Medikamenten-Engpässe

Lieferprobleme bei vielen Arzneien

Deutscher Apothekentag 2019
+
Aktuell kommt es zu Lieferengpässen. 

Plettenberg – Lieferengpässe bei Medikamenten sind für die heimischen Apotheken ein Dauerthema. Das Ausweichen auf andere Präparate bedeutet dabei einen hohen zeitlichen Aufwand. Große Hoffnung auf Besserung der Lage hat man derzeit nicht.

Wie lange gibt es die Engpässe schon?

Beim Zeitraum sind sich die Plettenberger Apotheker nicht ganz einig, ob die Engpässe nun ein Jahr, anderthalb oder sogar schon zwei Jahre andauern. Auf jeden Fall sind alle davon betroffen. „Das ist ein Dauerthema für uns“, sagt Apotheker Jörg Düerkop von der Wieden-Apotheke. Ralf Brensel von der Engel-Apotheke meint: „Es wird immer schlimmer, dass immer mehr nicht lieferbar ist.“ Die Medikamentenknappheit sieht auch Wernhard Dilthey, Inhaber der Victoria-Apotheke, meint aber im Gegensatz zu seinen Kollegen, dass sich die Situation gebessert habe. „Ich würde nicht direkt behaupten, dass es eine Notsituation ist.“ Trotzdem sagt er: „Es ist nach wie vor viel häufiger als vor zwei, drei Jahren, dass Medikamente von Herstellern nicht lieferbar sind.“

Welche Medikamente sind betroffen?

„Das betrifft inzwischen alle möglichen Arzneimittelgruppen“, sagt Ralf Brensel von der Engel-Apotheke. „Es geht querbeet.“ Das bestätigt auch Jörg Düerkop. Die Lieferengpässe beträfen rund 200 Medikamente in unterschiedlichen Packungsgrößen und Dosierungen. 

Die Knappheit betrifft unter anderem Bluthochdrucktabletten, und das schon eine ganze Zeit lang, aber auch Schilddrüsentabletten und Psychopharmaka. „Auch bestimmte Antibiotika sind im Moment nicht lieferbar.“ 

Laut Jessica Djürken von der Märkischen Apotheke gehören außer diesen Medikamentengruppen auch Magentabletten und Schmerzmittel zu denen, bei denen es Lieferschwierigkeiten gebe. „Es geht tagtäglich so, dass Kunden nach Medikamenten fragen, die nicht lieferbar sind.“

 Aktuell warte man auf fast 300 Packungen unterschiedlicher Medikamente. „Es gibt zum Beispiel einen neuen Gürtelroseimpfstoff, der schon nicht mehr lieferbar ist“, sagt Djürken. Das bedeutet, dass Patienten, die eine erste Impfung mit dem neuen Medikament erhalten haben, keine zweite Impfung erhalten können.

Wie reagieren Apotheken und Patienten darauf?

Man versuche dann, auf Alternativpräparate auszuweichen, die zum Teil sogar den gleichen Wirkstoff und die gleiche Dosierung enthalten, manchmal aber auch nicht, sodass statt einer ganzen dann eine halbe Tablette genommen werden müsse, erklärt Düerkop. 

In einigen Fällen sind aber Wirkstoffe nicht lieferbar, sodass Patienten auf ein ganz anderes Medikament eingestellt werden müssten. Rücksprache mit den Ärzten, Suche nach Alternativen, die Kunden zur Einnahme beraten – all das ist mit großen zeitlichen Aufwand für die Apotheker verbunden. „Es hält auf, es nervt uns und es nervt auch die Ärzte, wenn wir für den zehnten Kunden anrufen müssen, weil es sich um ein Standardmedikament handelt“, sagt Jörg Düerkop. 

„Die Kunden sind auch unzufrieden, wenn wir das gewohnte Medikament nicht haben, obwohl wir in der Apotheke gar nichts dafür können.“ Wernhard Dilthey kann den erheblichen Mehraufwand bestätigen und schätzt: „Am Tag gehen 20 Prozent der Zeit für Diskussionen mit Patienten drauf.“ Dass die Kunden nur ungern wechseln wollten, könne er verstehen.

 „Es ist eine Riesenverunsicherung damit verbunden“, sagt Dilthey. Das sei umso mehr der Fall, wenn man auf ein komplett anderes Präparat ausweichen müsste. Negative Kundenreaktionen, wenn ein Medikament nicht verfügbar war, hat Ralf Brensel eher zu Anfang der Engpässe erlebt. „Aber da das Thema in den Medien ist, wissen die Kunden Bescheid und haben durchaus Verständnis dafür.“ Schließlich betreffe das Thema alle Apotheken

Welche Ursachen gibt es für die Knappheit? 

„Die Ursachen dafür sind vielschichtig und von Wirkstoff zu Wirkstoff unterschiedlich“, sagt Brensel. Allerdings käme jetzt alles auf einmal zusammen. „Ein Grund sind die Rabattverträge der Krankenkassen, obwohl die sich dagegen wehren, dass sie etwas damit zu tun haben“, sagt Apotheker Dilthey. Durch die Rabattverträge würden Medikamente bestimmter Substanzklassen nur von sehr wenigen Herstellern produziert – wenn diese nicht liefern können, gibt es keine anderen Lieferanten. 

Denn ohne einen solchen Vertrag würden, wie Brensel erklärt, Hersteller die Produktion eines Präparats einstellen. Als Grund für die Knappheit von Medikamenten wird außerdem angeführt, dass manche Grundstoffe nicht lieferbar sind. Bei einem Bluthochdruckmedikament seien zum Beispiel in einem Grundstoff Verunreinigungen festgestellt worden, wodurch dieses nicht mehr lieferbar war, gibt Dilthey ein Beispiel.

 Brensel nennt den Ausfall von Produktionsstandorten, etwa in Indien oder China, als Grund für die Knappheit bestimmter Wirkstoffe. Apothekerin Djürken verweist zudem auf den Coronavirus als Grund für Lieferengpässe. In China würden wegen der Coronavirus-Epidemie derzeit nämlich Produktionsstandorte ausfallen. Dilthey ist in dieser Hinsicht skeptisch. Insbesondere darüber, inwiefern sich der Virus auf die Produktion in China auswirke, werde viel spekuliert, sagt Dilthey: „Keiner weiß, wie viele Grundstoffe aus China bezogen werden.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare