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„Jungtiere sind keine Waisen“: Darum sollten Rehkitz und Co. nicht angefasst werden

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Von: Johannes Opfermann

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Rehkitze und andere Jungtiere sind meist keine Waisen: Doch werden sie vom Menschen angefasst, verlieren sie ihren Eigengeruch und werden daraufhin vom Muttertier nicht mehr angenommen.
Rehkitze und andere Jungtiere sind meist keine Waisen: Doch werden sie vom Menschen angefasst, verlieren sie ihren Eigengeruch und werden daraufhin vom Muttertier nicht mehr angenommen. © Hegering-Mitglieder

Der Frühling ist da und damit auch die Brut- und Setzzeit. Damit sich Waldtiere wie Hasen, Rehe und Wildschweine aber auch viele Vogelarten ungestört um ihren Nachwuchs kümmern können, sind sie vor allem auf Ruhe angewiesen. Deswegen appelliert der Hegering an die Waldbesucher, insbesondere an Hundebesitzer, mehr Rücksicht zu nehmen.

Plettenberg – Die heimische Jägerschaft beobachtet fast täglich, dass der Respekt vor Wildtieren, Waldanpflanzungen und landwirtschaftlich genutzten Flächen immer mehr abnimmt, weiß Philip Plassmann, der beim Hegering Plettenberg für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, zu berichten. Das gilt für die Plettenberger Reviere genauso wie für die in den Nachbarkommunen. Dass es die Menschen gerade im Frühling zur Erholung in die Natur zieht, sei nur zu verständlich und dagegen sei auch nichts einzuwenden, solange sich alle an wichtige Verhaltensregeln hielten.

Rücksichtsloses und respektloses Verhalten

„Leider verhalten sich immer mehr Leute respekt- und rücksichtslos, auch wenn sie das teilweise gar nicht realisieren“, sagt Plassmann. Denn selbst wenn Waldbesucher gar kein Wild zu Gesicht bekommen, sehen oder wittern die Tiere den Menschen schon lange vorher und ergreifen die Flucht. Durch die Rodungen wegen der Borkenkäferschäden sind die Rückzugsräume und die Flächen für Nahrungssuche in den Wäldern ohnehin immer kleiner geworden. Hinzukommt der Lärm durch die Arbeit der Forstmaschinen selbst, der die Tiere kaum zur Ruhe kommen lässt.

Menschen im Wald – teilweise mit Hundebegleitung – verursachen gerade abseits der Hauptwege vor diesem Hintergrund dann noch einmal zusätzlichen Stress für die Waldtiere, erläutert der Jäger. Dabei brauchen sie insbesondere zur Setzzeit vor allem Ruhe. „Rehe, Hasen und Wildschweine bekommen jetzt und in den nächsten Wochen ihre Jungen und die werden zum Teil auf landwirtschaftlichen Flächen, Hecken und Walddickungen geboren“, erklärt Plassmann.

Gerade zur Brut- und Setzzeit benötigen die Tiere Ruhe. Waldbesucher, insbesondere mit Hunden, bedeuten für Wildschweine und andere Tiere großen Stress.
Gerade zur Brut- und Setzzeit benötigen die Tiere Ruhe. Waldbesucher, insbesondere mit Hunden, bedeuten für Wildschweine und andere Tiere großen Stress. © Hegering-Mitglieder

Vielen sei gar nicht bewusst, dass es gesetzlich vorgeschriebene Verhaltensanweisungen für Erholungssuchende, Radfahrer und Reiter in der Natur gibt. Diese seien zum betreffenden Thema nachzulesen im Landesnaturschutzgesetzes NRW, Paragraph 57-59, sowie im Landesforstgesetzes NRW, Paragraph 2 und 3, erläutert der Jäger.

Jungtiere nicht berühren

Zudem appellieren die Jäger dringend: „Gefundene Jungtiere sind in den häufigsten Fällen keine bedürftigen Waisenkinder und sollten niemals angefasst werden. Die Muttertiere befinden sich fast immer in der unmittelbaren Nähe und erscheinen erst, wenn die menschliche Bedrohung sowie die Hunde nicht mehr am Ort des abgelegten Jungtieres sind, um es dann zu säugen“, erklärt Plassmann. „Wenn man das Jungtier trotz Warnung anfasst, verliert das Tier seinen Eigengeruch und die Mutter nimmt es dann nicht mehr an. Das Jungtier müsste dann elendig verhungern.“

Appell an Hundebesitzer

Auf den landwirtschaftlich und forstlich genutzten Flächen dürften deshalb auch Hunde nicht frei herumlaufen oder mit ihnen gespielt werden. Genau das beobachten Plassmann und seine Jägerkollegen aber immer wieder. Wenn Hundebesitzer mit ihren Tieren unterwegs sind, sollten die Hunde auf ihre Kommandos hören. „Wenn das nicht der Fall ist, müssen sie zum Schutz der Wildtiere angeleint werden“, betont Plassmann.

