Coronakrise

Maskenpflicht ist weitere Hürde für Gehörlose

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Solche Masken stellen für Gehörlose eine enorme Hürde dar.

Plettenberg – Seit Montag gilt die Pflicht von Mund- und Nasenschutzmasken für den Einzelhandel und den Öffentlichen Nahverkehr auch bei uns. Die einen sind nun damit beschäftigt, sich noch schnell das bestaussehendste Muster für ihren persönlichen Mund- und Nasenschutz herauszusuchen, die anderen haben arge Befürchtungen und Ängste. Die Gehörlosen unter uns gehören zur letztgenannten Gruppe, denn für sie ist die Gesichtsmimik der Schlüssel zur Kommunikation.

Durch eine Verdeckung des Mundes wird diese Kommunikation aber kaum noch möglich sein. Die Plettenbergerinnen Cornelia Pallas und Anja Fuchs sind hörgeschädigt. Sie erklären das Dilemma mit den Mundschutzmasken wie folgt: Für Hörgeschädigte ist verbale Kommunikation immer ein Zusammenspiel aus hören, absehen des Mundbildes, Wissen um das Gesprächsthema und kombinieren. 

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Fällt ein Teil dieser Kombination weg, erschwert es das Verstehen des Gesagten. Cornelia Pallas erklärt: „Wichtig ist dabei zu bedenken, dass Hören nicht gleich verstehen bedeutet. Durch die Maskenpflicht entfällt der Teil des Absehens und damit eine wichtige Information. Je nach Grad der Hörschädigung kann dies bedeuten, dass damit auch die Information fehlt, dass ich überhaupt angesprochen werde und entsprechend nicht reagiere, was dann schnell als arrogant, überheblich, unfreundlich oder desinteressiert rüberkommen kann, ohne dass ich dieses beeinflussen kann“.

 Sie führt weiter aus: „Diese Kommunikationsschwierigkeit für uns als Hörgeschädigte ist nicht nur ein Phänomen in den Zeiten von Corona“. Jeder Besuch bei einem Arzt, der in seiner Praxis eine Maskenpflicht voraussetze, wie zum Beispiel ein Zahnarzt, glich immer erst einem Aufklärungsbesuch. Alle Themen müssten im Vorfeld ohne Maske mit dem Arzt besprochen werden. „Das ist manchmal mühsam, weil die Ärzte aus der Gewohnheit dieses oft wieder vergessen und dann immer wieder erneut darauf hingewiesen werden müssen. Mit Bohrer oder anderem Werkzeug im Mund ist das nicht immer einfach“, weiß die Hörgeschädigte Cornelia Pallas und ergänzt: „Es gibt noch viele andere Bereiche, sei es bei einer OP im Vorraum oder im Aufwachraum, bei der Nagelpflege und so weiter. Letztendlich habe ich als Hörgeschädigte oft das Gefühl, als lebende Gebrauchsanweisung rumzulaufen, die erst einmal erklären darf, wie die Kommunikation mit mir am besten funktioniert und dieses auch bei derselben Person immer wiederholen darf“. 

Cornelia Pallas erklärt: Da eine Hörschädigung eine nicht sichtbare Beeinträchtigung sei und ein großer Teil der Hörgeschädigten sich nicht zu erkennen gebe, sei es schwierig, eine Lösung in der aktuellen Coronakrise zu finden, die alle zufrieden stelle. Anja Fuchs, ebenfalls eine hörgeschädigte Plettenbergerin und Leiterin des Plettenberger Hörtreffs, sieht folgende Lösung für das Problem mit der Maskenpflicht: „Ich kann nur jedem raten, wenn er Umgang mit Hörgeschädigten hat, aber Mundschutz tragen muss, deutlich und langsam zu reden – das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Ich für meinen Teil kann von Glück sagen, dass alle Arbeitskollegen die Situation verstehen und durch häufiges Wiederholen, Rücksichtnahme und deutliche Aussprache mir und allen anderen Betroffenen die Sache einfacher machen“, so Fuchs. 

Sie sei aber auch auf eine weitere Idee im Internet gestoßen und zwar auf eine Schutzmaske, die ein eingebautes Sichtfenster hat, das den Blick auf den Mund freigibt. Auch Cornelia Pallas habe diese Maskenversion schon entdeckt, sieht die Nutzung aber kritisch: „Das Problem dabei ist, die Maske benötige ja nicht ich selbst, weil ich weiß, was ich sage, sondern mein Gegenüber müsste sie haben, damit ich überhaupt mitbekomme, dass jemand mit mir spricht.“ Sie persönlich suche die Geschäfte aus, „in denen man mich und meine Situation bereits kennt und entsprechend mit mir kommuniziert, indem beispielsweise der Sicherheitsabstand bewusster eingehalten wird und die Maske während des Gespräches mit mir heruntergenommen wird, damit ich ein Mundbild habe“, so Pallas. Was sie von der Einführung der Maskenpflicht halten? „Da die Politik entschieden hat, das öffentliche Leben wieder hochzufahren, ist es vermutlich eines der kleineren Übel. Wir Hörgeschädigten werden damit mehr Probleme haben, als andere Menschen, doch letztendlich bedeutet es für alle Einschränkungen, die unvermeidbar sind“, erklärt Pallas. 

Alles, was für den Umgang mit Hörgeschädigten gelte, gelte laut Anja Fuchs auch für die Senioren, die oft schwerhörig seien und teilweise auch nicht mehr gut sehen. „Ich kann nur jedem raten, wenn er Umgang mit Hörgeschädigten hat aber Mundschutz tragen muss, deutlich und langsam zu reden – das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Ich für meinen Teil kann von Glück sagen, dass alle Arbeitskollegen im Krankenhaus die Situation verstehen. Sie appelliert an alle Bürger auf gegenseitige Rücksichtnahme in diesen Zeiten und freut sich über Menschen, die bereit wären, Masken mit Sichtfenstern zu nähen. „Näher hier in Plettenberg gibt es viele und ich glaube, wenn man die lieb fragt, wären bestimmt einige dabei. Wenn es ums Helfen geht, ist Plettenberg eins.“

Wer kann helfen?

Hörgeschädigte sind aktuell besonders auf die Mithilfe der Mitmenschen angewiesen. Wer kann helfen, Masken mit Sichtfenster zu nähen? Besonders für die Personen im direkten Umkreis der Hörgeschädigten könnten solche Masken einiges bewirken. Näher können sich per Facebook an Anja Fuchs melden oder per Mail an anja-stephan@live.de.

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