Leiter der Hallenschule im Interview über mehr als vier Jahrzehnten im Schuldienst

Kollegium verabschiedet Schulleiter Gerhard Haas mit Autokorso in den Ruhestand

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Gerhard Haas hat mehrere Jahrzehnte als Lehrer und Schulleiter gearbeitet. Am Ende des vergangenen Schuljahres wurde er in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet.

Plettenberg/Herscheid – Nach mehr als vier Jahrzehnten im Schuldienst, die Hälfte davon an der Hallenschule, geht Schulleiter Gerhard Haas nun in den Ruhestand. Seine Kollegen bereiteten ihm einen besonderen Abschied.

Nicht nur das Schuljahr ging kürzlich zu Ende, für Gerhard Haas endet damit auch ein Lebensabschnitt. Mehr als 20 Jahre war Haas an der Hallenschule beschäftigt, viele Jahre davon als Rektor. Jetzt geht er in den Ruhestand. Natürlich wollten ihn weder das Kollegium noch die Mitarbeiter der Hallenschule einfach so ziehen lassen. Zwar verkomplizierte Corona die Planungen eines zünftigen Abschieds, doch schließlich fand man eine Lösung, die allen, auch den mittlerweile aufgehobenen, Kontaktbeschränkungsanforderungen standhielt: ein Autokorso zu Haas’ Haus in Herscheid.

Am Donnerstagnachmittag der vorigen Woche saß Haas mit seiner Frau im Garten und genoss das schöne Sommerwetter, als plötzlich mehrere Autos laut hupend die Straße entlang fuhren. Kurz darauf ertönte mit „You’ll never walk alone“ das Lied, das vor jedem Heimspiel des BVB von tausenden Fans inbrünstig gesungen wird. Als Haas über die Gartenhecke blickte, standen ihm Überraschung und Rührung ins Gesicht geschrieben. Entlang der Straße standen Schulangehörige in BVB-Kluft und hielten Schilder in die Höhe. „Danke“, „Alles Gute“ und „Wir sehen uns“ war unter anderem zu lesen.

Mit einem Autokorso und vielen Geschenken verabschiedeten sich das Kollegium und Mitarbeiter der Hallenschule von BVB-Fan Haas.

Ganz im Zeichen des Revierclubs waren auch die Geschenke, die Haas anschließend im Garten überreicht wurden: ein schwarz-gelber Fahrradanhänger, geschmückt mit farblich passenden Luftballons und bestückt mit einer Erstausstattung für künftige Radtouren. Zudem gab es einen Gutschein für ein Restaurant am Phoenix-See sowie einen weiteren Gutschein für eine Stadionführung. Zu letzterer sagte Haas, er wolle seine Enkelkinder mitnehmen, um ihnen die Kultur näher zu bringen. Es folgte ein gemütliches Beisammensein mit Getränken und Knabbereien, Geschichten und Erzählungen. Schließlich gab es noch ein ‚Mannschaftsfoto’, zu dem Haas es sich nicht nehmen ließ, ebenfalls ein Trikot überzustreifen und trotz Sommerhitze samt Schal und Kappe zu posieren.

Über seinen Abschied und seine lange Schullaufbahn hat Gerhard Haas mit unserer Redaktion im Interview gesprochen:

Sie gehen nach mehr als 40 Jahren in den Ruhestand. Hatte die Corona-Krise, die das vergangene Halbjahr bestimmt hat, auf diese Entscheidung irgendeinen Einfluss?

Gerhard Haas: Nein. Es ist nicht so, dass ich sage: Wegen Corona hab ich den Kaffee auf. Das wäre nie ein Grund gewesen zu gehen. Aber nach 41 Jahren – das Studium und die Bundeswehrzeit mitgerechnet 46 Jahren – im Schuldienst war der Zeitpunkt, um Schluss zu machen. Ich hatte das bereits am Ende des letzten Schuljahres beschlossen. Man muss sein Alter – ich werde im Oktober 65 Jahre alt – anerkennen und sollte es nicht übertreiben.

Vermissen Sie die Schule bereits?

Haas: Noch nicht, ich bin ja noch hier. Ich war gerne an der Schule, es hat mir die meiste Zeit Freude gemacht mit Eltern, Kindern und dem Kollegium. Ob ich dann im Herbst sage, ich würde doch wieder gerne in die Schule, weiß ich nicht. Ich freue mich aber jetzt auf einen neuen Lebensabschnitt. Ich kann dann mit meinen drei Enkeln nicht nur sonntags, sondern auch wochentags Zeit verbringen. Und man weiß nie, wie lange das Leben im Ruhestand noch dauert.

