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Hamstern bereitet Tafeln Sorge: Weniger Lebensmittel

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Von: Johannes Opfermann, Volker Griese

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Die Zeiten der vollen Tafel-Regale sind vorerst vorbei: Neben Krisen und Kriegen der vergangenen Jahre führt nun das Hamstern zusätzlich dazu, dass weniger Lebensmittel bei der Tafel abgegeben werden.
Die Zeiten der vollen Tafel-Regale sind vorerst vorbei: Neben Krisen und Kriegen der vergangenen Jahre führt nun das Hamstern zusätzlich dazu, dass weniger Lebensmittel bei der Tafel abgegeben werden. (Archivfoto) © Opfermann, Johannes

Wie stark sich der Ukraine-Krieg noch auf die Arbeit der Tafel auswirkt, lässt sich momentan noch schwer abschätzen. Doch die Hamsterkäufe, die derzeit viele Bürger tätigen, betreffen genau die Lebensmittel, die die Tafel benötigt.

Plettenberg/Werdohl – Waren wie Mehl, Nudeln oder Küchenrollen sind aktuell in vielen Supermärkten knapp. Um Vorratskäufen entgegenzuwirken, begrenzen viele Märkte die Abgabe stark nachgefragter Produkte auf die sogenannte „haushaltsübliche Menge“. Doch unterm Strich bleibt trotzdem weniger für die Tafeln.

Auf die Ausgabe im März – die Tafelausgabe findet immer am dritten Donnerstag im Monat statt – habe sich das Hamstern noch nicht ausgewirkt. „Wir haben es noch nicht so stark wahrgenommen, außer vielleicht bei den Tomatensoßen“, sagt Susanne Vollmer von der Freiwilligenzentrale des Diakonischen Werkes. Insgesamt sei die Menge der gespendeten Lebensmittel aber schon weniger geworden, gerade auch was frische Waren angeht.

Weniger Waren zum Abholen da

Bei den haltbaren – und gern auf Vorrat gekauften – Lebensmitteln mache sich die Knappheit allerdings ebenfalls bemerkbar. „Man merkt es schon an allen Ecken“, sagt Vollmer. „Von allem, was wir in den Geschäften abholen können, ist nicht mehr so viel da. Es wird jedenfalls nicht einfacher.“ Das Motto „Teilen“ gelte aber unverändert auch dann, wenn die Tafel weniger Lebensmittel erhalte als sonst. Das was da ist, werde verteilt.

„Wir bangen schon bei der Apriltafel, was wir an Lebensmitteln bekommen und mit wie viel mehr Menschen wir rechnen müssen“, sagt Vollmer. „Wir hoffen natürlich, dass sich das mit den Hamsterkäufen in den nächsten Wochen etwas reguliert.“ Es werde ja vielfach kommuniziert, dass man nicht auf Vorrat kaufen solle, auch wenn Versorgungsängsten einiger Menschen eben dazu führen, dass sie Vorratskäufe tätigen.

Auch Ukrainer könnten Tafel nutzen

Genauso schwer abzuschätzen wie die Größe des Warenangebots ist, wie Vollmer bereits andeutet, die Anzahl der zu versorgenden Menschen. Es könne nämlich durchaus sein, dass im April mehr Menschen die Tafel in Anspruch nehmen wollen, auch wenn derzeit noch keine zusätzlichen Anmeldungen vorliegen. „Wir bereiten uns aber darauf vor, weitere Leute zu versorgen“, sagt Vollmer. Auch ukrainische Flüchtlinge könnten dabei sein, die nach ihrer Registrierung zwar ein kleines Startgeld erhalten, aber mit diesem geringen Budget auch Anspruch auf die Nutzung der Tafel hätten, so Vollmer.

Insgesamt seien Aussagen darüber, wie stark sich der Krieg in der Ukraine und dessen Folgen – wie eben Hamsterkäufe – auf die Tafel auswirken, in der jetzigen Phase schwierig. Nach den Erfahrungen der Aprilausgabe lasse sich dazu wahrscheinlich genaueres sagen, so Vollmer.

Für die besteht aber noch ein ganz anderes Problem, denn im April verreisen viele Menschen, auch Ehrenamtliche. „Es ist dann schwierig genug Ehrenamtliche zusammenzukriegen“, befürchtet Vollmer. Die brauche man aber, denn die Ausgaben sollen wegen Corona weiterhin draußen vor der Halle für Alle stattfinden, weil sich das in der Coronazeit bewährt habe.

Dass den Tafeln immer weniger Produkte zur Verfügung stehen, die an Bedürftige ausgegeben werden können, ist längst kein rein Plettenberger Phänomen mehr. Auch die Tafel in Werdohl, mit der die Plettenberger Tafel seit geraumer Zeit zusammenarbeitet, berichtet, dass es immer schwieriger werde, die Bedürftigen ausreichend zu versorgen.

Weniger Spenden von Supermärkten

„Das Spendenaufkommen aus dem Enzelhandel ist in der letzten Zeit massiv zurückgegangen“, berichtet Carsten Schulz, als Koordinator beim Diakonischen Werk im Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg für die Werdohler Tafel zuständig. Gründe seien unter anderem die Krisen und Kriege der vergangenen Jahre. Früher habe praktisch jeder Discounter und Lebensmittelmarkt die Tafel mit nicht mehr so ansehnlichem, aber immer noch gutem Obst und Gemüse unterstützt. Diese Mengen seien inzwischen deutlich kleiner geworden, sagt Schulz und weiß auch, woran das liegt.

Auch bei der Tafel in Werdohl sind die Regale längst nicht mehr gut gefüllt. Koordinator Carsten Schulz hat zunehmend Probleme, für die wirtschaftlich Schwachen genügend Lebensmittel zur Verfügung zu stellen.
Auch bei der Tafel in Werdohl sind die Regale längst nicht mehr gut gefüllt. Koordinator Carsten Schulz hat zunehmend Probleme, für die wirtschaftlich Schwachen genügend Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. © Griese, Volker

„Die Geschäfte kalkulieren und disponieren jetzt anders: Obst und Gemüse werden oft kurz vor Ladenschluss mit 50 Prozent Rabatt doch noch verkauft.“ In der Folge fällt die Spende an die Tafel entsprechend kleiner aus.

Das bekommen dann natürlich auch die Kunden der Tafel zu spüren, wenn sie am Monatsende versuchen dort neben haltbaren Lebensmitteln auch noch vitaminreiche frische Ware zu ergattern – immer öfter vergeblich. „Wir können die Hoffnungen und Erwartungen unserer Kunden nur noch zum Teil erfüllen“, bedauert Schulz.

Was Menschen mit geringem Einkommen zusätzlich belastet, ist das gerade wieder in Mode gekommene Hamstern: Grundnahrungsmittel, aus denen sich für wenig Geld eine Mahlzeit zaubern lässt – Mehl und Speiseöl, aber auch Hefe – sind gerade wieder Mangelware.

In den Nudelregalen der Discounter fehlen vor allem die preisgünstigen Eigenmarken, die sich auch Geringverdiener noch leisten könnten, während die teureren Markenprodukte liegen bleiben. Das führt dazu, dass die auch Tafel von gespendetem Geld haltbare Lebensmittel nur noch zu höheren Preisen und damit in kleinerer Menge einkaufen kann. An dieser Stelle wird besonders deutlich, wie unsolidarisch es ist, wenn man sich weit über den eigenen Bedarf hinaus mit Waren eindeckt.

Ortsfremde Tafeln als Konkurrenz

Der Versorgungsengpass wird verschärft durch einen Wettbewerb der verschiedenen Tafeln um die Spender. Carsten Schulz berichtet davon, dass auch ortsfremde Tafeln in Werdohl und Neuenrade die Lebensmittelgeschäfte anfahren, um dort Warenspenden abzuholen. „Meistens wissen die Mitarbeiter der Geschäfte gar nicht, für welche Tafel sie die Spenden herausgeben“, berichtet Schulz. Die Kunden der Tafel, die dieses Wettrennen verloren hat, schauen anschließend in die Röhre, gehen mit entsprechend weniger Lebensmitteln in der Tasche nach Hause.

„Es ist schon fast ein Kampf, die Menschen versorgen zu können“, sagt Schulz mit einem Anflug von Verzweiflung. Wenn die Entwicklung so anhalte, werde die Werdohler Tafel wohl bald eine Begrenzung einführen müssen.

Wer oder was könnte helfen? „Wir sind zunehmend auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen“, bekennt Carsten Schulz. Das müsse nicht unbedingt Geld sein. „Wir nehmen auch Kleinstmengen Lebensmittel an: ein Paket Nudeln, eine Tüte Mehl oder Zucker, Konserven.“ Schulz denkt auch an die bald beginnende Gartensaison.

„Wenn Kleingärtner eine Tomatenpflanze mehr in die Erde setzen und uns die Ernte spenden, hilft das auch.“ Die Organisation der Tafel wird ein zunehmend mühsames Geschäft.

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