Was in Plettenberg für Flüchtlinge getan wird

+
Özbey Kasim vom Ditib-Verein war einer der Teilnehmer beim runden Tisch zum Thema Vielfalt.

Plettenberg - Es gibt viele Akteure in Plettenberg, die bei der Integration helfen und nun enger zusammenarbeiten wollen. Ein kleiner Überblick.

Die erste große Herausforderung hat die Stadt lange gemeistert. Obwohl in den Jahren 2015 und 2016 wöchentlich dutzende Flüchtlinge nach Plettenberg kamen, konnte jedem ein Dach über dem Kopf angeboten werden. Inzwischen hat sich der Ansturm gelegt. Die Kernaufgabe ist jetzt, die Menschen zu integrieren. Aber wie gelingt das am besten?

Diese Frage umtreibt sämtliche Akteure, die in Plettenberg aus beruflichen oder freiwilligen Gründen Flüchtlingen helfen. Am Donnerstag sind sie im Gertrud-Bäumer-Berufskolleg zusammengekommen. Das Ziel: sich miteinander auszutauschen und sich zu vernetzen. Gleichzeitig bot der Nachmittag auch einen Überblick, was in Plettenberg für Flüchtlinge getan wird.

Die Rolle der Stadt Plettenberg

Die Stadt tritt als erstes mit den Flüchtlingen in Kontakt, sobald sie in Plettenberg angekommen sind, sorgt zum Beispiel für eine Bleibe und eine finanzielle Unterstützung in der Anfangszeit. Vor allem die beiden Sozialarbeiter Dieter Winter und Vanessa Farber – eine dritte Stelle wird wieder ausgeschrieben – kümmern sich darum, dass die Neuankömmlinge Anschluss finden. Sie unterstützen unter anderem bei Behördengängen, zusätzlich bekommen die Flüchtlinge Hilfe von den drei Hausmeistern der Ohler Straße 100, die zum Beispiel beim Umzug in städtische Wohnungen mitanpacken oder Möbel organisieren. Aus Erfahrung wissen die Beteiligten, dass es einiges zu beachten gibt – zum Beispiel die Zimmerbelegung in der Ohler Straße 100, weil sich zum Beispiel nicht alle Nationen gut miteinander verstehen. Oder das Zeitempfinden: „Wenn man sich für 12 Uhr verabredet, kann es auch schon mal 14 Uhr werden. Oder morgen. Das muss man wissen“, berichtete Sozialarbeiter Dieter Winter am Donnerstag im Berufskolleg. „Leider sind auch einige dabei, die sich gar nicht integrationswillig sind“, ergänzte Winter. „Ich sage es mal ganz platt: Wenn Sie 100 Deutsche versammeln, dann haben Sie immer fünf Idioten dabei. Und wenn Sie 100 Asylbewerber versammeln, dann ist das eben auch so.“

Die Rolle der Stadtbücherei

Die Bücherei hat sich zu einem der Treffpunkte aller Kulturen entwickelt. „Es ist warm, gemütlich, leise. Es gibt freies Internet und kostenlose Getränke“, zählte Leiterin Christiane Flick-Schöttler die Gründe auf. Und sie erinnerte an die Anfangszeit. „Als wir 2015 das freie WLAN eingerichtet haben, gab es keinen anderen öffentlichen Platz oder Ort, wo es das gab. Jeden Tag waren 20 bis 30 Flüchtlinge nur deshalb da. Das hat zu einer etwas anderen Stimmung geführt. Aber das hat sich inzwischen wieder gelegt.“

Über den Raum und die soziale Begegnung hinaus versorgt die Bücherei alle Neuankömmlinge mit zahlreichen hilfreichen Medien. Äußerst beliebt sind zum Beispiel Übersetzungsbücher, in denen die Leser anhand von Bildern die deutschen Begriffe erlernen können. Sogenannte Hörstifte, die Wörter vorlesen können, werden ebenso nachgefragt wie die Sprachkurse auf den frei zugänglichen Bücherei-Computern. Flüchtlinge können das Angebot der Bücherei kostenlos nutzen, weil Bürgermeister Ulrich Schulte es ermöglicht hat, dass sie kostenlose Mitgliedsausweise erhalten. Über 120 Flüchtlinge nutzen so die Bücherei.

Die Rolle der Industrie

Thomas Winkler ist der Mann, der bei der Firma Seissenschmidt für den Bereich „Diversity“ zuständig ist, zu deutsch: Vielfältigkeit. 26 unterschiedliche Kulturen sind beim Automobilzulieferer an Bord und bekommen die Chance, sich und ihre Heimat zu zeigen – sei es durch Kochbücher oder durch die Vorstellung im firmeninternen Netzwerk. Ja, Seissenschmidt und viele andere Unternehmen in Plettenberg setzen auf Flüchtlinge, weil junge Leute allein den Fachkräftemangel nicht aufhalten könnten, so Winkler. Grundvoraussetzung für eine Anstellung ist jedoch, dass die Neuen die deutsche Sprache beherrschen. Aus einem ganz einfachen Grund: „Es gibt bei uns Sicherheitsvorschriften im Umgang mit den Maschinen“, sagt Winkler. Die müssen gelesen und verstanden werden können.

Die Erfahrungen, die das Berufskolleg mit seinen Integrationsklassen – zurzeit gibt es in Plettenberg und Lüdenscheid drei Stück – bisher gemacht hat, sind eher durchwachsen. Praktikumsplätze zu finden sei schon schwierig, weil sich viele Unternehmen generell sträuben würden, Flüchtlinge zu beschäftigen. Noch schwieriger bis fast unmöglich sei es, den 18-Jährigen aus der Klasse, die damit nicht mehr unter die Schulpflicht fallen, eine Ausbildungsstelle zu vermitteln.

Die Rolle des Kulturvereins Ditib

„Unsere Moschee steht jedem offen“, sagte Özbey Kasim vom türkischen Kulturverein Ditib. Allerdings: Kaum ein Nicht-Türke nutze dieses Angebot. Deshalb meint auch Kasim: „Wir müssen die Hilfe zu den Asylanten bringen.“ Er betonte aber auch, dass man niemanden verbiegen könnte, dass man die Leute so nehmen müsse, wie sie sind. Er selbst lebe seit über 35 Jahren in Deutschland, aber er sei immer noch „der Ausländer“. „Integration ist vielleicht das falsche Wort“, sagte Özbey Kasim, „richtig müsste es Zusammenleben heißen.“

Die Vernetzung der Beteiligten

Der Arbeitskreis Integration des Berufskolleg hat jetzt den Stein ins Rollen gebracht und die Akteure an einem Tisch versammelt, um sich auszutauschen. Davon profitierten auch die Berufspraktikanten im Anerkennungsjahr aus der Fachschule für Sozialpädagogik, die zuhörten und vielleicht schon bald die Zukunft für ein besseres Miteinander gestalten sollen.

Zur Info: Flüchtlings- und Bevölkerungszahl

Mit Stand vom Jahreswechsel lebten in Plettenberg 25 876 Menschen aus rund 80 verschiedenen Nationen.

Rund 1 000 neue Bürger konnte die Stadt Plettenberg im letzten Jahr willkommen heißen – davon 552 Deutsche und 490 Menschen aus 40 Nationen. Die meisten kamen aus Griechenland, gefolgt von Polen, Syrien und Bulgarien.

Der Ausländeranteil in Plettenberg liegt bei circa 17 Prozent, das ist knapp über dem Kreisdurchschnitt von rund 14 Prozent.

Während in Plettenberg relativ wenige ältere Menschen mit ausländischen Wurzeln leben, sorgt vor allem die Zahl der Unter-18-Jährigen für Erstaunen: Rund 50 Prozent aller Minderjährigen in Plettenberg haben einen Migrationshintergrund.

Zurzeit leben in Plettenberg 250 Asylbewerber. In den „Spitzenzeiten“ 2015/16 waren es noch 600. Nachdem es lange keine neuen Zuweisungen mehr gegeben hat, rechnet die Stadt Plettenberg damit, dass sie in den nächsten Wochen wieder zehn bis 20 Flüchtlinge aufnehmen wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare