Bürgerforum zum Waldsterben

„Müssen dem Wald wieder auf die Füße helfen“: Experten zur Zukunft der heimischen Fichte

So wie hier in der Nähe der Hachmecke wurden immer mehr Bestände der heimischen Wälder in den vergangenen Jahren gerodet. Vor allem der Borkenkäfer setze den Bäumen zu, Ursache für das Waldsterben sei aber der menschengemachte Klimawandel.
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So wie hier in der Nähe der Hachmecke wurden immer mehr Bestände der heimischen Wälder in den vergangenen Jahren gerodet. Vor allem der Borkenkäfer setze den Bäumen zu, Ursache für das Waldsterben sei aber der menschengemachte Klimawandel.

Unübersehbar sind die Schäden in unseren Wäldern. Jörn Hevendehl, Leiter des Regionalforstamtes Märkisches Sauerland, baute seinen Vortrag beim ersten digitalen Bürgerforum am Mittwochabend (1. September) rund um zwei Fragen auf: „Was passiert da in ,unseren‘ Wäldern vor der Haustür?“ und „Die Schuldfrage: Wer hat das zu verantworten?“ Mitgebracht hatte er einige aussagekräftige Folien, die an vielen Stellen nachdenklich stimmen.

Plettenberg – Unser Wald, den wir gerne zu Spaziergängen und für andere Freizeitaktivitäten nutzen, gehört „uns“ gar nicht. Zu 83 Prozent ist er Privateigentum, acht Prozent gehört Städten und Gemeinden und neun Prozent ist Landeswald. Katharina Esser, 1. Vorsitzende der Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Plettenberg ergänzte: „Wir zählen in Plettenberg zurzeit 155 Mitglieder mit circa 3.200 Hektar Wald.“ Um den Teilnehmern eine Vorstellung eines Hektars zu geben, erklärte sie, dass das Plettenberger Rathaus mitsamt dem Innenhof ziemlich genau einem halben Hektar entspricht.

Die Schuldfrage

Eingehend erklärte Hevendehl die Zusammenhänge des menschengemachten, globalen Klimawandels, der sich zwangsläufig auch bei uns bemerkbar mache. Sein Fazit: „Grundsätzlich muss sich etwas ändern – der Wald kommt auch ohne uns aus!“

Daher gebe es, wie in den letzten Jahren hautnah erlebt, heiße und trockene Sommer oder auch kühlere Perioden. Wetterextreme wie Stürme mit Namen Kyrill oder Friederike machten sich zerstörerisch bemerkbar.

Die Folgen

„Wir hatten“, so Hevendehl, „in den letzten Jahren, wider die Norm, langanhaltenden Ostwind, der stets Trockenheit mit sich führt“. Gerade in unserer Region habe in den Jahren 2018/19 und 2020 eine extreme Dürre geherrscht.

Der Boden trocknete aus und die Wurzeln der Bäume, die nicht tief genug in den Boden reichten, transportierten in ihren Kapillaren keine Feuchtigkeit, sondern Luft. Die Bäume würden austrocknen, produzierten kein Harz mehr und würden für Schädlinge wie den Borkenkäfer angreifbar. Das Wurzelwerk sei gestresst und bei Wind rissen die Feinwurzeln. Der Baum verliere die Standfestigkeit und falle dem nächsten Sturm zum Opfer. Mit der Menge an Schadholz falle natürlich auch der Preis. Ein Teufelskreis: Wer ist schneller, der fallende Baum oder der fallende Preis?

Schuld am Baumsterben sei also nicht der Borkenkäfer. Der sei nur Nutznießer unseres Verhaltens.

Aussichten

Ulrich Schulte, Plettenberger Bürgermeister und Moderator des Zoom-Meetings, stellte provokant die Frage: „Warum denn überhaupt noch anbauen, wenn kein Geld mehr damit zu verdienen ist?“ Henning Stolz, Plettenberger Revierleiter, erklärte: „Manche wollen den Wald einfach sich selbst überlassen und meinen, dass die Natur das selbst regeln würde.“ Das sei keine Lösung. Es sei ein berechtigter Anspruch der Waldbesitzer, doch einen gesunden Wald wieder zu bekommen. „Birke und Fichte werden wiederkommen.“ Hevendehl ergänzte: „Jeder Baum hat seinen Schädling, der bei gesunden Wäldern aber keine Chance hat. Wir setzen da auf Eiche, Buche, Birke und Fichte, möglich sind auch andere europäische Baumarten.“

Björn Oliver Grüber, stellvertretender Vorsitzender der Plettenberger SPD, meinte, dass viele Kleintiere wie Vögel und Eichhörnchen doch auch andere Baumarten in den Wäldern verteilen. Jörn Hevendehl pflichtete ihm bei: „Diese Solitäre (einzelne Bäume) bleiben nach dem Integrationsprinzip.“

Schleusingen

Jörg Zinn, Beigeordneter in der Plettenberger Partnerstadt Schleusingen, berichtete von einer ähnlichen Gemengelage in seiner Region. Baumsterben, Schadholz und kahle Berge. Sie nutzten zur Aufforstung zusätzlich die Douglasie und Weißtanne. Eine Besonderheit scheint es bei ihm zu Hause zu sein, dass die Waldbesitzgemeinschaften meistens Erbengemeinschaften sind. Da wollten immer viele Meinungen berücksichtigt werden.

Dirk Finder, Plettenberger SPD-Ratsmitglied, sorgte sich darum, dass der Borkenkäfer längst noch nicht gestoppt sei, und die Bauindustrie nicht mehr mit heimischem Holz versorgt werden könne. Henning Stolz: „Wir werden Bauholz aus anderen Ländern importieren müssen und werden verstärkt bei uns auf Birke setzen.“

Der Boden

Ein weiterer Diskussionspunkt war die Bodenbeschaffenheit. Hevendehl: „Unsere Waldflächen weisen zu 15 Prozent hochverdichteten Boden auf. Eigentlich ein geringes Übel. Jedoch ist Holz schwer und die Maschinen, die Holz ernten und transportieren, sind gleichfalls schwer. Der Trend wird zu leichteren Maschinen und alternativen Transportmöglichkeiten gehen, wenn die Gesellschaft dieses bezahlt.“

Katharina Esser stellte fest, dass frühestens unsere Enkel wieder vom Wald profitieren könnten, und: „Wir müssen dem Wald wieder auf die Füße helfen. Dabei sind in der Waldwirtschaft Ökonomie und Ökologie nicht gegensätzlich: Holz, das schneller wächst, bindet auch schneller das schädliche CO2.“

Carina Hennecke von den Grünen regte an, die Kalamitätsflächen verstärkt für den Bau von Windkraftanlagen zu nutzen.

Das erste digitale Bürgerforum

„Wir haben durch Corona diese Möglichkeit bei Ratssitzungen bereits genutzt. Was jetzt beim Bürgerforum mir aufgefallen war, ist, dass sonst bei Präsenz-Bürgerforen mehr Menschen teilnehmen“, erklärt Bürgermeister Ulrich Schulte. „Vielleicht scheuen sich einige, über das Internet teilzunehmen, oder sie haben nicht die technischen Möglichkeiten zu Hause. Wir werden das in einem Arbeitskreis diskutieren. Vielleicht kommt dabei eine hybride Lösung heraus, indem Menschen im Ratssaal und andere von zu Hause aus am Computer oder Smartphone teilnehmen. Fachleute können auch digital hinzugeschaltet werden und brauchen nicht nach Plettenberg zu kommen.“

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