Doch trotz wiederholter Appelle finde bei vielen Menschen kein Umdenken statt. Ihre Hunde sind unangeleint in Wald und Flur unterwegs, auch abseits der Wege und in teils großem Abstand zu den Haltern. Die könnten dann weder sehen, was ihre Hunde außerhalb ihres Blickfeldes machen, noch könnten sie dann noch eingreifen, so der Plettenberger Jäger.

Wenn die Hunde beim Herumstöbern im Gras zum Beispiel ein Kitz oder einen Junghasen entdecken, bei denen der Fluchtreflex noch nicht ausgebildet ist, geben Hunde manchmal ihrem Jagdinstinkt nach und betrachten die Jungtiere als Beute, wie in den letzten Jahren häufig beobachtet und nachgewiesen werden konnte. Genauso komme es vor, dass ausgewachsene Tiere gejagt und in die Enge getrieben werden. Erst Ende März gab es den Fall, dass in Eiringhausen ein Reh in die Enge getrieben und so stark verletzt wurde, dass es schließlich von seinen Qualen erlöst werden musste. Ob der Hund, der in der Nähe des Rehs mit blutverschmierter Schnauze fotografiert wurde, auch für die Verletzungen verantwortlich war oder nur an dem bereits verletzten Tier geschnüffelt hatte, ist noch unklar.

Natürlich seien große Hunde viel eher dazu in der Lage, ein Reh zu packen und herunter auf den Boden zu ziehen, sagt auch Plassmann. Das gelte umso mehr, wenn es gleich mehrere Hunde seien, die unerlaubte Jagd auf ein Reh machen. „Aber wenn ein Reh zum Beispiel schon erkrankt ist und sich zurückgezogen hat, kann auch ein kleinerer Hund – und Terrier sind schon wildscharf – ein Reh verletzen.“ Dass ein Wolf – eine Sichtung an der Nordhelle wurde kürzlich offiziell bestätigt – für die Tötung des Rehs verantwortlich ist, hält der Jäger dagegen für eher unwahrscheinlich. Ein Wolfsriss wäre an sehr markanten Einbissen erkennbar und von solchen sei in diesem Fall von offizieller Seite nichts berichtet worden.

Mountainbiker abseits der Wege unterwegs

Neben Hundebesitzern fühlen sich Tiere mitunter auch durch Freizeitsportler gestört, insbesondere durch Mountainbiker. Laut Wald- und Forstgesetz dürfen Mountainbiker nur auf ausgewiesenen Wegen fahren, nicht abseits davon, erklärt Plassmann. Bei den Strecken, die Teil des P-Wegs sind, drücke man ein Auge zu, aber abseits davon darf nicht im Wald gefahren werden. Trotzdem geschieht es immer wieder. Die vielen Zerstörungen durch das Juli-Hochwasser und die noch weiter fortgeschrittenen Forstarbeiten hätten nicht dazu geführt, dass der Radverkehr in den Wäldern rund um die Vier-Täler-Stadt merklich abgenommen hat.

Im Gegenteil – der Verkehr habe sogar noch zugenommen. Jäger wie Plassmann machen immer wieder die Beobachtung, dass Mountainbiker auf selbst angelegten Singletrails abseits der Wege unterwegs seien, auch solchen, die eben nicht zur P-Weg-Strecke gehören. „Es wird auch von E-Bike-Fahrern rücksichtslos querfeldein gefahren.“ Dabei gelte auch hier, dass die Radfahrer das Wild zwar nicht sehen, es aber verscheuchen. „Sie stören das Wild ungemein und das so nachhaltig, dass die Tiere erst sehr spät aus dem Wald herauskommen oder ein Gebiet bei dauerhafter Störung komplett meiden“, sagt Plassmann.

Daraus resultiert ein kostspieliges Sekundärproblem, denn das Wild kann somit häufig nicht zu seinen Äsungsflächen ausziehen. Sie verbleiben stattdessen in Junganpflanzungen im Wald und zerstören vom Hunger getrieben durch Schälen der Rinde und abfressen der Jungtriebe ganze Forstkulturen. Den Schaden hat dann der Waldbesitzer und wiederum der Jäger.

