Und wer hilft Oma und Opa?

Ein Pflegenotstand, der in keiner Statistik steht

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Ausgebildete Pflegedienstkräfte kümmern sich in jeder Ausprägung um die ambulante Versorgung zu Hause wohnender Senioren. Im Raum zwischen Werdohl, Neuenrade, Plettenberg und Herscheid gibt es Klagen, dass kein Pflegedienst mehr zu bekommen sei. Den Diensten fehlt, sagen die Institute, Personal.

Plettenberg/Herscheid - Liegt es daran, dass die Patientin in Herscheid in einem sehr abgelegenen Außenbezirk wohnt? Oder hat ein allgemeiner Pflegenotstand dazu geführt, dass Patienten aktuell der Pflegevertrag gekündigt wurde?

 Soviel vorab: Es gibt ganz offenbar zwei Wirklichkeiten und zwei Betrachtungen, je nachdem ob man die Dinge als direkt Betroffener oder durch die Brille der Statistik sieht – wie die mit Pflegeangelegenheiten betrauten Mitarbeiter in den Rathäusern und der Kreisverwaltung. Vermutlich gibt es sogar eine dritte Wirklichkeit – die, dass derzeit Pflegepatienten in ganz erheblicher Zahl von den Anbietern mobiler häuslicher Pflege abgewiesen werden.  

Pflegedürftig sein, am Rande aller Gemeinden 

Die Seniorin, die diese Recherche ausgelöst hat, wohnt irgendwo im Dreiländereck von Herscheid, Werdohl und Lüdenscheid. Bisher wurde sie vom Pflegedienst Liebeskind aus Plettenberg versorgt – die einfache Fahrt wird vom Navi mit 19,3 Kilometer und 23 Minuten Fahrzeit angegeben. Beim Einsatz zur Grundpflege durch eine ausgebildete Pflegekraft schwingt mithin ein größerer Zeit- und Fahrzeugeinsatz mit. „Liegt es daran, dass wir im Außenbezirk wohnen, dass meiner Mutter der Vertrag gekündigt wurde“, fragt die Tochter nicht ganz unbegründet den Reporter der Heimatzeitung. „Und bedeutet dies, dass Patienten im Außenbezirk schlechte Karten haben?“ Denn die Nachfrage der Familienangehörigen bei etlichen Pflegediensten in Plettenberg und Lüdenscheid sei erfolglos geblieben – „unsere Mutter wird nicht mehr versorgt.“ 

Alle hätten abgelehnt. Glücklicherweise ist die betroffene Familie derzeit selbst in der Lage, die alte Dame zu pflegen – aber das Grundproblem löst das nicht: Bleibt die Landbevölkerung ohne pflegerische Versorgung?

 Im Herscheider Rathaus kommt das Problem mit dem Anruf der Redaktion zum ersten Mal an. Bärbel Sauerland gesteht ein, ihr sei dieses Problem völlig neu und man erlebe sie überrascht. Spontan sagt sie, dass es im Außenbereich kein anderes Pflegeproblem gebe als in den zentralen Ortsbereichen. „Wir wissen, dass die Pflegedienste sehr deutlich ausgelastet sind, ja.“ Aber ein Gefälle zwischen Outback und Siedlungsschwerpunkten habe man bisher nicht erkannt.

 Gleichwohl fühlt sich die Mitarbeiterin der sozialen Dienste im Rathaus angesprochen. Bärbel Sauerland will das Thema im Pflegenetzwerk Plettenberg-Herscheid zur Sprache bringen. Die Betroffenen bittet sie, sich bei der Gemeinde zu melden, damit man sich kümmern kann. „Die Gemeinde wird sich dann voll einsetzen, damit die Bürgerin gepflegt werden kann.“

 Allerdings sind die Mittel der Gemeinde begrenzt, weil Herscheid nicht selbst handelt, keinen eigenen Pflegedienst unterhält. Doch gibt es Fachleute im Rathaus, die in den Themen Pflege und Versorgung im Alter firm sind. Bärbel Sauerland: „Es kommt vor, dass bei uns erste Anfragen zum Thema Pflege ankommen. Wir haben dann mit der Kollegin Laura Brüggemann – sie bearbeitet das Thema >altengerechte Quartiersentwicklung<, wozu das Thema Pflege gehört – eine Mitarbeiterin, die sich auskennt.“ Brüggemann könne erste Informationen liefern und werde, sobald es in Details geht, die Pflegeberatung des Märkischen Kreises einschalten. Partnerschaftlich arbeiteten Kreis und Gemeinde zusammen; die Pflegeberatung biete regelmäßige Sprechstunden in Herscheid an und komme auch bei Bedarf zu den Familien nach Hause. 

