Imbiss-Institution: Plettenberger Pommesbude besteht seit späten 1960er Jahren

Wo die Currywürste brutzeln: Ein Besuch im Wieden-Grill

+
Andrea Laurenz, 52, führt den Wieden-Grill bereits seit zehn Jahren.

Plettenberg – Morgens, kurz nach elf in Plettenberg: Das Fett ist aufgeheizt, die ersten Würstchen brutzeln auf der Grillplatte, Andrea Laurenz hat die rote Kochschürze übergezogen und ist startklar.

„Guten Morgen“, ruft sie dem ersten Kunden des Tages entgegen. Ähm, moment mal. Guten Morgen – an einem Mittwoch um kurz nach 11 Uhr!?

Ja, für Andrea Laurenz ist es im Gegensatz zu vielen Kunden noch früh am Tag. Ihr Arbeitstag hat erst vor wenigen Minuten begonnen, dafür wird sie um kurz vor 21 Uhr in ihrer roten Kochschürze noch immer zwischen Pommes, Schnitzeln und Bratwürstchen stehen. In einer der letzten verbliebenen Frittenbuden Plettenbergs.

Die Currywurst hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr den Rang ablaufen lassen. Döner und Pizza regieren das Geschäft mit dem schnellen Essen in Plettenberg. Klassische Pommesbuden sind dagegen zu einer Rarität geworden. Zwei Extrawurst-Buden an den Rewe-Märkten, die Grillstube in Holthausen, die eher schon Restaurant- als Imbisscharakter hat, und eben der Wieden-Grill von Andrea Laurenz. Das war’s. Kein Vergleich mehr zu den goldenen Frittenjahren mit den Schütz-Imbissen im Wiedenpavillon und in Eiringhausen und dem Turbogrill an der Bahnhofstraße.

Wie also fühlt man sich als eine der Letzten seiner Art? Andrea Laurenz winkt ab. „Es gibt immer wieder etwas Neues. Trotzdem muss man das Altbewährte ja nicht abschaffen.“

Corona regiert Alltag

Vor der Eingangstür hat ein Kunde ganz offenbar Hunger. „Einmal das Käseschnitzel, bitte“, sagt er zu Andrea Laurenz, die als Schutzmaßnahme derzeit einen Tisch in den Eingang gestellt hat, um zu vermeiden, dass Kunden ihren Imbiss betreten. Die Sorgen vor dem Coronavirus regieren eben noch immer den Alltag.

Der Geschäftsmann mit dem Käseschnitzel-Wunsch ist ein schlanker, sportlicher Typ. Einer, der im Regal eher zu den Bodyfit-Hemden greift als zu den XXL-Varianten. Nicht unbedingt der Kunden-Typ, den man sich so in einer Frittenbude vorstellt. „Aber wir haben sie alle hier“, lacht Andrea Laurenz, „junge Leute, Frauen, Männer, Senioren.“ Und ergänzt: „Es gibt sogar einige Türken, die Currywurst essen.“

Der Durchschnittskunde im Wieden-Grill erfüllt dann aber doch das vorherrschende Klischee. Andrea Laurenz muss kurz überlegen, um ihn zu beschreiben. Männlich, mittleren Alters und... – ihr Blick fällt auf ein altes Ankündigungsplakat für Comedian Markus Krebs – „hat so ein bisschen Bauch wie Markus Krebs.“ Sie persönlich mag das ja. „Ein Mann ist nur dann ein Mann, wenn er auch ein bisschen Bauch hat“, lacht die 52-Jährige.

Sie kennt den Großteil ihrer Kunden schon lange, weiß von vielen, was sie bestellen möchten, noch bevor sie ihren Wunsch ausgesprochen haben. Die jahrelange Erfahrung macht’s. Seit elf Jahren steht sie hinter der Theke des Wieden-Grills. Als Mutter und gelernte Industriekauffrau stieß sie auf der Suche nach einer Teilzeittätigkeit im Süderländer auf die Stellenanzeige, bewarb sich und kam so mehr oder weniger durch Zufall an den Aushilfsjob.

Als der Betreiber den Laden im Jahr 2010 abgeben wollte und Andrea Laurenz Interesse daran hatte, wieder mehr zu arbeiten, fügte sich die Situation – und Andrea Laurenz war plötzlich Chefin ihres eigenen Imbisses. „Auch wenn das jetzt nicht mein Kindheitstraum war, habe ich mir gedacht: Einmal im Leben kann man so einen Schritt in die Selbstständigkeit wagen.“ Sie hat diese Entscheidung nie bereut.

Currywurst, Burger, Schnitzel und Pommes bestimmen seitdem ihren Berufsalltag, in dem sie von vier Aushilfen unterstützt wird. Immer freitags gibt es Hähnchen im Angebot und die ganz Mutigen trauen sich auch mal an die verschiedenen Currywurst-Schärfevarianten, bei denen Andrea Laurenz keine Grenzen nach oben kennt. Dachte sie zumindest, als sie sich Carolina Reaper-Pulver von der Kategorie „Schärfegrad 10+, unmenschlich“ besorgte. Von dieser schärfsten Chili der Welt reicht normalerweise eine Teelöffel-Spitze, um im Mund einen Flächenbrand auszulösen. „Und dann kam mal ein Kunde, der es extrascharf haben wollte und der sich das Pulver wie Currygewürz über die Wurst gestreut hat. Ich habe ihn beim Essen beobachtet – und er hat keine Miene verzogen. Unglaublich.“

Currywurst überlebt

Das sind aber eher die Ausnahmen. Der Verkaufsschlager schlechthin bleibt Currywurst-Pommes-Mayo. Auch in den letzten Monaten war der Klassiker in Plettenberg beliebt, wenngleich die Corona-Pandemie für enorme Umsatzeinbußen im Wieden-Grill gesorgt hat. „Ende März haben wir es richtig gespürt“, berichtet Andrea Laurenz. Viele Leute seien in dieser Zeit nicht in den Büros gewesen und so kam auch mittags kaum jemand im Wieden-Grill vorbei.

Aber auch diese Krise ist überstanden, langsam normalisiert sich die Kunden-Frequenz wieder. Laurenz ist guten Mutes. „Die Currywurst wird nicht aussterben“, ist sie überzeugt – auch von der Zukunft ihres Betriebes: „Ich wollte schon noch weitermachen, bis ich das Rentenalter erreicht habe“. Und das sind ja noch ein paar Jährchen...

Andrea Laurenz in ihrem Element: Frittenschälchen, Porzellanteller und das Currygewürz stehen auf Augenhöhe bereit zum Einsatz, an der Wand kleben die besonderen Angebote, im Hintergrund zeigt eine Uhr aus Löffeln, Messern und Gabeln die Zeit an. Und die 52-Jährige? Sie würzt gerade die frisch frittierten Pommes als Beilage für das Käseschnitzel, das ein Kunde soeben bei ihr bestellt hat.

Interview: „Es gibt viele, die sagen: ‘Heute muss es mal sein’“

Frau Laurenz, woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass es immer weniger klassische Frittenbuden gibt?

Andrea Laurenz: Vielleicht haben viele Deutsche einfach keine Lust mehr, Imbisse zu führen. Das mag am Geld oder an den Arbeitszeiten liegen. Aber wenn man zum Beispiel eine Kontischicht macht, ist es mit den Arbeitszeiten doch genauso schlimm.

Vor allem Döner-Imbisse und Pizzerien bestimmen ja inzwischen das Stadtbild in Plettenberg.

Laurenz: Hier gibt es Döner, Pizza, Pommes – da ist doch für jeden etwas dabei. Ich esse ja auch schon mal einen Döner.

Nun ist Fast Food dieser Art ja bekanntlich nicht unbedingt das gesündeste Essen. Haben Ihre Kunden deswegen manchmal ein schlechtes Gewissen?

Laurenz: Es gibt viele, die kommen und sagen: ‘Heute muss es mal sein’. Fast schon wie eine Entschuldigung. Aber die meisten essen ja nicht jeden Tag hier. Und so ungesund ist es ja auch nicht. Wir haben eine gute Wurst von einem guten Metzger. Wenn ich in ein Café oder in eine Eisdiele gehe, tue ich ja auch nichts Gutes für mich.

Gibt es denn Kunden, die jeden Tag kommen?

Laurenz: Ja, auch die gibt es. Wir haben da zum Beispiel einen Jugendlichen, der fast jeden Tag kommt. Vor Corona war er mit zwei Mädels da. Das war ganz witzig, denn die beiden wollten nichts essen, aber haben ihm am Ende den ganzen Teller leer gegessen.

Gerade die jüngeren Leute neigen ja gerne dazu, im Internet Bewertungen zu hinterlassen. Wissen Sie, wie gut Sie bei Google bewertet sind? 

Laurenz: Nein, auf Anhieb kann ich es Ihnen nicht sagen. Aber bei jeder neuen Rezension bekomme ich gleich eine Nachricht aufs Handy. Man hat das schon im Blick.

Wie finden Sie diese neue Internet-Bewertungskultur?

Laurenz:  Sie sorgt leider dafür, dass du nichts mehr sagen darfst, weil du dann fünf Minuten später eine negative Bewertung erhältst. Manchmal würde man sich ja wünschen, auch mal die Kunden bewerten zu können. Es freut mich immer, wenn mir einer direkt sagt, wenn ihn etwas gestört hat, wenn das Schnitzel zu zäh war oder dergleichen. Dann kann man es auch wieder gut machen und der Kunde bekommt dann beim nächsten Mal zum Beispiel ein Schnitzel gratis.

Diese Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt in der rechten Hälfte des Bildes den Wieden-Grill an der Stelle neben der seinerzeit frisch eingeweihten Volksbank, an der er sich noch heute befindet.

Die Geschichte des Wieden-Grills in Plettenberg

Der Wieden-Grill gehört schon zum Inventar der Innenstadt. Wann er genau gegründet wurde, ist nicht ganz klar. „Ein Kunde hat mir neulich erzählt, es war im Jahr 1967“, berichtet Besitzerin Andrea Laurenz. „Auf jeden Fall war es Ende der 60er Jahre.“ Der Name Wieden-Grill ist dabei eng verknüpft mit dem Namen Dieter Eufe. Der Sachse, der heute in Hamburg wohnt, hat den Wieden-Grill seinerzeit auf Kurs gebracht und sich in den Hochzeiten von Pommes und Currywurst auch das ein oder andere öffentliche Wortgefecht mit seinem Konkurrenten Gerhard Schütz geliefert. Eufe übergab den Imbiss schließlich in die Hände von Rita und Werner Zimmermann, die den Wieden-Grill ihrerseits im Jahr 2008 an James Loi übergaben. Die heutige Besitzerin Andrea Laurenz übernahm im Jahr 2010.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare