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„Ich kann nur beten“: Ukraine-Krieg schürt Angst vor Drittem Weltkrieg

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Von: Hartmut Damschen

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Das Leid der Menschen in der Ukraine, hier die Aufnahme der Beerdigung eines ukrainischen Soldaten in einer Kirche in Luzk, erschüttert die Geistlichen und Kirchen-Mitarbeiter in Plettenberg zutiefst.
Das Leid der Menschen in der Ukraine, hier die Aufnahme der Beerdigung eines ukrainischen Soldaten in einer Kirche in Luzk, erschüttert die Geistlichen und Kirchen-Mitarbeiter in Plettenberg zutiefst. © dpa

Mit Fassungslosigkeit und Sorge blicken auch die Vertreter der örtlichen Kirchengemeinden auf den Krieg in der Ukraine. Angesichts der eigenen Ohnmacht sei es umso wichtiger Solidarität zu zeigen und konkret zu helfen.

Plettenberg – Der 24. Februar 2022 wird durch den Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine als ein schwarzer Tag auch in unsere Geschichte eingehen. Krieg, Verwundete, Tote und Besatzer. Was hat Putin dazu bewogen, in die Ukraine einzumarschieren? Ist es nicht auch das Schweigen der russisch-orthodoxen Kirche, die sich mit dem Moskauer Patriarch Kyrill I. eng und kritiklos an Putin lehnt? Wie sehen unsere Kirchen den Einmarsch Russlands in die Ukraine, welche Möglichkeiten außer Gebeten und Beistandsbekundungen bleiben ihnen, um den immer verzweifelter werdenden Menschen zu helfen? Das wollten wir von den Vertretern unserer Kirchengemeinden wissen.

„Wir sind sehr bedrückt über die Entwicklung der Situation“, erklärt Peter Winkemann, Vorsitzender des Presbyteriums der Evangelischen Kirchengemeinde Plettenberg. Man stehe an der Seite der Schutzlosen und bete für die Opfer und für die Veränderung der Situation, doch auch konkrete Hilfe soll geleistet werden. „Innerhalb der Evangelischen Kirchengemeinde vor Ort beraten wir uns noch, aber es gibt schon einzelne private Initiativen. Als Veranstaltung bieten wir regelmäßig montags das Friedensgebet an, welches aktuell in besonderer Weise auf die Situation in der Ukraine eingeht“, erklärt Winkemann. Die Hilfsmaßnahmen der evangelischen Kirchengemeinden in der Nähe würden auf Kirchenkreis-Ebene durch die Diakonie gebündelt.

Erschrecken, Wut und große Sorge

„Wir leiden mit den Leidenden und sind sehr traurig über die Gewalt, die über unschuldige und ungeschützte Menschen hereinbricht“, sagt Winkemann.

„Mit Erschrecken, Ungläubigkeit, Wut und großer Sorge habe ich vom ersten Tag an den Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine wahrgenommen“, erklärt Michael Neubauer, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats der Katholischen Pfarrei St. Laurentius Plettenberg-Herscheid. Das Ausmaß dieses Angriffs auf ein freies Land und damit auch auf die gesamte demokratische Welt hätten ihn tief erschüttert.

„Nichts und Niemand kann diesen Despoten scheinbar aufhalten im Kampf gegen sein ,Brudervolk‘“, befürchtet Neubauer. Selbst die Geschlossenheit der Europäer und die bisher durchgeführten Sanktionen schienen diesen „besessenen Mann“ nicht an seinem Vorhaben hindern zu können. „Er antwortet darauf mit immer neuen irrsinnigen Drohungen“, sagt Michael Neubauer.

Beten für die Opfer und für ein schnelles Ende des Krieges sei zwar richtig, aber alleine das Gebet könne nicht helfen. Wichtig sei es jetzt vor allem, humanitäre Hilfe zu leisten. „Daher haben wir zusammen mit unserem neuen Pfarradministratoren Thomas Bartz beschlossen, Aktionen für eintreffende Flüchtlinge durchzuführen. Wir werden in enger Abstimmung mit der Stadt Plettenberg und der Caritas wie in der damaligen Flüchtlingskrise helfen, wo wir können“, kündigt Neubauer an.

Beten, dass es keinen Weltkrieg gibt

Es müssten dieses Mal nur gezielte Aktionen und Aufrufe sein, die auf die tatsächlichen Bedürfnisse jedes Einzelnen abgestimmt sein sollten. „Ich möchte unsere Pfarrgemeindemitglieder und auch alle anderen auffordern, bei entsprechenden Spendenaufrufen zu helfen. Solidarität zu zeigen, ist das Gebot der Stunde“, erklärt Neubauer. „Ich kann nur hoffen und auch dafür beten, dass es keinen Flächenbrand in Europa gibt, der uns dann unweigerlich in einen Weltkrieg führen würde“, sagt Neubauer. „Bleiben wir trotzdem zuversichtlich!“

Was da passiert geht gar nicht. Allerdings werden wir uns hier umso mehr unserer Ohnmacht bewusst.

Pfarrer Uwe Brühl, Evangelische Kirchengemeinde Eiringhausen

Den Grund für den Angriffskrieg Putins auf die Ukraine sieht Pfarrer Uwe Brühl von der Evangelischen Kirchengemeinde Eiringhausen vor allem historisch begründet: „Spätestens seit dem deutschen Angriffskrieg ab Juni 1941 herrscht in Russland das Trauma eines unerwarteten Angriffs von außen.“ Seitdem habe sich das Land mit einem Puffer umgeben, den Ländern des Ostblocks.

„Die meisten der Länder haben die Bevormundung durch Moskau in den Wendezeiten Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre willentlich hinter sich gelassen. Ganz offensichtlich fühlen sich die Verantwortlichen in Moskau seither immer wieder vom Westen gedemütigt. Mit dem Ukraine-Krieg setzen sie nun ein Zeichen, mit all den Begründungsunwahrheiten, menschlichem Leid und wider den Willen der Menschen in der Ukraine. Was da passiert geht gar nicht. Allerdings werden wir uns hier umso mehr unserer Ohnmacht bewusst“, sagt Pfarrer Brühl. Dies betreffe besonders die Handlungsfähigkeit der seit der Wende überschaubaren Bundeswehr, wo sich derzeit aber eine unvorhersehbare Wende vollziehe.

„Ich sitze fassungslos, sprachlos, tief betroffen, traurig und kopfschüttelnd vor den Bildern aus der Ukraine. Die zerstörten Städte, zusammengekauerte Menschen in U-Bahnschächten und Flüchtlinge an der ukrainischen Grenze lassen meine Gedanken kreisen“, sagt Thomas Bartz, Pfarrbeauftragter der Katholischen Pfarrei St. Laurentius. Er frage sich, was er tun könne, was den Menschen vor Ort in der Ukraine wirklich helfen könnte. „Gefühlsmäßig stehe ich zwischen Ohnmacht und Aktionismus. Beides sind Zustände, die den Menschen vor Ort nicht helfen“, erklärt Bartz.

In Europa, in der Ukraine herrscht Krieg. Für mich als junger Mensch eine Vorstellung, die bis Ende letzten Jahres nicht existent war.

Thomas Bartz, Pfarrbeauftragter der Pfarrei St. Laurentius

Bis zum 23. Februar habe er gedacht und gehofft, die Invasion lasse sich auf dem diplomatischen Wege verhindern. Doch: „In Europa, in der Ukraine herrscht Krieg. Für mich als junger Mensch eine Vorstellung, die bis Ende letzten Jahres nicht existent war.“

Nun bliebe ihm als Einzelperson nur die Solidarität, das Gebet, die Spenden- und Hilfsbereitschaft. „Ich wünsche mir so sehr, dass der fürchterliche und schreckliche Krieg nicht bald, sondern sofort ein Ende nimmt“, sagt Thomas Bartz. Oft habe er in den letzten Tagen mit den Worten „Herr, schenke uns deinen Frieden“ gebetet und damit die Bitte verbunden, dass Gott das Herz von Wladimir Putin, aber auch von seinen Vertrauten, zum Frieden bewegt. „Zu einem kurzen persönlichen Friedensgebet lädt an jedem Mittwochabend um 19 Uhr das Glockengeläut der katholischen Kirchen in Plettenberg und Herscheid ein“, erklärt Bartz.

Die Pfarrei St. Laurentius möchte ganz konkret den Menschen in der Ukraine helfen. Das Pastoralteam der Pfarrei hat für das Wochenende 19. und 20. März eine Türkollekte zugunsten von Caritas International organisiert. „Wir möchten damit die professionelle Arbeit von Caritas International in der Ukraine und an der ukrainischen Grenze unterstützen. Wir hoffen und denken, dass diese finanzielle Hilfe zielgerichtet bei den Menschen ankommt“, sagt Bartz. Zusätzlich stehe die Pfarrgemeinde in einem sehr engen Austausch mit dem Caritasverband im Kreisdekanat Altena/ Lüdenscheid, der bereits Flüchtlinge aus Polen nach Lüdenscheid geholt hat. „Unsere Unterstützung in jeglicher Hinsicht haben wir dem Caritasverband fest zugesagt“.

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