Generell sei die Sicherstellung der Pflege in der Pflicht der Krankenkassen; Gemeinde und Kreis hülfen und berieten. Hinzu komme das informelle Gesundheits- und Pflegenetzwerk, das jeweils aktuelle Informationen aus der „Szene“ in die Verwaltung einstreue und über neue oder sich verändernde Anbieter ambulanter Pflege informiere. Im übrigen gebe es derzeit vier Dienste, die ihre Dienstleistung in Herscheid anböten. 

Indes: Die Erfahrungen der Herscheider Familie aus dem Außenbereich, die unverändert nach einem ambulanten Pflegedienst für die Mutter sucht, sind ganz andere – eben die, dass sich kein Pflegedienst finden lässt. Was also ist passiert, dass Pflegedienst Liebeskind kündigte und auch ein anderer Dienst nicht an die Stelle treten will? Gibt es da etwas im persönlichen Bereich, etwas, über das man aus Gründen der Schweigepflicht nicht sprechen dürfte, aber eigentlich müsste, um das Problem zu durchdringen?

 „Ach was“, sagt Geschäftsführerin Kerstin Liebeskind spontan, als ihr die unfragbare Frage dezent untergeschoben wird. Das Thema stelle sich völlig anders dar, als dass man es auf einer persönlichen Ebene suchen könnte. „Das Thema spitzt sich zu und heißt Pflegekräftemangel.“ Die Frage sei heute die, ob man einen Patienten noch unterbekomme oder „ob ich ihn abweisen muss“. 

In den letzten drei Monaten habe ihr Pflegedienst rund 40 Patientenanfragen ablehnen müssen; vier Patienten sei gekündigt worden, darunter der geschilderte Fall. „Ja, wir haben die Herscheider Tour etwas gestutzt“, bekennt Kerstin Liebeskind und berichtet weiter, dass der Zustand sich so entwickelt habe, seit die Märkischen Kliniken ihren ambulanten Pflegedienst eingestellt hätten. „Wir haben das Problem in gleicher Weise in Plettenberg, Herscheid und Werdohl. Und auch aus Neuenrade gibt es Anfragen, die wir nicht annehmen können.“

 Personalmangel, so lautet das Oberthema, denn es werde zunehmend schwerer, das derzeit 40-köpfige Liebeskind-Team zu erweitern. Die 40 Mitarbeiter teilen sich übrigens auf in 30 Pflegekräfte und zehn qualifizierte „Alltagshelfer“, worunter man sich Hauswirtschafter im weitesten Sinne vorstellen kann. Sechs Auszubildende sind im Team. In Zeiten einer immer älter werdenden Bevölkerung, die in den bisherigen Wohnungen bleiben will, nehmen die Anforderungen zu – oft im Außenbezirk.

Der liebe Papierkrieg: Die Mitarbeiterer der Pflegedienste klagen darüber, dass viel Zeit verloren geht durch die Dokumentation der Pflegeleistung. Doch auch die Fahrten zu den einzelnen Einsatzstellen sind nicht zu unterschätzen. Man sitze vielfach länger im Auto, als dass man sich bei Patienten aufhalten könne, hört man. Der überlegten Tourenplanung komme größte Bedeutung zu, zumal Anfahrt und Dokumentationserstellung relativ gering abgegolten werden.

 Fast kein Geld für viel Fahrzeit und Kilometer

 Liebeskind rechnet vor: „Für einen Hausbesuchspatienten gibt es für die Anfahrt und die Dokumentation 1,65 Euro von der Pflegekasse. Das kann maximal zweimal täglich abgerechnet werden. Sind wir dreimal am Tag bei einem Patienten, geht die dritte Fahrt auf mich.“ Wir erinnern uns: Die Dame im Herscheider Landbezirk ruft im Navi die einfache Fahrt mit 19,3 Kilometer und 23 Minuten Fahrzeit auf. (Zwar kommt später die Abrechnung der eigentlichen Pflegeleistung auf die Rechnung, aber die 1,65 Euro bleiben ein Faktum.) Übrigens differiere diese Position von Bundesland zu Bundesland, Liebeskind: „In Bayern fährt niemand unter fünf Euro los. In Nordrhein-Westfalen werden wir schon sehr knapp gehalten.“

