SPD-Kreistagsfraktion informierte sich über Veränderungen der Arbeitswelt

Das E-Auto könnte in Plettenberg viele Jobs kosten

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Die Gäste in der Gaststätte „Zur Post“ – viele von ihnen Plettenberger SPD-Mitglieder – ließen sich über die anstehenden Veränderungen in der heimischen Arbeitswelt informieren.

Plettenberg – Besonders der forcierte Bau von E-Autos könnte der heimischen Industrie zum Verhängnis werden – denn diese produziert im Wesentlichen für Verbrennungsmotoren. Vertreter der SPD-Kreistagsfraktion, aber auch der IG Metall warnten jetzt beim Besuch in Plettenberg: Die heimische Industrie müsse einen tiefgreifenden Wandel vorziehen, andernfalls drohe ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die nötigen Veränderungen würden aber Chancen bergen.

Gudrun Gerhardt, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Märkischer Kreis, sprach in der Gaststätte Zur Post von einer „dramatischen Entwicklung“. Viele Leiharbeiter seien abgemeldet worden. Sollten die Leiharbeitsfirmen keine neuen Stellen für ihre Mitarbeiter finden, würden Kündigungen drohen. Auch das seien Schicksale.

Digitalisierung

Die heimische Industrie stelle vor allem Teile für den Verbrenner her, sagte Gerhardt. Momentan müsse jeder überlegen, wie er sich am besten für die Zukunft aufstellt. Das Elektroauto sei sicher nicht das einzig Wahre, meinte Gerhardt, die auch Hybrid und Wasserstoff als Alternativen ansprach. Diese Ungewissheit mache es für Geschäftsführung und Betriebsrat schwierig, darauf zu reagieren.

Hinzu komme, dass auch die Digitalisierung immer weiter fortschreitet – mit vielen Risiken, aber auch Chancen für die heimische Arbeitswelt. Die Automatisierung habe schon jetzt vieles verändert. Zahlreiche Berufsbilder gibt es nicht mehr. „Diese Entwicklung wird weiter fortschreiten”, erklärte Volker Schmidt, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik, Kreisverband Märkischer Kreis (SGK MK).

Er verwies auf selbstlernende Software mit dem Stichwort künstliche Intelligenz. Mit dem autonomen Google-Auto als Beispiel, fragte er: „Brauchen wir in Zukunft noch Busfahrer?“ Bis sich keiner mehr ans Steuer setzen müsse, sei es sicher noch einige Jahre hin. „Aber das alles kommt auf uns zu – ob wir das wollen oder nicht.“

Die Fortschritte in der Technik würden aber auch Chancen bieten, zum Beispiel in der Pflege. Roboter könnten Mitarbeitern im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme greifen, wenn sie zum Beispiel Patienten wenden. Schmidt machte klar: „Wir müssen uns vorbereiten“. Auch vor Ort müsse man sich die Frage stellen, was getan werden kann – man sollte sich nicht nur auf Bund und Länder verlassen.

Dass die Arbeitswelt im Märkischen Kreis vor Veränderungen steht, machte auch Stefan Steinkühler von der Agentur für Arbeit Iserlohn deutlich. Viele Beschäftigte seien im Kreis durch die Digitalisierung betroffen, die viele Jobs verschwinden lasse. Dazu komme ganz aktuell: Die Konjunktur flaue momentan ab. Gut 5 500 Beschäftigte seien von Kurzarbeit betroffen. Das sei spürbar, vom Höhepunkt 2008/09 aber noch weit entfernt, sagte er.

Arbeitslosigkeit

Wegen der wirtschaftlich unsicheren Lage seien viele Verträge zum Jahresende nicht verlängert worden, was sich in der Arbeitslosigkeit bemerkbar gemacht habe. Diese sei 2020 kreisweit auf 6,9 Prozent angestiegen (2019 im Schnitt bei 6,2). Auch die gemeldeten, offenen Stellen seien zurückgegangen. Seinen durch viele Zahlen und Statistiken geprägten Vortrag fasste Steinkühler so zusammen: „Das ist kein allzu bedrohliches Niveau. Aber die Tendenz gibt zu denken.“ Immerhin, einen Lichtblick gibt es: Im Herbst rechne man damit, dass die Konjunktur wieder anzieht.

Der Betriebsrat würde auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, erklärte ein Gast und fand reichlich Zustimmung. Momentan scheine es so, als rücke die Bedeutung immer weiter in den Hintergrund, hieß es. Viele wüssten auch gar nicht, welche Rechte sie als Arbeitnehmer haben. In den Raum gestellt wurde daher, diese Thematik auch in die Schule zu bringen. Doch offenbar bestünde da wenig Interesse. Ferber biete allen Schulen in der Umgebung an, zum Beispiel über die Rechte in der Ausbildung aufzuklären. Angenommen würde das Angebot von exakt einer Schule – dem KBOP Plettenberg.

Wolfgang Rothstein, Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion Märkischer Kreis, lobte die Veranstaltung am Donnerstag abschließend mit den Worten: „Kommunikation ist das A und O.“ Er wünschte sich eine Wiederholung. „Es ist wichtig, dass wir im Gespräch bleiben.“ Neben Mitgliedern der heimischen SPD hatten auch Interessierte aus Plettenberg und Umgebung den Termin, organisiert von der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik, wahrgenommen.

Fabian Ferber von der IG Metall wünschte sich in diesem Zuge besseres Marketing für die Region – und eine bessere Anbindung über den ÖPNV.

Appell der IG Metall: „Bilden Sie weiter aus!"

Die Vertreter der IG Metall richten einen klaren Appell an die Firmen: „Bilden Sie weiter aus. Denken Sie an die nächsten Jahre.” Es sei falsch, jetzt ausgerechnet bei der Ausbildung zu sparen. Die Sparkassen sollten diesen Schritt mitgehen und Kredite gewähren. Gerhardt prangerte an, dass die Geldhäuser häufig zurückschrecken würden, wenn es sich um kleinere Betriebe handelt, die in der Automobilindustrie tätig sind.

Aus dem Publikum wurde bemängelt, dass Firmen ihre Ausbildungsplätze nicht besetzt bekommen, weil das Niveau der Bewerber stark nachgelassen habe. Fabian Ferber von der IG Metall wünschte sich in diesem Zuge besseres Marketing für die Region – und eine bessere Anbindung über den ÖPNV. So könnten Plettenberger Firmen auch für Auswärtige interessant für eine Ausbildung werden.

Verbesserungspotential besäßen auch die Berufsschulen, etwa in Hinblick auf die Digitalisierung. Ferber sprach die Qualität der Arbeit an. „Es geht nicht nur um Arbeit, es geht um gute Arbeit.“ Dafür entscheidend: Weiterbildung. Denn: Die einfachsten Jobs würden die sein, die als erstes von Maschinen übernommen werden.

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