Sie sagen es, Sie sind immer noch in der Schule, dabei war Freitag der letzte Schultag. Ist denn durch Corona so viel liegen geblieben?

Haas:  Natürlich sind durch Corona Dinge liegen geblieben, aber das ist auch in anderen Schuljahren so. Ich bin dann immer in der ersten Ferienwoche in der Schule, kümmere mich um Post, Emails und beschäftige mich mit dem Stundenplan für das nächste Schuljahr. Es wird alles so aufgearbeitet, damit ich es mit meiner Nachfolgerin durchgehen und die Schule ordentlich übergeben kann. Ich treffe aber keine Entscheidungen mehr, die das neue Schuljahr betreffen, wenn, dann nur im Einverständnis mit anderen. Nicht dass man hinterher sagt: Das hat er uns noch eingebrockt.

Wie hat sich Schule während Ihrer Laufbahn verändert?

Haas:  Schüler und Eltern haben sich zum Beispiel verändert. Die Elternarbeit und die Arbeit mit den Schülern – ihnen zu erklären, was sie machen sollen und warum – ist mehr geworden. Wenn früher ein Lehrer etwas sagte, hatte das für 95 Prozent der Leute Gewicht. Da wurde nicht nachgefragt, dabei hätte man das auch damals mehr tun können, denn das ist ja nicht schlecht. Es ist richtig, nachzufragen, wenn etwas unklar ist, es ist unsere Aufgabe als Lehrer und Schulleiter, das zu erklären. Gutes Verständnis ist wichtig für eine gelungene Unterrichtsarbeit und mit gegenseitigem Vertrauen ist vieles einfacher. Aber über Allgemeinplätze zu diskutieren, zum Beispiel ob ein Schüler seine Mütze absetzt – das hätte es 1979 nicht gegeben.

Was waren in Ihrer Schullaufbahn – abgesehen von Corona – die größten Herausforderungen?

Haas:  Da gab es einige. Als in den 90er Jahren nach dem Mauerfall viele Menschen aus den Ostblockstaaten kamen, war das eine sehr anstrengende Zeit. Es war beispielsweise aufwändiger, Arbeitsblätter zu erstellen mit unterschiedlich schwierigen Aufgaben, denn wir hatten nur wenige Computer. Heute ist das einfacher. Dann gab es die Flüchtlingswelle ab 2015. Die Kinder konnten wir oft nur für kurze Zeit beschulen, weil sie dann woandershin gezogen sind. Das war eine sehr arbeitsreiche Zeit. Dann war da die Einführung des OGS ab 2008, die mit der Zusammenlegung der beiden Schulstandorte zusammenfiel. Am Anfang waren wir froh, wenn sich genug Leute angemeldet haben, heute betreuen wir mehr als 100 Schüler und haben Wartelisten. Und mit der Einführung der Inklusion wurde ebenfalls völliges Neuland betreten. Bei vielen Kindern ist mit Unterstützung die Inklusion gut machbar über die Zeit, aber leider wird diese Aufgabe, in Zeiten großer Klassen und mit weniger ausgebildeten Lehrern, immer schwieriger.

Ist der Lehrermangel so akut, trotz Seiteneinsteigern?

Haas:  Ja, gerade an den Grundschulen ist der Mangel eklatant. Es gibt nur noch wenige Bewerber auf die offenen Stellen, bis vor wenigen Jahren war das anders. Es gibt viele gute Seiteneinsteiger, die Fächer wie Sport, Kunst, Musik oder auch Englisch geben können. Aber wir brauchen auch Leute, die die Kernfächer unterrichten und eine Klassenleitung übernehmen können, und da wird es schon schwierig.

Zur Person:

Gerhard Haas, geboren 1955, stammt aus Andreasberg im Hochsauerland. Nach dem Studium in Paderborn (Mathematik, Geografie und Geschichte) machte er 1979 sein Referendariat in Altena-Evingsen. Von 1981 bis 1998 unterrichtete er an der Grundschule Herscheid, danach kam er an die Hallenschule, zunächst als stellvertretender, dann ab 2002 als Schulleiter. Seit der Zusammenlegung mit der Grundschule Ohle 2008 war er als Schulleiter für beide Schulstandorte verantwortlich.

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