Interview mit Plettenberger Hausarzt

Grippeimpfstoff ist knapp - Hausarzt: „Impfdosen so schnell weg wie nie“

Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie wird eine Grippeschutzimpfung besonders empfohlen.
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Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie wird eine Grippeschutzimpfung besonders empfohlen.

Weil man sich von einer Grippeschutzimpfung auch eine verbesserte Immunabwehr gegen Corona erhofft, wird die Impfung gerade jetzt empfohlen. Das Interesse der Patienten ist groß, doch Impfdosen knapp.

Plettenberg ‒ Im Gespräch mit Johannes Opfermann berichtet Hausarzt Bernd Oehlschlägel über die aktuelle Situation.

Stimmt es, dass es in diesem Jahr Lieferprobleme bei den Impfdosen gibt?

Die Nachfrage ist weltweit stark angestiegen. Jetzt im Moment haben wir in der Praxis zum Beispiel gar keinen Impfstoff mehr. Die Grippeimpfdosen werden immer Anfang des Jahres bestellt – meine Praxis bestellt in der Regel 500 bis 600 Impfungen – und zu einem festen Termin geliefert. In diesem Jahr kamen die Chargen für Plettenberg allerdings erst 14 Tage später an und dann kamen auch erst einmal nur 100 Dosen. Vorletzte Woche haben wir dann noch einmal 350 Dosen bekommen. Und die sind alle schon innerhalb einer Woche verimpft worden. Das habe ich noch nicht erlebt. Wir sollen noch einmal eine Charge mit Impfdosen bekommen, aber wohl erst im November. Das gab es noch nie.

Wenn die Impfdosen in Ihrer Praxis so schnell verbraucht waren, ist das Interesse an der Impfung in diesem Jahr also besonders groß?

Ja, das Interesse ist sehr groß. Das heißt, wir haben nicht genug Impfstoff für alle, die sich impfen lassen möchten. Bei einigen Patienten stößt es auf Unverständnis: Sonst war immer genug da, und jetzt eben nicht. Und sie verstehen nicht, wenn sie selbst keine Impfung erhalten, der nächste Patient aber schon, weil er zu einer Risikogruppe gehört, was man ihm aber von außen nicht ansieht. Wir müssen dabei letztendlich entscheiden, wer zuerst geimpft wird.

Wie machen Sie das?

Wir richten uns nach den Anweisungen des Robert-Koch-Instituts, wonach Risikogruppen zuerst geimpft werden sollen. Das bedeutet Patienten über 60 Jahre, Personen mit chronischen Krankheiten wie Lungenleiden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Stoffwechselstörungen. Auch Patienten mit einer geschwächten Immunabwehr, etwa in Folge einer Chemotherapie oder eines Immundefekts, sollen geimpft werden, ebenso Schwangere. Besonders wichtig ist es, dass die Menschen in den Altersheimen soweit geimpft werden wie möglich.

Der Plettenberger Hausarzt Bernd Oehlschlägel äußert sich zum Thema Grippeschutzimpfung.

Warum ist es gerade in diesem Jahr sinnvoll, eine Grippeschutzimpfung zu machen?

Der Grippeschutz ist jedes Jahr sinnvoll, denn die Grippe ist eine der häufigsten Krankheiten, die wir haben, und es ist im Übrigen auch eine der wichtigsten Reise-Impfungen, denn nicht überall verläuft die Grippesaison so wie bei uns. In diesem Jahr macht es Sinn, weil man davon ausgeht, dass man durch die Impfung eine Verbesserung der Immunantwort erreicht und so auch der Schutz vor Corona verbessert wird. Bei der Pneumokokken-Impfung, die Risikopatienten ab 60 zum Lungenschutz erhalten, sieht man, dass Corona leichter verläuft. Man hofft, dass die Grippeschutzimpfung einen ähnlich positiven Aspekt hat.

Um was für eine Impfung handelt es sich?

Es gibt momentan nur einen Vierfach-Impfstoff. Die genaue Zusammensetzung der Grippeimpfung wird immer danach festgelegt, welches im vergangenen Jahr die Haupterreger waren. Die Impfdosen, das ist auch wichtig zu erwähnen, sind sogenannte Totimpfstoffe, das heißt es werden keine Erreger gespritzt. Und es gibt unterschiedliche Impfstoffe für empfindliche Menschen, der eine mittels Hühnereiweiß hergestellt, der andere über Zellkulturen. Und für Schwangere ist ohnehin nur ein Impfstoff zugelassen.

Was halten Sie davon, dass auch in Apotheken Grippeimpfungen gemacht werden sollen?

Wenn Apotheker, die natürlich entsprechend fortgebildet sein müssen, impfen sollen, ist das erst einmal eine politische Entscheidung. Aus ärztlicher Sicht halte ich es nicht für sinnvoll, weil die Haftungsfrage nicht geklärt ist. Es ist schließlich nicht so, dass es keine Impfschäden gibt. Da bei Impfungen sehr viel zu beachten ist, sollte die Kernkompetenz bei den Ärzten sein. Andererseits ist es natürlich sinnvoll, wenn soviel geimpft wird wie möglich, vorausgesetzt es ist ausreichend Impfstoff da.

Haben eigentlich die Corona-Schutzmaßnahmen – Abstand, Maske tragen – auch positive Nebeneffekte gehabt, zum Beispiel bei Erkältungen und Allergien?

Ja, es gibt weniger Erkältungen. Die Ansteckungsgefahr ist geringer, weil die Leute sich nicht umarmen oder „abknutschen“, sich nicht die Hand geben und natürlich Maske tragen. Die Maske schützt wirklich. Ich habe bis jetzt noch keine eitrige Mandelentzündung gesehen. Was wir im Moment eher haben, sind Erkältungen durch Zugluft, aber die ganzen Viruserkrankungen – viraler Schnupfen mit schleimigem Husten – sind durch das Masketragen deutlich zurückgegangen. Wir hatten auch deutlich weniger mit Allergien zu tun in diesem Jahr, allerdings ist es so, dass die allergische Belastung in einem Jahr stärker, dann wieder schwächer ist. Da durch die Maske aber die Luft gefiltert wird, liegt die Vermutung nahe, dass somit auch die allergischen Reaktionen abgenommen haben. Aber man müsste das noch genauer untersuchen.

Auch in Lüdenscheid ist der Impfstoff knapp.

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