Michael Achenbach aus Plettenberg

Kinder impfen lassen oder nicht: Was ein Kinderarzt aus dem MK dazu sagt

900 Corona-Impfungen hat Kinder- und Jugendarzt Michael Achenbach bereits durchgeführt, davon 100 für Kinder und Jugendliche.
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900 Corona-Impfungen hat Kinder- und Jugendarzt Michael Achenbach bereits durchgeführt, davon 100 für Kinder und Jugendliche.

Vor dem Hintergrund steigender Infektionszahlen und dem nahenden Beginn des neuen Schuljahres rücken Impfungen für Kinder und Jugendliche immer mehr in den Fokus. Auch wenn es von der Ständigen Impfkommission (Stiko) noch keine allgemeine Empfehlung für die Impfung der 12- bis 17-Jährigen gibt, wird diese Altersgruppe in Kinderarztpraxen schon geimpft – auch beim Plettenberger Kinder- und Jugendarzt Michael Achenbach.

Plettenberg – „Seit April haben wir 900 Corona-Impfungen gemacht, also Vakzin-Dosen verimpft“, verrät Achenbach. Bis zu 100 dieser Dosen injizierte er Kindern und Jugendlichen. Damit folgt der Mediziner der derzeit gültigen Empfehlung der Stiko. Explizit empfiehlt die Impfkommission die Imfpung von 12- bis 17-Jährigen mit bestimmten Vorerkrankungen, aber auch nicht vorerkrankte Kinder und Jugendliche können geimpft werden. „Die Impfkommission hat gesagt, wir dürfen impfen mit erhöhtem Aufklärungsvorbehalt.“ Und genau daran hält sich Achenbach auch.

Obwohl er eigentlich ein Kinder- und Jugendarzt ist, impft er seit Beginn der Impfkampagne auch zahlreiche Erwachsene. „Die Mehrzahl der Patienten war vorher nicht bei mir in Behandlung, weil wir angeboten haben praxisfremde Personen mitzuimpfen.“ Der Hausarztmangel in Plettenberg habe auch eine Rolle bei der Entscheidung gespielt, als Kinder- und Jugendarzt die Hausärzte beim Impfen zu unterstützen. In Pandemiezeiten müsse man zusammenarbeiten.

„Wir wollen möglichst schnell möglichst viele Menschen impfen – da haben andere Sachen zurückzustehen“, erklärt Achenbach. „Wir haben gesagt, wir verschieben lieber die eine oder andere Vorsorge – wir haben Pandemie.“ Man habe sich für das Impfen entschieden und gehe dabei sehr vorsichtig vor. Das gilt insbesondere bei den Kindern und Jugendlichen.

Verständnis für die Stiko

Auch wenn die Stiko noch keine allgemeine Impfempfehlung ausgesprochen hat, kann Achenbach die Kritik an der Stiko für diese Haltung nicht nachvollziehen: „Das Bashing der Stiko ist völlig unnötig.“ Forderungen nach dem Motto „Gebt uns eine Empfehlung, die weniger vorsichtig ist“ teilt er nicht, wirbt stattdessen um Verständnis für das vorsichtige Agieren der Impfkommission.

„Was viele nicht wissen: Der Hintergrund der Empfehlung ist, dass es in Israel bei jungen Männern vermehrt Herzmuskelbeschwerden nach der zweiten Impfung gegeben hat.“ Deswegen habe die Stiko gesagt, solange die Daten dazu nicht vorliegen, werde keine allgemeine Impfempfehlung ausgesprochen. „Diese Daten liegen inzwischen vor und werden ausgewertet“, so Achenbach. Deswegen werde die Stiko in den demnächst – nach Achenbachs Informationen in 12 bis 14 Tagen – eine neue Empfehlung herausgeben.

Achenbach kann andererseits nachvollziehen, dass einigen Kollegen der von der Stiko geforderte erhöhte Aufklärungsaufwand zu groß ist, um mitzuimpfen. Denn die Zeit der Ärzte sei nun einmal begrenzt.

Dreifacher Aufklärungsbedarf

Auch er hat bei der Impfung von Kindern und Jugendlichen mehr zu tun. „Es ist aufwändiger als bei Erwachsenen und geht nicht so schnell“, erklärt der Kinder- und Jugendmediziner. „Man muss streng genommen drei Personen statt eine aufklären: Den Impfling und beide Sorgeberechtigten.“ In letzterem Punkt gehe man pragmatisch an die Sache. „Wenn wir aus der Vergangenheit wissen, dass es bei den Sorgeberechtigten Differenzen beim Thema Impfen gibt, bestehen wir auf der Unterschrift von beiden, sonst reicht uns auch eine.“

Zum erhöhten Aufwand bei der Impfung der 12- bis 17-Jährigen gehöre auch, dass ganz genau überprüft werde, ob bei ihnen in der Vergangenheit kardiologische, also Herzprobleme vorlagen. Bei bereits bekannten Patienten nimmt dies logischerweise weniger Zeit in Anspruch als bei praxisfremden Personen, die sich bei Michael Achenbach impfen lassen möchten. Liegen kardiologische Probleme vor, warte man mit einer Impfung noch bis zu der neuen Stiko-Empfehlung, erklärt Achenbach, eben wegen der beschriebenen Herzmuskelbeschwerden, die nach Zweitimpfung bei jungen Israelis festgestellt wurden.

Schwierige Suche nach Impfwilligen

Den Kinder- und Jugendarzt beschäftigt beim Thema Impfen allerdings weniger die Debatte um die Stiko-Empfehlung als vielmehr ein anderes Problem: „Wir müssen sehr, sehr viel Aufwand betreiben, um Impfwillige zu finden.“

Das hat unterschiedliche Gründe. Nicht nur urlaubsbedingt laufen viele Anrufe bei Personen auf der Warteliste ins Leere. „Viele, die wir anrufen, sind schon geimpft“, berichtet Achenbach. Dass sie schon anderweitig geimpft wurden, teilen viele aber nicht mit. Hinzukommen die, die eine Impfung ablehnen. „Wir stellen fest, dass die, die jetzt noch nicht geimpft sind, große Vorbehalte haben.“ Sie zu überzeugen, sei schwierig.

„Am Dienstag hatte ich am Ende des Impftages drei Dosen übrig und musste 15 Telefonate führen, um drei Impflinge zu finden“, gibt Achenbach ein Beispiel von der Schwierigkeit, alle Dosen zu verimpfen. „Wir müssen aufpassen, dass der Impfstoff nicht schlecht wird. Die Astrazeneca-Dosen habe ich schon wegwerfen müssen“, sagt der Mediziner.

Damit das nicht bei noch mehr Vakzin-Dosen geschieht, vergibt Achenbach nun einen Teil seiner Termine über das Internet. Auf der Seite sofort-impfen.de können Impfwillige erfahren, welche Ärzte in ihrer Nähe noch Impfdosen übrig haben.

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