Häufig fänden die Förster und Jäger auch immer wieder Bauten, die offenbar von Mountainbikern angelegt wurden. „Das reicht von der kleinen Hütte über Schanzen bis zu ganzen Trails – das ist natürlich absolut verboten“, so Plassmann, der sich auch von dieser Gruppe von Waldnutzern mehr Rücksichtnahme wünscht. Der Hegering wolle das Gespräche mit Radsportvereinen und -verbänden suchen, damit dieses Verhalten aufhört.

Kitzrettung vor der Mahd

In einigen Wochen wird der Hegering sich allerdings selbst mit der Suche nach Kitzen beschäftigen. Kurz vor dem ersten Grasschnitt – Ende Mai, Anfang Juni – steht für die gesamte Jägerschaft die Kitzrettung an. Zu Fuß mit jagdlich geführten Hunden – die Kitze nur anzeigen, aber nicht berühren – und Drohnenunterstützung wird auf Wiesen verstärkt nach Kitzen gesucht, bevor diese gemäht wird.

Wenn Landwirte die Jäger frühzeitig informieren, können sogar noch am Vorabend der Mahd Plastikfolien aufgestellt werden. Im Wind verursachen diese unangenehme Geräusche, sodass die Ricken mit ihren Kitzen die Wiese verlassen und so am nächsten Morgen nur noch wenige Kitze gefunden werden. Wird die Mahd kurzfristiger mitgeteilt, sodass diese Form der Vergrämung nicht möglich ist, werden laut Plassmann entsprechend mehr Kitze entdeckt.

Der direkte Appell der Jäger an die Bürger lautet: „Bitte helfen Sie alle mit, unsere Natur, die Wildtiere und Pflanzen wieder mehr zu schützen, indem Sie alle mehr Rücksicht nehmen. Wir hoffen auf Ihre Unterstützung.“

Ordnungsamt will Hundehalter sensibilisieren

Jagende Hunde seien nicht nur eine Gefahr für Wildtiere, sondern könnten mittelbar auch Menschen und sich selbst gefährden, zum Beispiel, wenn der Hund im Jagdfieber auch über öffentliche Verkehrsflächen rennt. „Entpuppt sich der eigene Hund als Jäger, ist Handeln notwendig“, stellt Ordnungsamtsleiter Thorsten Spiegel fest. „Eine einfache Sofortmaßnahme ist, den Hund vorausschauend anzuleinen, wo mit Wild zu rechnen ist: etwa in unüberschaubaren Feld- und Waldbereichen.“ Hilfreich sei es, mit gezielten Trainingsmaßnahmen oder Hundesport den Hund auszulasten und ihn lernen zu lassen, sich nicht zu weit von seinem Halter zu entfernen und unverzüglich auf dessen Rückruf zu reagieren. „Hierbei kann Belohnen helfen: Ein besonderes Wort, eine besondere Zuwendung oder das altbewährte ,Leckerli‘ – all dies löst beim Hund ein Belohnungsgefühl aus und soll für eine Fokussierung auf den Halter sorgen“, schreibt der Ordnungsamtsleiter. „Wer unsicher ist, ob er seinen Hund genug unter Kontrolle hat, um ihn zurückzurufen, sollte zumindest auf den kompletten Freilauf des Hundes verzichten und gegebenenfalls eine Lauf- oder Schleppleine nutzen.“ Dies biete mehr Sicherheit und dem Hund zugleich eine gewisse Freiheit. Noch entspannter für Halter und Hund ist laut Spiegel ein räumlich abgegrenzter Hundeauslaufbereich. „Während der Brut- und Setzzeit (1. März bis 15. Juli) sind Hunde im Wald und in der freien Landschaft grundsätzlich an der Leine zu führen“, schreibt Spiegel.

Das hat seinen Grund: Bereits die bloße Übertragung „fremden Geruchs“ kann dazu führen, dass etwa ein Rehkitz von der Ricke gemieden wird. Zuwiderhandlungen können empfindlich geahndet werden. So kann zum Beispiel die Zerstörung eines Nestes oder Geleges nach dem Landesnaturschutzgesetz mit einem Bußgeld von bis zu 50.000 Euro bestraft werden. „Was einige nicht wissen: Jäger sind gesetzlich auch legitimiert, wildernde Hunde als ,letztes Mittel‘ zu erschießen. Damit wird dem Jagdschutzberechtigten die Möglichkeit gegeben, das Wild zu schützen. Damit es zu prekären Situationen gar nicht erst kommen kann, sollten Hundehalter von vornherein Rücksicht nehmen“, so der Plettenberger Ordnungsamtsleiter.

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