 Das hat man übrigens im Wahlkampf zum Thema gemacht, ergänzt Liebeskinds Co-Geschäftsführer Elmar Schmidt: Die beiden Bundestagskandidatinnen Christel Voßbeck-Kayser (CDU) und Dagmar Freitag (SPD) habe man auf diese Situation hingewiesen, als diese zu Gast in der Einrichtung gewesen wären. 

Schmidt weist noch auf zwei Themen am Rande hin: Erstens – Nicht jeder Mitarbeiter dürfe alles; jeweils würden spezielle Qualifikationen zur Pflege verlangt und das sei in NRW sehr restriktiv. Deshalb seien 40 Köpfe nicht 40 Pflegedienstfähige. Zweitens - In Werdohl betreue das Institut Liebeskind eine Art Pflegehaus und weiteren Patienten-Wohnungen ringsum. Man kann es sich vorstellen als kleine Altenpflegeeinrichtung mit Rundum-Versorgung. Dort sei eine wesentlich umfassendere Pflege möglich als im ambulanten Betrieb, weil es auf engerem Raum mehr Betreute gebe und die ganzen Fahrleistungen von Stelle zu Stelle entfielen. „Leider haben wir in Plettenberg so etwas nicht.“ 

Gegenrecherche: Ist das ein Einzelproblem? 

Könnte das Debakel womöglich ein Liebeskind-Problem sein, das sich bei anderen Anbietern nicht wiederfindet? Checker-Anruf beim Pflegedienst Christine Stahlschmidt aus Bremcke. Doch sie bestätigt nur, was bereits bekannt ist: „Alle haben die gleichen Probleme, qualifiziertes Personal zu finden. Die Menschen werden immer älter und bleiben immer länger zuhause und benötigen Pflege. Ich kann sie aber nicht aufnehmen ohne qualifiziertes Personal.“ Deutlich spüre man, dass in Altena das Krankenhaus geschlossen habe, die Märkischen Kliniken in Lüdenscheid den ambulanten Pflegedienst eingestellt hätten. „Um uns herum machen die Anbieter zu.“ Gleichwohl versuche man zu helfen, insbesondere dann, wenn es bereits in der Nachbarschaft einer Patientenanfrage einen weiten Bestandspatienten gebe. Ansonsten gelte, dass ein Pflegedienst die Straßenkarte immer vor dem geistigen Auge habe: Wir verbringen definitiv mehr Zeit im Auto als beim Patienten!“

Märkischer Kreis: Von Pflegenotstand kann keine Rede sein

In Sachen „örtlicher Pflegenotstand“ gibt der Märkische Kreis indes Entwarnung; Pressesprecher Hendrik Klein verweist zunächst auf das „Pflegetelefon“, das unter der Rufnummer 0 23 51 / 966 - 77 77 erreichbar sei und Hilfe vermittele. Die Pflegeberatung des Kreises biete regelmäßige Vor-Ort-Informationen an, komme angekündigterweise auf öffentliche Plätze und in Rathäuser sowie bei Bedarf auch nach Hause. Und einen Pflegenotstand – den gebe es nicht.

 Der Kreis macht das unter anderem daran fest, dass die Patienten, die die Märkischen Kliniken ambulant gepflegt hätten, anderweitig „untergekommen“ seien und heute von anderen Pflegediensten betreut würden. Dass die Dienste insgesamt gut ausgelastet seien, wird dabei in Lüdenscheid nicht in Abrede gestellt. Hendrik Klein: „Eventuell bekommt man auf seine Anfrage nicht den zunächst gewünschten Pflegedienst, sondern einen anderen. Aber einen Notstand haben wir nicht.“ 

Im übrigen gebe es rund um die Uhr im Internet Rat zur Pflege: Unter http://www.maerkischer-kreis.de/service/pflegeatlas.php könne man sich schlau machen und Wege zur Pflege finden. Auch werden die regelmäßigen Vor-Ort-Sprechstunden der Pflegeberatung in der Heimatzeitung angekündigt; man achte geflissentlich darauf.

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