende Veränderung beim Studio Tattooart Sauerland. „Wir arbeiten großteils mit Schwarz“, sagt Shopmanagerin Korinna Kaniut im Gespräch. Deswegen seien sie nicht ganz so stark von dem Verbot betroffen. Auf der Homepage des Studios können viele realistische Tierportraits in Schwarz-Grau bestaunt werden. In dem Böddinghauser Studio kämen nur vereinzelt bunte Farben zum Einsatz, wie Kaniut erklärt. Hier heiße es nun erstmal abwarten, wie es ab nächstem Jahr weitergeht.

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