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Die letzte Fahrt: Unterwegs mit dem „sterbenden“ Bürgerbus

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Von: Johannes Opfermann

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Vereinsvorsitzende Beate de Jong-Teipel saß das letzte Mal hinterm Steuer des Bürgerbusses.
Vereinsvorsitzende Beate de Jong-Teipel saß das letzte Mal hinterm Steuer des Bürgerbusses. © Opfermann, Johannes

Nach 27 Jahren war am Freitag für den Bürgerbus Schluss – für immer. Auch wenn der Beschluss seit Monaten feststand, war der letzte Fahrtag für die ehrenamtlichen Fahrer und ihre letzten Fahrgäste schwierig.

Plettenberg – „Der letzte Tag ist sehr unangenehm“, sagt die Vorsitzende Beate de Jong-Teipel am Freitagvormittag, als schon einige der finalen Fahrten vorbei sind und noch einige bevorstehen, die letzte um 13.25 Uhr zum Brahmsweg. Es ist ein Abschied über mehrere Etappen. „Es zieht sich durch den ganzen Tag. Wir sind selbst wehmütig, dass wir den Betrieb einstellen. Dann kommt die Traurigkeit der Fahrgäste hinzu.“

Die Traurigkeit der Fahrgäste können die Fahrer Christian Weil und Michael Baumann nur bestätigen. „Es gab viele Klagen: Was machen wir jetzt? Wir sind jetzt völlig aufgeschmissen“, so Baumann.

Fahrgästen bleibt nun nur noch das Taxi

„Wir bedauern das sehr, dass der Bürgerbus nicht mehr fährt“, sagt Franz Himmelsbach (87), der mit seiner Frau Gisela (85) um kurz nach 11 Uhr in den Bus zurück zum Höhenweg steigt. „Wir haben dahin keine Busverbindung und müssen jetzt immer mit dem Taxi fahren – wie sollen wir sonst runterkommen?“, fragt Gisela Himmelsbach.

Das Ende des Bürgerbusvereins ist auch deswegen für die ehrenamtlichen Fahrer so enttäuschend, weil Mobilität gerade jetzt ein so ein wichtiges Thema sei – Stichwort 9-Euro-Ticket, das auch im Bürgerbus gültig war. Die regelmäßigen Fahrten zu den entlegenen Ecken des Stadtgebiets hätten eine Alternative zum Individualverkehr dargestellt, sagt Beate de Jong-Teipel. Das Aus sei für die Stadt Plettenberg somit sehr schade.

Im April wurden alle Fahrgäste darüber informiert, dass Ende Juli Schluss sein würde. „Das war erstmal ein Schock“, erinnert sich Fahrgast Franz Himmelsbach. Seine Frau ergänzt: „Das hat uns umgehauen.“ Genauso wissen sie aber, dass nur noch wenige Leute den Bürgerbus nutzen, vom Höhenweg sind es gerade einmal vier, die regelmäßig fahren.

„Früher war der Bus voll, jetzt sind es nicht mehr viele, die fahren“, sagt Gisela Himmelsbach. Viele Ältere seien weggestorben. Und es kommt noch etwas hinzu: „Die Leute fahren heute bis ins hohe Alter mit dem Auto oder werden von Nachbarn mitgenommen.“ Das Ehepaar ist selbst ein gutes Beispiel. „Wir haben das Auto erst im Oktober abgegeben“, sagt Gisela Himmelsbach. Seitdem fuhren sie regelmäßig mit dem Bürgerbus, vor allem um Arzttermine wahrzunehmen.

Bedauern das Ende des Fahrbetriebs: Franz und Gisela Himmelsbach fuhren am letzten Fahrtag mit.
Bedauern das Ende des Fahrbetriebs: Franz und Gisela Himmelsbach fuhren am letzten Fahrtag mit. © Opfermann, Johannes

„Die Fahrgäste legen sich ihre Arzttermine extra so, dass sie mit dem Bürgerbus fahren können“, weiß de Jong-Teipel zu berichten, die das Ehepaar später zum Höhenweg fährt. Auf der kurzen Fahrt kommt auch das Betriebsende nach 27 Jahren zur Sprache – eine lange Zeit, die man nicht so einfach vergessen könne, wie die Bürgerbus-Vorsitzende zugibt. „Und alles ehrenamtlich – alle Achtung“, sagt Gisela Himmelsbach anerkennend.

Auch wie schwierig das Manövrieren in den engen Straßen ist, gerade wenn auch die Müllabfuhr unterwegs ist, oder das Wenden wegen einer Baustelle, werden beim Plausch mit den Fahrgästen angerissen. „Ist hier schon wieder eine Baustelle?“, fragt de Jong-Teipel ihre Passagiere. „Sie glauben nicht, wie oft hier die Straße aufgerissen wird“, sagt Franz Himmelsbach, ehe er und seine Frau sich noch einmal herzlich verabschieden und nach ihrer letzten Bürgerbusfahrt aussteigen.

„Wir möchten uns von allen Fahrgästen herzlich verabschieden, sie werden uns fehlen und auch die Gespräche während der Fahrt“, sagt de Jong-Teipel, die später noch einen handschriftlichen Brief von einer Dame aus der Bremcke erhält, die sich für den „tollen Service“ und die „netten Plauderzeiten“ bedankt.

Ähnliche Erlebnisse haben auch die anderen Bürgerbusfahrer auf ihren finalen Touren gemacht. Am letzten Fahrtag sind sie fast vollzählig – zwei Fahrer fehlen urlaubsbedingt – noch einmal an der Haltestelle auf dem Wieden zusammengekommen. Der Kontakt soll bestehen bleiben, Pläne für gemeinsame Aktivitäten in naher Zukunft gibt es. Doch zunächst ist die Stimmung gedrückt.

Fahrgastzahlen nehmen über Jahre ab

„Es ist enttäuschend, dass es vorbei ist, weil es viel Spaß gemacht hat“, sagt Manfred Müller. Edward Zilinski spricht von einer „guten Mannschaft“, die das Fahrerteam gebildet habe. Einige Fahrgäste hätten bis zuletzt gehofft, dass sich das Ende doch noch abwenden ließe, sagt Jochen Weber.

Die Fahrer des Bürgerbusvereins trafen sich zu einem letzten Gruppenbild auf dem Wieden: Ulrich Schlotmann, Manfred Müller, Gerd Teipel, Edward Zielinski, Beate de Jong-Teipel, Andreas Glatzel, Michael Baumann, Jochen Weber, Christian Weil (von links nach rechts). Nicht mit im Bild sind die Fahrer Cosimo Viteritti und Peter Krestin.
Die Fahrer des Bürgerbusvereins trafen sich zu einem letzten Gruppenbild auf dem Wieden: Ulrich Schlotmann, Manfred Müller, Gerd Teipel, Edward Zielinski, Beate de Jong-Teipel, Andreas Glatzel, Michael Baumann, Jochen Weber, Christian Weil (von links nach rechts). Nicht mit im Bild sind die Fahrer Cosimo Viteritti und Peter Krestin. © Opfermann, Johannes

Viele waren jahrelang als Fahrer dabei. 2021 konnte man sogar noch neue ehrenamtliche Fahrer hinzugewinnen, doch zu wenig Fahrer waren zuletzt nicht mehr das Problem. „Wir hatten einfach zu wenige Fahrgäste“, sagt die Bürgerbus-Vorsitzende. Die Hoffnung, durch eine 25-Jahr-Feier – sie hätte 2020 im Ratssaal stattgefunden – noch einmal durchzustarten, machte Corona zunichte. Der Fahrgastschwund hatte bereits vor 2015 eingesetzt, als der jetzige Bus angeschafft wurde. In der Coronazeit setzte er sich ungebremst fort. Angesichts so weniger Stammfahrgäste – häufig fuhren die Fahrer sogar ganz allein – liefen dem Verein die Kosten davon. Die Anschaffung eines neuen Busses für rund 100.000 Euro, der dieses Jahr angestanden hätte, war aus wirtschaftlicher Sicht nicht zu verantworten, trotz Sponsoren und Förderung durch das Land NRW.

Versuche eines Fahrers, den Verein auf der letzten Mitgliederversammlung noch umzustimmen, waren angesichts des Fahrgastproblems ebenso aussichtslos wie Überlegungen mit der MVG, die Fahrten anders zu organisieren. Um den Bus etwa wie einen Anrufbus (Alf) einzusetzen, um so Leerfahrten zu vermeiden, hätte der Verein einen Disponenten benötigt und die Fahrer hätten sich auf Abruf die Tage freihalten müssen, so de Jong-Teipel.

Enttäuscht ist sie wie auch Gerd Teipel von der angeblich fehlenden Wertschätzung durch die Stadt. „Andere Städte sind stolz darauf, dass sie einen Bürgerbus haben, der in die Ecken fährt, wo keine Linienbusse hinfahren, davon merkt man in Plettenberg relativ wenig“, so die Vorsitzende des Bürgerbusvereins. Auf die Ankündigung zur Betriebseinstellung im April sei nicht einmal reagiert worden. Dabei machte der Bürgerbus seit etwa 20 Jahren Fahrten zur Kita Himmelmert im Auftrag der Stadt – die einzige fixe Einnahme neben den geringen Fahrkartenverkäufen. „Jeden Morgen um 7 Uhr wurden die Kinder eingesammelt und nach der Kita wieder abgeholt“, sagt de Jong-Teipel. Das Betriebsende des Bürgerbusses Ende Juli wurde extra so gewählt, dass diese Fahrten zur Kita bis zum Ende des Kitajahres ordnungsgemäß bedient werden. „Ein einfaches Dankeschön hätte gereicht“, sagt die Vereinsvorsitzende, die jedoch von der MVG einen Blumenstrauß erhielt.

Der Bürgerbus selbst wird nun Teil des MVG-Fahrzeugpools und könnte als Ersatz für andere Bürgerbusvereine zur Verfügung stehen, wenn deren Fahrzeuge ausfallen. Sollte er nicht benötigt werden, würde der Bus verkauft. so de Jong-Teipel

Bürgerbusverein: Ende nach 27 Jahren

Auf Anregung von Bürgermeister Otto Klehm wurde 1994 der Bürgerbusverein gegründet, der am 15. Mai 1995 seine erste Linienfahrt aufnahm. 2006 verlieh NRW-Verkehrsminister Oliver Wittke dem Verein eine Urkunde für zehn Jahre ehrenamtliches Engagement im Nahverkehr NRW. 2012 verlieh Bürgermeister Klaus Müller dem Verein die Ehrenmedaille der Stadt. 2015 wurde zum 20-jährigen Bestehen der vierte Bus seit Vereinsgründung in Betrieb genommen. Die Jubiläumsfeier zum 25-Jährigen fiel 2020 coronabedingt aus und wurde auch nicht mehr nachgeholt. Im April 2022 löste sich der Bürgerbusverein offiziell auf und gab das Ende des Fahrbetriebs zum 31. Juli bekannt.

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