Evangelische Gemeinde in Plettenberg

Das Ende für die Böhler Kirche? Gemeinde spricht sich für anderweitige Nutzung aus

Eine vollständige Sanierung der Böhler Kirche würde über eine Million Euro kosten.
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Ein Gotteshaus in Schieflage: Eine vollständige Sanierung der Böhler Kirche würde die Evangelische Kirchengemeinde über eine Million Euro kosten. Die Gemeindemitglieder sprachen sich daher dafür aus, die Kirche möglichst einer neuen Nutzung zuzuführen.

Die Evangelische Kirchengemeinde Plettenberg befindet sich angesichts immer weniger Gemeindegliedern in einer schwierigen Situation, was die Zukunft ihrer Gotteshäuser angeht. Bei einer virtuellen Gemeindeversammlung ging es vor allem um die Frage, wie es mit der denkmalgeschützten Böhler Kirche weitergehen soll.

Plettenberg – Haben Zahlen auch etwas mit dem Glauben zu tun? Nur indirekt. Doch wenn es um Kirchenschließungen aus Kostengründen geht, scheiden sich die Geister. Auslöser ist die Forderung der Evangelischen Landeskirche NRW nach einer potenziellen Reduzierung der Kirchengebäude und Pfarrstellen. Leidtragende könnte die Böhler Kirche sein, nachdem im Rahmen der digitalen Gemeindeversammlung der Evangelischen Kirchengemeinde Plettenberg deutlich geworden war, dass eine vollständige Sanierung des alten Gotteshauses nicht im Verhältnis zum Nutzen stehen würde.

„Wir haben nur zwei Alternativen: Entweder wir erhalten unsere zwei denkmalgeschützten Kirchen – Christuskirche und Böhler Kirche – und müssen dafür auf unsere Tälerkirchen – Erlöser-, Dreifaltigkeits und Martin-Luther-Kirche – verzichten, oder wir erhalten mit den Tälerkirchen auch die Christuskirche und sanieren die Böhler Kirche nur nach einem Minimalkonzept“, erklärte der Prebyteriumsvorsitzende Peter Winkemann von der Evangelischen Kirchengemeinde Plettenberg.

Gemeinsam mit Knut Brösecke und Thomas Groll, ebenfalls gewählte Presbyter, hatte Winkemann eine Menge an Informationen vorbereitet, um bei der digitalen Gemeindeversammlung am Mittwochabend den zugeschalteten Mitgliedern so viel Hintergrund zu der finanziell schwierigen Lage beim Erhalt der Kirchen wie möglich zu geben.

Lieb und teuer

Bereits bei der ersten Tagung des Presbyteriums im Herbst vergangenen Jahres wurde die prekäre Situation besprochen: Die Böhler Kirche steht unter Denkmalschutz und die Kirchengemeinde hat sich um den Erhalt zu kümmern. Eine Kostenaufstellung des Kirchenbaumeisters Gunther Rohrberg vom März 2020 wies den Betrag von 1,2 Millionen Euro aus, wovon 650 000 Euro allein für das marode Dach und den Kirchturm zu Buche schlugen. An der unter dem Dach 1986 verkehrt installierten Isolierung läuft Kondenswasser an Holz und Wänden in den Kirchenraum. Das Holz fault. Es riecht muffig. Das Mobiliar, die Fenster und auch die Orgel haben durch die hohe Luftfeuchtigkeit gelitten.

Die Elektrik aus dem Jahr 1906 mit den damals modernen Schaltern und Dosen aus Bakelit ist dringend erneuerungsbedürftig und wurde bereits aus Sicherheitsgründen bis auf die Glockensteuerung abgeschaltet. Eine Heizung und zeitgemäße Toiletten müssen eingebaut werden. Die Isolierung muss als Sondermüll, weil toxisch, teuer entsorgt werden. Im Detail ist die tatsächliche Mängelliste noch um einige Punkte länger.

Kosten-Nutzen-Effekt

Ganz abgesehen davon, dass zwischenzeitlich die Preise in der Baubranche erheblich gestiegen sind, wäre es fraglich, wie der Kosten-Nutzen-Effekt der einzelnen Kirchen zu bewerten ist. Wie hoch sind die anstehenden Erhaltungs- und wie hoch die laufenden Kosten? Welche Maßnahmen sind sofort notwendig und welche können später in Angriff genommen werden? Wie viele Gemeindemitglieder kommen zu den Gottesdiensten? Anzahl der Hochzeiten und Taufen? Mehrfachnutzung möglich?

Zu wenig Mitglieder

Anhand einer Grafik wurde sehr eindrücklich verdeutlicht, wo die meisten Kosten zu erwarten sind. Der Ausreißer schlechthin war erwartungsgemäß die Böhler Kirche.

Die Gemeindemitgliederzahl ist auch in der Evangelischen Kirchengemeinde Plettenberg geschrumpft. Mit 5 500 Mitgliedern liegt man unter der Grenze von 6 000 Menschen. Somit stehen nur Ein-Dreiviertel Pfarrstellen zur Verfügung. Pfarrer Dietmar Auner wird aus Altersgründen demnächst seinen Dienst quittieren. Dann wird Pfarrerin Christine Rosner allein im gesamten Bezirk die seelsorgerische Verantwortung tragen.

Ganz allein sei sie aber doch nicht, denn, so Knut Brösecke: „Wir werden künftig verstärkt mit unseren fünf ausgebildeten Prädikanten (Anm. d. Red.: ein weiterer befindet sich noch in Ausbildung) die Gottesdienste mitgestalten. Außerdem können wir noch die Dreiviertel- Stelle nutzen.“

Damit wäre das Konstrukt, die Christuskirche im Mittelpunkt und die Beibehaltung der Tälerkirchen, durchaus denkbar. Das käme auch den 30 bis 40 treuen Kirchenbesuchern in den Tälerkirchen entgegen, die höchst ungern auf „ihre“ Kirche verzichten würden. Peter Winkemann unterstrich diese Lösung mit den Worten: „Wir müssen zu den Menschen und müssen rufen: Ihr Menschen in den Tälern – wir haben Euch nicht vergessen.“

Votum für Tälerkirchen

In dem vorgenannten Konstrukt hat die Böhler Kirche aus den aufgeführten Gründen keinen Platz mehr. Es wäre durchaus denkbar, dass, wenn das Dach saniert wurde und der Kirchenraum wieder trocken ist und ein gesundes Raumklima dadurch herrscht, ein anderer Träger mit neuer Nutzung dem Gemäuer wieder Leben einhauchen könnte.

Bei der Schlussabstimmung der 60 Versammlungsteilnehmer sprachen sich 83 Prozent für den Erhalt der Christuskirche und der Tälerkirchen aus. Einen Erhalt der Christuskirche und der Böhler Kirche hießen ebenso wie den Erhalt von Böhler Kirche und Tälerkirchen nur acht Prozent gut. Damit ergab sich ein eindeutiges Votum der Gemeinde, das das Presbyterium in seiner künftigen Entscheidung berücksichtigen muss.

Reaktionen aus der Versammlung

Dominik Rienäcker: „Nur ein Ort wäre zu wenig für unsere Gemeindearbeiten. Wir müssen uns um die Tälerkirchen kümmern. Zum Beispiel ist der Keller in der Erlöserkirche feucht.“

Bernd Paulus zur Böhler Kirche: „Das Schieferdach ist 100 Jahre alt, die Dämmung wurde 1986 verkehrt montiert und der Zustand der Orgel ist eine Folge des undichten Daches. Eine Heizung ist fehl am Platz, wie Isolierfenster. Wenn das Dach erneuert würde, herrscht auch wieder ein gesundes Raumklima. Die Baukosten liegen dann nach meiner Rechnung bei 750.000 Euro.“

Ralf Heuel: „Ist es nicht möglich, die Böhler Kirche auch anderweitig zu nutzen?“ Antwort Peter Winkemann: „Die Nutzung als reine Kulturkirche ist erst ab 100.000 Einwohnern darstellbar. Die Stadt Plettenberg hätte den ersten Anspruch auf eine Nutzung. Denkbar wäre auch ein Förderverein für die Nutzung der Kirche.“

Katrin Dudeck: „Gehören nicht auch das Dietrich-Bonhoeffer-Haus und die Gemeinderäume an der Kirchstraße zu den in Frage gestellten Gebäuden?“ Antwort Peter Winkemann: „Ja, aber die Nutzung ist gesichert und konnte daher bei der Betrachtung herausgenommen werden.“

Erhard Knabe: „Wie oft wurde die Böhler Kirche in der Vergangenheit genutzt?“ Antwort Knut Brösecke: „In den Jahren 2016 bis 2019 gab es 35 Trauungen und sechs bis sieben Taufen pro Jahr. Gottesdienste fanden an sechs bis sieben Sonntagen in den Sommerferien statt.“

Kevin Risch: „Die Christuskirche und die Böhler Kirche liegen sehr nahe beieinander. Es sollte kein Zurück zur ‘alten Mitte’ geben.“

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