Impffortschritte in den Praxen

Kritik der Hausärzte: Lockerungen ja - aber nicht in diesem Maße

Dr. Martin Dillenberger geht davon aus, dass die Zeit der Impfstoff-Knappheit Geschichte ist.
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Dr. Martin Dillenberger geht davon aus, dass die Zeit der Impfstoff-Knappheit Geschichte ist.

Geimpft wird nicht nur bei Sonderaktionen in Krankenhäusern und Impfzentren, sondern auch kontinuierlich bei den niedergelassenen Ärzten. Wir haben in zwei Plettenberger Praxen nachgefragt, wie sich die Impfsituation aktuell darstellt. Die Zeit der Impfstoffknappheit halten die heimischen Ärzte für überwunden. Kritisch sehen sie allerdings die jüngsten Lockerungen.

Plettenberg – Geimpft wird nicht nur bei Sonderaktionen in Krankenhäusern und Impfzentren, sondern auch kontinuierlich bei den niedergelassenen Ärzten. Wir haben in zwei Plettenberger Praxen nachgefragt, wie sich die Impfsituation aktuell darstellt. Die Zeit der Impfstoffknappheit halten die heimischen Ärzte für überwunden.

In der vergangenen Woche – einen Impftag an diesem Samstag mitgezählt – habe Dr. Martin Dillenberger in seiner Praxis circa 250 Impfungen durchgeführt. Insgesamt komme er damit seit Beginn der Impfungen auf etwa 1 150 verimpfte Vakzin-Dosen. „Das ist aber nur möglich, weil jetzt ausreichend Impfstoff da ist.“

„Rasch abarbeiten“

Einen Mangel gebe es aus seiner Sicht nicht mehr. Damit habe sich das Bild gegenüber der Situation noch vor einigen Wochen deutlich gewandelt. Die Menge, die er als Hausarzt bestellen kann, sei nicht mehr limitiert. Er bestelle soviel, wie er auch verimpfen kann. Denn daneben müsse schließlich auch noch der normale Arbeit in seiner Praxis erledigt werden. „Wir sind in einer Situation, dass wir die Patienten relativ rasch abarbeiten können“, so Dillenberger.

Infolge der Empfehlung zu einer Kreuzimpfung – ein mRNA-Impfstoff wie Biontech als zweite Dosis nach einer Erstimpfung mit Astrazeneca – bestelle er keinen weiteren Astrazeneca-Dosen mehr. Wünsche einiger Patienten nach einer Zweitimpfung mit Biontech könnten hingegen erfüllt und Termine vorgezogen werden. Insgesamt habe sich der zusätzliche Stress wegen Terminumbuchungen aber in Grenzen gehalten, so Dillenberger. „Im Großen und Ganzen herrscht allgemeine Zufriedenheit.“

Vor einem Impftermin werden die Patienten von Dillenbergers Praxis noch einmal kontaktiert. Dabei komme manchmal heraus, dass Patienten schon anderswo geimpft wurden, zum Beispiel in einem Impfzentrum. „Es ist aber bisher noch nicht vorgekommen, dass jemand zu einem vereinbarten Termin nicht erschienen ist“, so Dillenberger. Man habe zudem immer genug Leute gefunden, um alle vorhandenen Impfdosen zu verimpfen.

Schon viele geimpft

„Wir haben noch nicht eine Dosis weggeworfen und ich hoffe nicht, dass das noch passiert“, sagt Dr. Olaf König. Seine Praxis plane die Impftermine entsprechend und bestelle nur so viele Impfdosen wie benötigt. Vor zwei Wochen habe König in seiner Praxis 24 Dosen verimpft, in der kommenden sollen es noch einmal 18 sein. „Wir werden schon Mühe haben, die zu verimpfen.“

Denn bei den Rückmeldungen seiner Patienten stelle er fest, dass die meisten bereits geimpft sind. Als der Impfstoff noch knapper war, habe König den Patienten auf seiner Warteliste nämlich empfohlen, auch andere Impfmöglichkeiten zu nutzen, zum Beispiel in Impfzentren oder über die Betriebsärzte. Offenbar haben einige das auch getan. „Damit wir besser planen können, wäre es wichtig, Termine abzusagen, wenn man schon anderswo geimpft wurde“, sagt König. Die meisten täten das, aber leider nicht alle.

Noch nicht vorbei

Die zahlreichen Impf-Sonderaktionen, zum Beispiel im Impfzentrum in Lüdenscheid oder im Radprax-Krankenhaus, sieht König als Zeichen dafür, dass Impfstoff inzwischen ausreichend vorhanden ist.

„Man muss aber aufpassen, dass man nicht überversorgt ist und den Impfstoff nicht mehr verbrauchen kann. Dazu ist er zu teuer und zu wertvoll und er wird weltweit gebraucht.“ Denn die Pandemie sei noch lange nicht vorbei. „Weltweit ist das Virus noch voll in Fahrt.“ Es sei in der Lage weiter zu mutieren. Und auch in Deutschland habe man – trotz Impfaktionen – „noch keine Durchimpfung, wie wir sie haben sollten“, betont König.

Lockerungen ja – „aber nicht in dem Maße“

Dr. Olaf König sieht die weitreichende Aufhebung vieler Corona-Beschränkungen kritisch.„Ich hätte mir Lockerungen gewünscht, aber nicht in dem Maße“, sagt er und appelliert an die Bürger, weiter vorsichtig zu sein. Er erinnert an das vorige Jahr, als nach ruhigen Sommermonaten im Herbst die Infektionszahlen stark anstiegen. „Wenn wir nicht aufpassen, haben wir die vierte Welle.“ Deswegen hätte man auch dafür sorgen müssen, dass das Virus nicht wieder von außen ins Land hineingetragen wird. „Ich halte es auch für falsch, dass die Bundesländer es alle anders machen“, kritisiert er den Vorstoß von NRW in Sachen Lockerungen. Aber nicht nur in Deutschland wünscht er sich eine bessere Zusammenarbeit. „Wir werden die Pandemie nur beherrschen können, wenn wir sie weltweit beherrschen und auch in den Entwicklungsländern bekämpfen.“ Hier sieht er unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in der Pflicht, für gut koordinierte Aktionen – wie den schwierigen Transport der empfindlichen Vakzine in Entwicklungsländer – und allgemein für eine zukunftsfähige Pandemiebekämpfung zu sorgen.

Dr. Martin Dillenberger freue sich zwar über die Lockerungen („Die Fallzahlen sind stark zurückgegangen – das ist ein Erfolg des Impfens“), doch der Hausarzt betrachtet die Entwicklung auch mit Sorge. „Dass man dieses zarte Pflänzchen – den Impferfolg – zugunsten von Massenveranstaltungen möglicherweise opfert, finde ich nicht gut“, sagt Dillenberger und mutmaßt: „Vielleicht ist das schon Wahlkampf.“ Kleinere Lockerungen hätte er befürwortet, wäre aber gerade bei größeren Events vorsichtiger gewesen. „Unsere individuellen Freiheiten setzen wir möglicherweise aufs Spiel.“ Erneute Einschränkungen hält er bei wieder steigenden Infektionszahlen durchaus für möglich. „Man sollte dabei auch an die Kinder in Schulen und Kitas denken.

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