Plettenberger Weihnachtschor

Der Ausfall des Heiligabendsingens ist in Geschichte des Weihnachtschors einmalig

Plettenberger Weihnachtschor im Jahr 1910
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Nach der Neugründung im Jahr 1902 wuchs der Chor stetig an, sodass an Weihnachten sogar drei Chöre aufgestellt werden konnten, hier ein Bild von 1910.

Was weder Wintereinbrüche noch Weltkriege geschafft haben, schafft in diesem Jahr die Corona-Pandemie: Das Heiligabendsingen fällt aus. In der langen Geschichte des Plettenberger Weihnachtschores ist das ein Novum.

Plettenberg – „Wir haben selbst in unsere Historie schauen müssen, ob es das schon einmal passiert ist“, sagt der 1. Vorsitzende Peter Schlütter. „Aufgrund der Aufzeichnungen kann man sich nur an einen Vorgang erinnern, wo es Streitigkeiten gab. Selbst der Zweite Weltkrieg hat nicht dazu geführt, dass das Singen nicht stattgefunden hat. Dass es ausfällt, ist in der neueren Geschichte des Weihnachtschores das erste Mal.“

Dass der 1475 gegründete Weihnachtschor in früheren Jahrhunderten mal in einzelnen Jahren mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, ist zwar grundsätzlich denkbar, belegt ist aber nur der besagte Streit, der 1902 beinahe zu einem Ausfall geführt hätte.

Streit um den „Niggejörken“

Die Vereinsgeschichte ist besonders gut ab 1882 dokumentiert, als Wilhelm Herzhoff das Amt des Schriftführers übernahm und bis 1953 innehatte. „Die ereignisvollsten Jahre für unseren Weihnachtschor liegen in der Zeit von 1901 bis 1951“, heißt es in den Aufzeichnungen, und weiter: „Bis zum Jahre 1902 konnte das Weihnachtssingen in althergebrachter Weise ausgeführt werden. Da trat plötzlich eine Krise ein und drohte der alten schönen Sitte und Tradition, welche schon viele Jahrhunderte bestanden hatte, ein jähes Ende zu bereiten.“ Hintergrund des Streits war der sogenannte „Niggejörken“, ein Trinkgeld für den Nachtwächter.

Der Weihnachtschor übte nämlich traditionell in der Wohnung des Nachtwächters – etwa fünf bis sechs Wochen vor Heiligabend begannen die Proben – und wurden dabei sehr gut von ihm bewirtet. Der Nachtwächter, der sonst auf seinen nächtlichen Runden durch die Stadt Plettenberg von 10 Uhr abends bis 5 Uhr morgens und zu jeder Stunde sein Wächterhorn blies, hatte auch beim Umzug des Weihnachtschores eine Rolle zu spielen: Sein Horn diente in der Heiligen Nacht zur Ankündigung der Weihnachtslieder, und er wünschte den Bürgern zum Jahreswechsel ein frohes neues Jahr. Für diese seine Bemühungen erhielt er ein Trinkgeld, den sogenannten „Niggejörken“.

Der Plettenberger Weihnachtschor hat eine jahrhundertelange Tradition, hier von Albrecht von Schwartzen in einer Zeichnung festgehalten.

Anno 1902 konnten sich, wie Herzhoff vermerkt, „Nachtwächter Wilhelm Gregory und Polizeidiener Pohle über die fragliche Neujahrseinnahme nicht einigen“. Die Folge: „Der Weihnachtsgesang wurde nun tatsächlich polizeilich verboten, konnte aber von einer kleinen Sängerschar unter gewissen Hindernissen hochgehalten werden.“

Neugründung des Weihnachtschors

„Da waren es die Herren Ernst Koch, Max Weiß und Ernst Hanebeck, unterstützt von Bürgermeister Köhler, welche die alte, schöne Sitte des Weihnachtssingens nicht untergehen lassen wollten“, wie Wilhelm Herzhoff schreibt. Er selbst und auch Ernst Koch setzten sich mit alten Sängern in Verbindung und schließlich wurde für den 20. November 1903 im Gasthof Karl Meinhard eine Generalversammlung einberufen. „Nach einer zündenden Rede“ von Pastor Hermann Klein eröffnete Ernst Koch die Versammlung, an deren Ende der Beschluss stand, den Plettenberger Weihnachtschor neu zu gründen.

Unter anderem wurde Bürgermeister Rudolf Köhler, der sich für den Erhalt der Tradition eingesetzt hatte, zum Ehrenmitglied ernannt. „Der Weihnachtschor erhielt nunmehr die Genehmigung und das Recht, die passiven Beiträge von der Bürgerschaft durch einen Vereinsboten einziehen zu lassen“, schreibt Herzhoff in der Vereinschronik. Die Beiträge sollten laut der neuen Satzung der Deckung der Unkosten dienen sowie für wohltätige Zwecken gespendet werden.

Tradition überlebte selbst Weltkriege

Nach seiner Neugründung konnte der Weihnachtschor immer mehr Sänger hinzugewinnen, sodass an Heiligabend zunächst zwei und dann sogar drei Chöre aufgestellt werden konnten. Sie wurden nach den drei Flüssen Else-, Grüne- und Lennechor genannt. „Dann brach der Erste Weltkrieg aus und raffte viele Sänger dahin“, heißt es in der Vereinschronik. Doch mit Unterstützung der älteren Sänger konnte ein Chor aufgestellt und so die Tradition aufrechterhalten werden. Erst 1928 hatte sich die Sängerzahl wieder gut erholt, auf stattliche 120, sodass für die Heilige Nacht 1928 erneut drei Chöre aufgestellt werden konnten.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 stellte den Chor eine Probe. Schriftführer Herzhoff schreibt: „Während dieses Krieges verzichteten die Sänger auf die übliche Gratifikation und stellten sie den im Felde stehenden Sangeskameraden zur Verfügung.“ In den letzten Kriegsjahren war es demnach trotz Aufbietung der ältesten Sänger nicht möglich, mehr als einen Chor aufzustellen. „Dieser Chor hielt in der Heiligen Nacht unter den schwierigsten Umständen wie Fliegeralarm, schlechte Kleidung usw. das Weihnachtssingen aufrecht.“

Die Sängerzahl war erneut zusammengeschmolzen, sodass die Bürgerschaft in den ausgedehnten Stadtteilen nicht mehr zufriedengestellt werden konnte. Trotzdem taten die Sänger ihr Bestes. Auch wenn die passiven Beiträge zum Unterhalt des Chores schon lange nicht mehr eingezogen wurden, wollten „wir noch in allen Stadtteilen am Heiligen Abend unsere Pflicht erfüllen und fuhren mit einem Lastwagen, besetzt mit einem kleinen Chor, die einzelnen Posten ab“. So hielten wir nun aus, bis die Waffenruhe des Weltkrieges eintraf.

In der Nachkriegszeit entwickelte der Chor sich unter der Führung des Vorsitzenden Paul Thomee erneut sehr gut und wuchs auf mehr als 100 Sänger an. Die Rundfunkaufnahmen in den Jahren 1949 und 1951, mit denen der Weihnachtschor auch Hörern weit über Plettenberg hinaus sein sängerisches Können zeigen konnten, bildeten sozusagen einen krönenden Abschluss dieser ereignisreichen Phase in der Chorgeschichte.

Tradition seit 1475

Der Weihnachtschor geht auf Vorsänger zurück, sangeskundige Männer, die schon im Mittelalter der Gemeinde die Lieder in den Gottesdiensten vorsangen. Sie gingen aus gewissen Sängerfamilien hervor, die immer wieder Vorsänger stellten. Das taten sie so lange, bis sie im Jahre 1474 durch den Einbau der Orgeln in den Kirchen von ihrer Tätigkeit abgelöst wurden. Aber bei den Lichtmessen an Heiligabend sangen sie weiterhin die schönsten Weihnachtslieder der Gemeinde vor. Als nun auch die Lichtmessen von Mitternacht auf morgens verlegt wurden, schlossen sich die Vorsänger zu einem Chor zusammen und zogen jedes Jahr an Heiligabend bis in die frühen Morgenstunden durch die alten Straßen, um das Weihnachtsfest würdig einzuleiten. Und zwar seit 1475, das als Entstehungsjahr des Weihnachtschores gilt.

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