Gertrud und Ernst-Werner Gregory halten Kontakt zu einstiger Zwangsarbeiterin

Der verordnete Rassenhass konnte diese Freundschaft nicht zerstören

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Noch heute erinnert sich die Plettenbergerin Gertrud Gregory gemeinsam mit ihrem Mann Ernst-Werner gerne an die ehemalige Zwangsarbeiterin zurück.

Plettenberg – Diese Geschichte handelt von einer Freundschaft, die in den dunkelsten Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand. Von einer Freundschaft, die nicht nur die NS-Zeit – trotz des vom Regime verordneten Rassenhasses – überstand, sondern auch die Trennung durch den Eisernen Vorhang.

Genowefa kam am 13. April 1940 auf den Hof (mit angeschlossener Wirtschaft) der Familie Käsebrink nach Landemert. In einem späteren Dokument heißt es: „Genowefa war als rechtschaffende, fleißige, polnische Zwangsarbeiterin bei uns beschäftigt. Durch ihr angenehmes Wesen und unser Verständnis für ihr Schicksal erhielt sie bei uns vollen Familienanschluss und wir sind ihr bis heute in Freundschaft verbunden.“ 

Genowefa war ein Opfer des Hitler-Überfalls auf Polen. Binnen weniger Wochen war es der Wehrmacht 1939 gelungen, das Land in die Knie zu zwingen. Zahllose Polen wurden – wenn nicht ermordet oder interniert – zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht. Zwischen 1939 und 1945 leisteten insgesamt rund 1,6 Millionen polnische Zivilisten und circa 300 000 polnische Kriegsgefangene in Deutschland Zwangsarbeit.

Für Genowefa endete die erzwungene Arbeit im Plettenberger Ortsteil mit dem Einmarsch der Amerikaner Anfang April 1945. Am 10. April verließ Genofewa die Familie Käsebrink und kam in ein Sammellager für die Zwangsarbeiter erst nach Attendorn und dann in ein von den Amerikanern später eingerichtetes Sammellager auf dem jetzigen Dura-Gelände in Plettenberg. Genowefa wurde in der dortigen Küche beschäftigt. Eines Tages kam sie kurz zu Besuch bei den Käsebrinks – mit einem Koffer. „Ich habe lange gespart für meine liebe Frau Ida“, strahlte sie und öffnete den Koffer voller Lebensmittel. 

Gertrud Gregory (links) und Genofewa hatten sich bei ihren Treffen nach dem Krieg immer viel zu erzählen.

Bei dieser Gelegenheit erzählte sie auch von ihrem Freund Anton, einem Sudetendeutschen, der erst Kellner bei der Deutschen Reichsbahn und dann Soldat bei der Wehrmacht war. Im Herbst 1944 lief er zu den in Frankreich vorrückenden Amerikanern über. Auf Grund seiner sehr guten Kenntnisse der deutschen Sprache in Wort und Schrift begleitete er den Vormarsch der Amerikaner, kam schließlich nach Plettenberg und lernte Genowefa kennen. 

Die beiden beschlossen, ein gemeinsames Leben in Antons Sudetenheimat zu führen. Mit einem Sammeltransport erreichten sie erst Dortmund, wo sie 1945 standesamtlich heirateten. Da war Sohn Karl schon unterwegs. Gemeinsam pachteten sie vom Staat einen Gasthof, den sie zur „Pension-Restauration“ herrichteten.

Eines Tages, fast 25 Jahre später, verbrachte eine Familie aus der Gegend von Plettenberg ihren Urlaub bei Anton und Genowefa. Es kam, wie es kommen musste. Man sprach über vergangene Zeiten, über Plettenberg und über Landemert. Den Urlaubern war die Familie Käsebrink bekannt, der Kontakt wurde über Briefe hergestellt und ein Besuch in der Tschechoslowakei vereinbart.

1970 lagen sich Ida, Gertrud und Genowefa in den Armen. Ida, die Frau von Gast- und Landwirt Ernst Käsebrink, deren Tochter Gertrud mit ihrem Mann Ernst-Werner Gregory – die anschließend die Gaststätte und den Hof übernahmen – und ihre drei Kinder Martina, Karl-Ernst (der jetzt die Gaststätte führt) und Uwe waren in das Land hinter dem Eisernen Vorhang gereist. 

Fünf Mal durchfuhren die Gregorys den Eisernen Vorhang, um Genofewa zu besuchen – seinerzeit noch mit Lüdenscheider Kennzeichen.

Ernst-Werner erinnerte sich noch genau an die Anreise in ihrem Fiat 124 Familiare: „In München übernachteten wir bei Verwandten und fuhren am nächsten Tag weiter. Mit dabei war Idas Schwester Leni, ihr Mann Hermann und deren Sohn Karl-Friedrich in ihrem eigenen Auto. Wir hatten nicht mit den schlechten Straßenverhältnissen in unserem Nachbarland gerechnet. Daher erreichten wir unseren Zielort Horni Maxov erst spätabends. Es gab so viel zu erzählen.“ 

Insgesamt fünf Mal fuhren Gregorys zu Anton und Genowefa, davon drei Mal noch nach der Wende. Anton starb 1986 im Alter von 75 Jahren, Sohn Karl wurde nur 55 Jahre alt, während Genowefa im Alter von 82 Jahren beerdigt wurde. Gregorys sorgten für einen Kranz mit der Schleifenaufschrift: „Unserer liebsten Fefa – Ernst-Werner und Gertrud“.

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